„Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben“ (Wilhelm Busch, Knopp-Trilogie, Teil 1)

So unbefangen wie in Wilhelm Buschs Zeiten geht man mit dem Thema „Alkohol“ heute im Zeitalter des sportlich-gesunden Fitnesslebens nicht mehr um. Wir aus der Generation 60 Plus erinnern uns wohl allesamt der Kindertage, als die Männer sich schon vormittags einen Schoppen Wein genehmigten und die Damen nach Kaffee und Kuchen mit Hingabe dem „Eierlikörchen“ zusprachen. Seit vielen Jahren nun aber tobt der gnadenlose Grabenkrieg zwischen Weinjüngern und Schnapsbrüdern auf der einen, Abstinenzlern und Kräutertee-Aposteln auf der anderen Seite. Typisch deutsch gibt es nur ein „Entweder-Oder“. Entweder du lässt die Finger von dem Teufelszeug, oder du stehst bereits mit einem Fuß in der Hölle. In den romanischen Ländern, wo anders als bei uns das Essen und Trinken noch zum Savoir-vivre gehört, sieht man die Dinge etwas gelassener. Dort gilt eher ein „Sowohl-Als auch“: den Aperitif und Wein gibt es sowohl des Mittags als auch zum Abendessen. Weit weniger verbreitet ist die Sitte, sich Bier etc. literweise und ohne zu essen in die Birne zu gießen. Entsprechend findet man dort kaum grölende Trunkenbolde auf den nächtlichen Straßen, und wenn, sind es zumeist Deutsche oder Briten.
Geringer Alkoholkonsum und Gesundheit
Anscheinend ist es so, dass die romanische Variante in der Tat etwas für sich hat: Studien weisen darauf hin, dass moderater Konsum von Alkohol durchaus positive Wirkungen auf die Gesundheit haben kann. So trat das renommierte „Journal of the American Medical Association“ (JAMA) im Jahre 2020 mit einer Studie an die Öffentlichkeit, an der rund 20.000 Probanden teilgenommen hatten. Eines der überraschenden Ergebnisse war, dass niedriger bis moderater Alkoholkonsum bei Menschen mittleren und höheren Alters mit besseren kognitiven Leistungen einherzugehen scheint. („Current low to moderate alcohol consumption among middle-aged or older adults may be associated with better total cognitive function.“)
https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2767693
Diejenigen, die in diese Rubrik fielen, verfügten im Schnitt über einen präziseren Wortschatz und ein besseres verbales Erinnerungsvermögen. Überdies waren ihre Leistungen bei kognitiven Tests denen der Abstinenzler überlegen.
In diesem Zusammenhang ist der Ansatz interessant, den der Neurowissenschaftler Dr. Gordon Shepard in seinem Buch „Neuroenology: How the Brain Creates The Taste of Wine“ verfolgt. Demzufolge soll der Genuss von Rotwein mehr für neuronale Vernetzungen und Gedächtnisleistungen bewirken als etwa mathematische Rätsel.
(„Shepherd comprehensively explains how the specific sensory pathways in the cerebral cortex create the memory of wine and how language is used to identify and imprint wine characteristics.“)
https://cup.columbia.edu/book/neuroenology/9780231177009″>(Neuroenologie)

Was soll man unter mäßigem Konsum verstehen?
Doch was soll man unter geringem bis mäßigem Alkoholkonsum verstehen? In der Studie ging man davon aus, dass die tägliche Menge 0,7 l Bier (5%) bzw. 0,3 l Wein (12%) nicht übersteigen solle, wobei für Frauen die Hälfte gilt. Ist man ein wenig großzügiger, so könnte man also einem gesunden Mann eine Maß Bier (1 l) oder eine halbe Flasche Wein (0,375 l) pro Tag zugestehen. Das ist ein Quantum, das man schon seit vielen Jahren für erlaubt hält.
Schon frühere Studien waren zu dem Ergebnis gekommen, dass leichter Alkoholkonsum kaum negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat, und dass Wein und Bier in Maßen genossen die Herzgesundheit etwa im Gegenteil sogar fördern kann. So kann man davon ausgehen, dass leichter Alkoholkonsum durchaus positive Wirkungen haben kann, wobei man nicht übersehen darf, dass das Risiko mit erhöhtem Konsum wieder deutlich ansteigt, also gilt auch hier keineswegs die Devise „Viel hilft viel“! („More than 100 prospective studies show an inverse association between light to moderate drinking and risk of heart attack, ischemic (clot-caused) stroke, peripheral vascular disease, sudden cardiac death, and death from all cardiovascular causes. [20] The effect is fairly consistent, corresponding to a 25-40% reduction in risk. However, increasing alcohol intake to more than 4 drinks a day can increase the risk of hypertension, abnormal heart rhythms, stroke, heart attack, and death.“) https://www.hsph.harvard.edu/nutritionsource/healthy-drinks/drinks-to-consume-in-moderation/alcohol-full-story/#possible_health_benefits
Trinken in Maßen scheint besser als Abstinenz und hoher Konsum zu sein
Den positiven Effekt auf die kognitiven Fähigkeiten und allgemeine Gesundheit bestärkt auch die Nurses’ Health Study, bei der 11.000 Teilnehmerinnen zwei Jahre lang befragt wurden. Dabei stellte sich heraus, dass bei jenen, die täglich geringe Mengen alkoholischer Getränke zu sich nahmen, ein niedrigeres Mortalitätsrisiko zu verzeichnen war als bei jenen, die abstinent waren wie auch bei denjenigen, die deutlich mehr tranken.
(Regular alcohol intake has both risks and benefits. In analyses using repeated assessments of alcohol over time and deaths from all causes, women with low to moderate intake and regular frequency (> 3 days/week) had the lowest risk of mortality compared with abstainers and women who consumed substantially more than 1 drink per day.)
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4981808/
Rotwein hat offenbar positive Eigenschaften
Besonders dem Rotwein werden oft wahre Wunderdinge nachgesagt. Halten diese Gerüchte eine wissenschaftlichen Überprüfung stand? Die krebsvorbeugende und lebensverlängernde Wirkung konnte zumindest nicht nachgewiesen werden. Der Wirkstoff Resveratrol ist nämlich in derart niedrigen Mengen erhalten, dass man pro Tag an die 100 Liter Rotwein trinken müsste, damit die erhoffte Wirkung eintritt. Gleichwohl wird dem Rotwein eine gesundheitsfördernde Wirkung zugesprochen, wenn die Menge 250 ml nicht übersteigt: das berühmte „Viertele“, oder „il quartino“, wie die Italiener sagen. Was den Nutzen des Weines für die Gesundheit betrifft, so finden sich zwei Inhaltsstoffe, die in den Weintrauben stecken: Antioxidantien und Polyphenole. Sie solle gegen freie Radikale wirken und so die Zellen vor vorzeitiger Alterung schützen. Dem Rotwein werden dabei besondere Wirkungen nachgesagt, unter anderem deswegen, weil bei der Gärung der Rotweintraube auch die Traubenschale mitvergoren wird, die wertvolle Inhaltsstoffe in den Wein abgibt.
Rotwein wirkt auf Herz und Darm
Vieles deutet darauf hin, dass moderater Rotweingenuss eine positive Wirkung auf das Herz-Kreislaufsystem hat. In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf das sogenannte französische Paradox verwiesen: Obwohl in Frankreich traditionell viel Rotwein getrunken wird (heute allerdings deutlich weniger als etwa in der Nachkriegszeit), liegt die durchschnittliche Lebenserwartung höher als etwa in Deutschland oder den USA. Auch die Herzinfarkte sind prozentual gesehen geringer, obwohl man oft und gerne „ungesundem“, fettreichem Essen zuspricht. Erklären könnte man diesen augenscheinlichen Widerspruch mit den Inhaltsstoffe im Rotwein.
„Je nachdem, welche Studie man zugrunde legt, sinkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch einen moderaten Weinkonsum um bis zu 25 Prozent – vorausgesetzt, man führt einen gesunden Lebensstil.“
Auch auf den Darm scheint die Wirkung des Rotweins im Vergleich mit Weiß- und Apfelwein, Bier und Whisky eine positive Auswirkung haben kann. Offenbar scheint er die Darmflora und das Mikrobiom des Körpers zu stärken Bei den anderen untersuchten Getränken zeigte sich dieser Effekt in deutlich geringerem Ausmaß.
https://www.praxisvita.de/ist-rotwein-gesund-3-gruende-die-dafuer-sprechen-19911.html?utm_source
Bier ist förderlich, aber auch nur in Maßen
Allerdings gilt als Grundregel, was schon weiter oben angedeutet wurde: es kommt auf die Menge an, die nicht überschritten werden sollte. Übersteigt der Konsum die empfohlene Tagesmenge dauerhaft, steigt das Risiko für Herz- und Tumorkrankheuten wieder deutlich an.
Auch im Rahmen des allgemeinen Schlankheitskultes ist Alkohol nicht unbedingt als Schlankmacher geeignet. So enthalten 100 ml Rotwein bis zu 85 kcal, dieselbe Menge Bier zwar weniger (um die 50 Kcal), wobei man aber Bier in wesentlich höheren Mengen konsumiert, so dass einiges an Dickmachern zusammenkommt.
Apropos: Wie sieht es denn bei Bier überhaupt aus? Gibt es auch hier gesundheitliche Vorteile? Bier enthält einen interessanten Mix an Mineralien: wenig Kalzium, viel Magnesium. Das wirkt angeblich der Bildung von Gallen-und Nierensteinen entgegen. Außerdem besteht Bier zu 93 Prozent aus Wasser und wirkt in Verbindung mit der enthaltenen Kohlensäure harntreibend. Das könnte der Grund dafür sein, warum bei Biertrinkern Nierensteine offenbar weniger verbreitet sind.
Auch für den Knochenbau scheint Bier förderlich zu sein, vor allem bei Biersorten mit hohem Anteil gemälzter Gerste. Auch haben Biertrinker offenbar ein geringeres Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Vor allem bei Menschen mit bereits bestehender Insulinresistenz und Übergewicht scheint sich moderater Bierkonsum positiv auf die Gesundheit auszuwirken.
Bier überdies dabei helfen, Ablagerungen in den Blutgefäßen entgegenzuwirken. Man geht davon aus, dass der Ballaststoff Beta-Glucan dabei helfen kann, den Cholesteringehalt im Blut zu senken. Nicht zuletzt enthält Bier einiges an lebenswichtigen Nährstoffen. Es enthält Kalzium, Magnesium, Selen, Phosphor, Jod, Kalium, und die Vitamine B6, B12, und Folsäure und versorgt den Körper so mit vielen lebenswichtigen Nährstoffen.
https://www.praxisvita.de/7-gute-gruende-bier-zu-trinken-12327.html?utm_source

Zum Trinken gehört stets ein Imbiss
Die harten Sachen, also Spirituosen, sollen hier ausgeklammert bleiben. Womöglich kann man auch ihnen die eine oder andere positive Wirkung zugestehen, allein das Risiko, viel schneller als bei Bier und Wein in eine Abhängigkeit abzugleiten, wiegt den Nutzen auf. Der Hochprozentige ist halt ein Saft, der eilig trunken macht, und der lustige Flaschenkobold kann sich unversehens in einen Dämon verwandeln, den man nur schwer wieder austreiben kann. Maßhalten ist schon bei den Leichtgewichten Bier und Wein oft ein Balanceakt. Da hilft es sicherlich, die Regeln unserer romanischen Nachbarn zu beherzigen: beim Trinken muss man essen, und wenn es nur kleine Häppchen sind. Auch hierzulande kennt man mittlerweile die Tapas-Bars, in denen nach spanischem Vorbild ein schmackhafter, kleiner Imbiss zum Getränk gereicht wird. Um den Ursprung dieser Tradition ranken sich wie üblich Legenden, eine davon betrifft die Fuhrleute in der Zeit der „katholischen Könige“ Fernando und Isabel, als die Wirtsleute verpflichtet wurden, den Kutschern zum Bier oder Wein einen „Deckel“ (=tapa) in Form von Schinken, Käse oder was immer zur Hand war, zu reichen, damit die Wirkung des Alkohols gemildert werde. („Se obligó a los taberneros a servir la copa de vino o la jarra de cerveza con una „tapa“ que consistía en un plato con algo de comida fría, ya fuera jamón, queso, o lo que hubiera a mano.“) https://www.esquire.com/es/donde-comer-beber/a36129983/tapas-bares-origen-historia/
Dieser Deckel hatte darüber hinaus den angenehmen Nebeneffekt, dass Fliegen davon abgehalten wurden, sich ebenfalls auf den Wein zu stürzen.
Wein ist ein Stück Lebensart

Empfehlenswert sind selbstauferlegte Pausen, in denen man während einiger Wochen komplett auf den täglichen Labetrunk verzichtet. Dann wieder mit Hingabe einen alten Roten entkorken und sich am Abend eine halbe Flasche von dem köstlich funkelnden Traubenblut gönnen! Aber nur, wenn man dies als echte Sinnenfreude empfindet. Wer Wein nur deshalb trinkt, weil man ihm positive Wirkungen auf die Gesundheit nachsagt, wird kaum irgendeinen Genuss dabei empfinden. Man kann natürlich mit asketisch verkniffener Miene Vitamine und Kalorien zählen und Öchslegrade nachmessen: schon wieder ein Gesundheitskärtchen ausgefüllt! Wie so oft scheint man die seelischen Aspekt auch hier zu vergessen, denn Wein muss man mit allen Sinnen genießen und sich vor allem die nötige Zeit dazu nehmen. Am Kaminofen, ein gutes Buch in der Hand, leise Musik im Hintergrund, etwas Brot und Käse- so können Nase, Auge und Gaumen in perfektem Dreiklang das Herz erfreuen. Getreu dem Motto:
Wein, zu reichlich getrunken, gedeihet zum Übeln; zum Segen
Und nicht zum Üblen jedoch, wenn man ihn mäßig genießet. (Theognis [550-490])
(vgl. Karl Christoffel, Durch die Zeiten strömt der Wein, S. 203)

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel gibt nur allgemeine Erkenntnisse zum Thema wider. Er kann einen Arztbesuch keinesfalls ersetzen und darf nicht zur Selbstdiagnose verwendet werden.


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