Ein kluger Mann verehrt das Schwein;
Er denkt an dessen Zweck.
Von außen ist es ja nicht fein,
Doch drinnen sitzt der Speck.

Aus: Wilhelm Busch, Hernach, Innerer Wert

Ja, so waren die kleinen Freuden zu Kaisers Zeiten. Der sonntägliche Schweinebraten war die Krönung der Woche in den kleinbürgerlichen Kreisen, wo sonst eher frugal mit Kartoffeln, Quark und Brot, Mehlspeisen und Gemüsen der Hunger gestillt wurde. Die Frage, ob man Fleisch mit gutem Gewissen essen dürfe, wäre den Menschen damals reichlich verstiegen vorgekommen. Überdies wurden Schweine damals anders gehalten, auf warmem Stroh und mit allem gefüttert, was fett machte. Das kalte Grausen hätte die Menschen angesichts unserer ausgemergelten, fett- und geschmacklosen Turboschweine überkommen, die zerlegt und in Plastik verschweißt massenhaft im Discounter verramscht werden. Das echte Speckschwein wuchs langsam mit Getreideschrot und Kartoffeln und ohne industriellen Kraftfuttermix. Am Ende war es doppelt so schwer wie unsere schnellgemästeten Hungerhaken,an denen kein Gramm Fett zu finden ist. Im Herbst war Schlachttag, und das eine Schwein reichte für die Familie das ganze Jahr. Damals war man in jeder Hinsicht sparsam, aber die Maxime Geiz ist geil war noch unbekannt. Perverse Preiskriege an den Fleischtheken der Supermärkte waren unvorstellbar, wo rosawässigres Schweineschnitzel für 5 € das Kilo verschachert werden. Aber der Verbraucher will es nicht anders und bekommt, was er verdient.

Ethische und gesundheitliche Aspekte sollten auseinandergehalten werden
Ganz anders die Schlacht, die seit einigen Jahren immer verbitterter geführt wird, nämlich die Diskussion, inwieweit Fleischkonsum nicht nur unmoralisch, sondern auch gesundheitsschädlich ist. Viele aus der Generation 60 Plus sind altersgemäß in besonderem Maße an gesundem Essen interessiert, gleichzeitig aber in der Zeit der Fresswelle in den Fünfzigern und Sechzigern mit Schweinshaxen und Bratwürsten aufgewachsen. Die Hungerjahre der Nachkriegszeit kennen die Älteren noch. Doch heute hören sie von allen Seiten näselnde Stimmen, die wenn nicht zur veganen, dann wenigstens zur vegetarischen Ernährung aufrufen. Man muss hier aber fein säuberlich zwei Themen voneinander trennen, die immer wieder vermischt werden.
Das eine ist die ethische Forderung nach einer artgerechten Tierhaltung verbunden mit der Ablehnung der Käfig- und Massenhaltung. Es dürfte sich hier mittlerweile ein großer Anteil der Bevölkerung bereitfinden, für Tierwohl und Qualität einen höheren Preis zu zahlen. Wenn man im ländlichen Raum wohnt, ist es nicht allzu schwer, sich mit Produkten von Familienbetrieben zu versorgen, die z.B. ihre Schweine auf Stroh halten, so wie das früher allgemein üblich war. Auf dem kleinen Hof meiner Großmutter gab es gar nichts anderes, und die Hausschlachtung war ein großes Fest (außer für das Schwein selber), bei dem von morgens bis abends gewurstet, gekocht, geselcht und gesotten wurde. Nur das Räuchern dauerte etwas länger… Das ist also die eine Sache: weniger Fleisch, dafür Qualität aus artgerechter Haltung und anständige Preise für die Landwirte, möglichst unter Umgehung der Discountermärkte. Es ist anzunehmen, dass in dieser Frage viel Übereinstimmung möglich ist, aber die Entscheidung liegt letzten Endes beim Konsumenten.

Der Mensch ist biologisch gesehen ein Allesfresser
Radikaler ist die Position, den Fleischkonsum als solchen zu verteufeln und gar mit Verboten zu liebäugeln, wenn sie denn möglich wären. Begründet wird dieser Standpunkt gern mit der Behauptung, der Mensch sei von Natur aus Vegetarier, aber erst im Laufe der Entwicklung zum perversen Fleischfresser mutiert. Der Beweis dafür ist allerdings nicht stichhaltig. Schon im Biounterricht haben wir gelernt, dass der Mensch seinem Verdauungstrakt entsprechend kein Vegetarier ist, sondern eher Ähnlichkeiten mit einem Allesfresser wie dem Schwein aufweist. Bereits unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, machen regelrechte Treibjagden auf kleinere Affenarten und junge Gazellen. Tierisches Eiweiß von anderen Säugern hat den großen Vorteil, sehr gut verdaut werden zu können, vor allem dann- ein Quantensprung in der Evolution! – wenn es durch Grillen und Kochen denaturiert und somit viel bekömmlicher – und schmackhafter! – wird. Da also auch dieses Argument nicht unbedingt verfängt, setzen radikale Vegetarier und mehr noch Veganer auf die Kombination von fehlender ethischer Vertretbarkeit, alternativen Eiweißquellen und vor allem auf das Gesundheitsrisiko, das mit dem Fleischkonsum angeblich verbunden sei. Da diese Position auf unerhört großes Interesse in den traditionellen und neuen sozialen Medien stößt, ist es nicht erstaunlich, dass sie auf allen Kanälen verkündet, für wahr gehalten und geglaubt wird. Als weiteres Argument wird auf die Klimakatastrophen verwiesen. In durchaus berechtigten Ängsten vor den Folgen von deutlichen Klimaschwankungen in den letzten Jahrzehnten spiegelt sich auch die Befürchtung, die Nutztierhaltung trage zu schädlichen Emissionen bei und sei schon aus diesem Grund abzulehnen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Gesundheit?
Im Deutschen Ärzteblatt liest man hingegen unter dem Titel: „Ernährung und Klima: Fleischfrei gesund und klimafreundlich essen – die Evidenz fehlt“:
„Meldungen über Nachteile des Fleischkonsums nehmen zu und fügen sich zu einem scheinbar konsistenten Strauß von Argumenten für die fleischfreie Ernährung. Vor Kurzem ist zum Beispiel erneut eine Studie erschienen, die eine Assoziation zwischen einem erhöhten Verzehr von Fleisch und der kardiovaskulären Mortalität sowie der Gesamtmortalität verkündet (1). In 6 Kohorten (29 682 Patienten) fand man in 19 Jahren Beobachtungsdauer pro Verzehr von 2 Portionen unverarbeitetem roten Fleisch je Woche für beide Endpunkte eine Risikosteigerung – allerdings um lediglich 3 %. Das ist ein „Pseudoresultat“ und leicht zu entkräften. Denn sowohl Ungenauigkeiten in der Datenerhebung als auch mögliche systematische Fehler in Beobachtungsstudien bedeuten, dass ein relatives Risiko von 1,03 (95-%-Konfidenz-Intervall: 1,01–1,06) schlicht nichts aussagt.“
https://www.aerzteblatt.de/archiv/214649/Ernaehrung-und-Klima-Fleischfrei-gesund-und-klimafreundlich-essen-die-Evidenz-fehlt

Rohkost wird als natürliche Ernährung angepriesen
Eine extreme Form der gesundheitsbewusster Ernährung ist auf Gekochtes ganz zu verzichten und sich vermeintlich „natürlich“, d.h. von Rohkost zu ernähren. Auf den ersten Blick scheint sie ja besonders zuträglich zu sein, was spricht gegen rohe Möhren, Gurken und Salat? Problematischer wird es bei rohem Kohlgemüse, gefährlich gar, grüne Bohnen roh zu essen. Wenn die Rohkost in der täglichen Nahrung überwiegt, können erhebliche Verdauungsstörungen die Folge sein. Nicht nur die echten Rohköstler, auch die Anhänger der Vollwerternährung, die mindestens die Hälfte ihres Tagesbedarfes an Nährstoffen roh verzehren, klagen oft über Blähungen und übelriechende Durchfälle. Unerwartet sind andere Folgen: „In einer anderen Gießener Studie fanden die Forscher bei Probanden, die 95 Prozent ihrer Nahrung roh zu sich nahmen, signifikant mehr Zahnschäden als bei einer Vergleichsgruppe, die sich konventionell ernährte. Als Ursache wird der hohe Anteil an Obst, insbesondere von Zitrusfrüchten, in der Ernährung vermutet; denn die Obstsäuren greifen den Zahnschmelz an und ätzten ihn regelrecht weg. Die Empfehlung möglichst viel Rohkost zu essen, ist also mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Natürlich soll Ihnen hier nicht der Appetit auf einen Tomatensalat oder eine Avocadocreme genommen werden. Essen Sie, was Sie möchten, sofern Sie Lust darauf haben und es gut vertragen. Extreme Ernährungsweisen und solche, die die biologischen Fakten ignorieren, sind jedoch immer bedenklich.“
https://www.amazon.de/Lexikon-popul%C3%A4ren-Ern%C3%A4hrungsirrt%C3%BCmer-Mi%C3%9Fverst%C3%A4ndnisse-Fehlinterpretationen/dp/3492240232

Die Zubereitung auf dem Feuer fällt noch in die Zeit vor dem Homo sapiens
Das Argument, gekochte und gegrillte Nahrung sei besonders schädlich, steht gleichfalls auf tönernen Füßen, schließlich liegt die Nutzung des Feuers in ihren Anfängen bereits über 1,5 Millionen Jahre zurück, d.h. sie fällt noch in die Zeit des Homo erectus. So liest man in einem Artikel des Spiegels vom 03.04.2012 über eine Fundstelle in Südafrika: „Der Fund deute darauf hin, dass nicht erst Neandertaler und moderner Mensch, sondern schon Frühmenschen wie der Homo erectus gelernt hatten, Feuer zu entfachen. Eine Analyse von Backenzähnen des Homo erectus deutet laut einer älteren Studie ebenfalls darauf, dass diese Menschen bereits an warme Speisen angepasst waren. Laut der These des Biologen Richard Wrangham müsste Homo erectus sogar schon vor 1,9 Millionen Jahren Essen gekocht haben.“
https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/homo-erectus-nutzte-vor-einer-million-jahren-feuer-a-825225.html
Mithilfe des Feuers konnten sich die Frühmenschen Zugang zu ganz neuen Nahrungsquellen verschaffen, bittere Knollen und andere schwer verdauliche Pflanzen wurden so bekömmlich und lieferten durch die enthaltene Stärke neue Energiequellen. In diese Phase der Evolution fällt das sprunghafte Wachstum unseres Gehirns, wobei zumindest nicht auszuschließen ist, dass der wachsende Fleischkonsum dazu beigetragen hat. Denn dadurch, dass er Nahrung im Feuer briet, konnte der Mensch einen guten Teil seiner Verdauung außerhalb der Körpers verlegen- die Energie, die er so in hohem Maße einsparte, konnte für die Weiterentwicklung des Gehirns eingesetzt werden und mit entsprechend wachsender Intelligenz wurden die Frühmenschen immer findiger. „Insofern war die Erfindung des Kochens ein entscheidender Schritt in der Evolution des Menschen. Nicht zuletzt gewann er dadurch Zeit und Energie für andere Tätigkeiten.“ Im Vergleich mit Pflanzenfressern haben Beutegreifer einen relativ kurzen Darm. „Beim Menschen sich der gesamte Verdauungsapparat im Laufe der Evolution zum Typus des Allesfressers hin entwickelt, anfangen von den Kiefern und den Zähnen hin zum Darm – mit einer Länge, die zwischen der von reinen Pflanzen- und¬ reinen Fleischfressern liegt. Ein Schimpanse (der sich überwiegend pflanzlich ernährt) von der Größe eines Menschen besäße einen doppelt so großen Darm, wie wir ihn haben.

https://www.aerzteblatt.de/archiv/214649/Ernaehrung-und-Klima-Fleischfrei-gesund-und-klimafreundlich-essen-die-Evidenz-fehlt

Fazit:
1. Es fehlen Beweise für gesundheitsschädliche Folgen eines mäßigen Fleischkonsums.
2. Der Mensch ist im Laufe seiner langen Evolution zum Allesfresser geworden, er ist biologisch gesehen kein Vegetarier. Daran ändert auch der erhobene Zeigefinger nichts. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich Vegetarier, die auch Eier und Milchprodukte zu sich nehmen, sich nicht vollwertig ernähren können.
3. Wir können uns auch von pflanzlicher Rohkost ernähren, sollten dies aber nicht ausschließlich tun, außer es bekommt uns. Die menschliche Evolution ist durch das Kochen von Fleisch und Gemüse (eine „Vorverdauung“ außerhalb des Körpers, die Energien anderswo freisetzt) deutlich vorangeschritten.
4. Die Bedeutung der Nutztierhaltung für die Klimaerwärmung wird überschätzt.
5. Massentierhaltung oder Tierwohl- diese Entscheidung liegt allein in unserer Hand. Es gibt gute Gründe, seinen Fleischkonsum deutlich zu reduzieren. Dann isst man eher selten Fleisch, wobei man auf Qualität und Herkunft achtet und bereit ist, auch einen entsprechenden Preis zu zahlen. Familienbetriebe, die zur traditionellen Tierhaltung zurückgekehrt sind, stellen mit Direktvermarktung und kurzen Einkaufswegen eine hervorragende Alternative da.


Über den Autor ANAKREON

Teile deine Gedanken

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. erforderliche Felder sind markiert

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}

Damals ging alles noch ohne Messgeräte… (Wilhelm Busch, Folgen der Kraft) Daran erkenn’ ich den gelehrten Herrn! Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern; Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar; Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr sey nicht wahr; Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht; Was ihr nicht

Weiterlesen

You must sleep some time between lunch and dinner , and no half-way measures. Take off your clothes and get into bed. That’s what I always do. (Sie müssen zwischen Mittag- und Abendessen eine Zeitlang schlafen und dürfen dabei keine halben Sachen machen. Ziehen Sie die Kleider aus und gehen Sie ins Bett. Das mache

Weiterlesen

Die meisten der Generation 60 Plus werden sich daran erinnern, dass das Leben früher vielleicht langweiliger, aber auch übersichtlicher und geregelter war. Sonntags Anzug bzw. Kostüm, alltags Blaumann oder Kittelschürze. Morgens um halb sechs schellte der Wecker, um acht Uhr abends war Tagesschau, danach der Krimi oder Western. Millionen lebten im gleichen Takt, aßen Kartoffeln,

Weiterlesen

Er blickt nach Rieke Mistelfink, Ein Mädel sauber, stramm und flink. Sie reinigt grad den Ziegenstall; Und Friede waltet überall. aus: Wilhelm Busch, Balduin Bählamm Ja, früher war die Welt noch ökologisch und natürlich. Dann folgten Schreckenszeiten. Die Älteren aus der Generation 60 Plus werden sich vielleicht daran erinnern, als das Essen- als man es

Weiterlesen

Lucas Cranach “Der Jungbrunnen” 1546, Staatliche Museen zu Berlin—Preußischer Kulturbesitz, Gemäldegalerie. Einem bejahrten Manne verdachte man, daß er sich noch um junge Frauenzimmer bemühte. „Es ist das einzige Mittel“, versetzte er, „sich zu verjüngen, und das will doch jedermann.“ (Goethe, Maximen und Reflexionen) Das also war der Jungbrunnen des 72jährigen Dichters, als er die 17jährige

Weiterlesen

Die Meldung, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) werde demnächst Kantinen vorschreiben, nur noch 70 Gramm Fleisch pro Person und Woche aufzutischen, sorgte vor einigen Wochen für großen Wirbel. Nachdem die BILD-Zeitung vorgerechnet hatte, es werde also demnächst nur noch einmal im Monat eine Currywurst erlaubt sein, beeilte sich die DGE festzustellen, so eine Empfehlung

Weiterlesen