Mit wenig Fett und vieler Grütze,
Gehst früh zu Bett in spitzer Mütze
Und trinkst zuletzt ein Gläschen Wasser.
Schlaf wohl und segne den Verfasser!

So lauten Verse aus dem Gedicht „Empfehlung“ von Wilhelm Busch, dem genialen Dichter und Maler, der seit Generationen die Menschen hierzulande mit seiner Sprachkunst erfreut. An den wenigen Versen ist abzulesen, dass das gesunde Leben auch vor über 120 Jahren schon ein Thema war- wenn auch mit einem Augenzwinkern. Das heilignüchterne Wasser! Gleichwohl wäre es Wilhelm Buschs Zeitgenossen kaum in den Sinn gekommen, es so zu halten wie viele Leute zumindest in der westlichen Welt. Wo man geht und steht wird die Wasserflasche gezückt, der Blick versonnen in den Himmel gerichtet. Ob das aber mit tiefer Einsicht verbunden ist, darf bezweifelt werden. Denn es geht darum, Wasser gurgelnd in den Schlund zu spülen.
Wasser! Quell des Lebens und Sinnbild für das ewige Werden und Vergehen. So war es einst: das Wasser des Dorfbrunnens erquickte den durstigen Wanderer, auf dem Tisch der Schenke labte es die Gäste, war Lebenselixier und doch nur zu bestimmten Momenten verfügbar, zum Essen und in der Arbeitspause. Aber allgegenwärtig wie heute?


Flaschenkinder stolpern durch die Gegend

Mal ehrlich: können Sie sich daran erinnern, dass in Ihrer Kindheit und Jugend bei jeder Gelegenheit Plastik-Einwegflaschen (gab es die überhaupt schon? Wir hatten nur Pfandflaschen aus Glas) gezückt und deren Inhalt unter röhrendem Gegurgel hinuntergespült wurde? Ob im Bus, Zug, Schule, Büro, Werkstatt, Seminar: Anscheinend geht nichts mehr ohne die Flasche am Hals. Besonders auffällig sind diese Auftritte in öffentlichen Gebäuden, Museen oder Kathedralen; den Blick himmelwärts gerichtet stolpern die Besucher durch die Gewölbe, nicht etwa um die barocken Puttenengel zu bewundern, sondern sich wieder eine Ladung Wasser in die hohle Birne zu gießen. Man fragt sich: Wie kam es zu dieser Umerziehung der Völker Europas, der abstruse Ratschlag zu trinken, bevor man Durst hat – eine Gewohnheit, der bisher eher bei Alkoholikern- allerdings in anderer Form!- verbreitet war. Ganz abgesehen von dem wenig erhebenden Anblick, den Leute bieten, wenn sie aus der Flasche trinken, trägt dieser Plastikflaschenwahnsinn nicht unerheblich zu unseren Wohlstandsmüllbergen bei.

Zwei Liter pro Tag
Zugegeben, Modetorheiten gab es schon immer, und oft genug sind sie ja einfach nur harmlose Macken, wie der Wackeldackel im Auto oder die Gartenzwerge. Aber die bedurften keiner Werbekampagnen. Hingegen rufen Ernährungsexperten und solche, die sich dazu berufen fühlen, bekanntlich seit Jahren dazu auf, mindestens zwei Liter Flüssigkeit pro Tag zu sich zu nehmen, am besten in Form von Wasser. Und besonders eine Klientel steht hier im Focus: die Generation 60 Plus, wir, die Älteren, da wir des feuchten Elements in besonderer Weise bedürfen. Warum? Weil wir es allzu leicht vergessen könnten…Unbestreitbar ist, dass bei älteren, oft pflegebedürftigen Menschen in der Tat die Gefahr einer Dehydrierung bestehen kann. Das mag aber auch dadurch verstärkt werden, dass man Älteren oft salzarme Kost serviert, um den Bluthochdruck nicht zu fördern. Da kann schon mal der Durst ausbleiben.

Trinken nach zeitlicher Vorgabe?
Gleichwohl besteht wohl Einigkeit dahingehend, dass dies nicht Leute betrifft, die selbstbestimmt und unabhängig leben. Und doch versucht uns die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) weiszumachen, Durst sei „nur in Ausnahmesituationen Stimulus zur Flüssigkeitsaufnahme“. Also sollte man sein Smartphone so entstellen, dass es alle halbe Stunde piept: Wasser marsch! Dabei gilt es aber darauf zu achten, welches Wasser man trinkt. Hierzulande sind wir zwar in der glücklichen Lage, viele gesunde Quellen zur Verfügung zu haben, dennoch finden sich immer wieder Sorten, von denen abzuraten ist. Entweder werden Reste von Pestiziden festgestellt oder Belastungen mit Uran, Radium und Bor. Das sind zwar nur sehr wenige Marken, gleichwohl sollte man sich kundig machen.
https://www.chip.de/news/Radium-im-Mineralwasser-Von-diesen-Marken-sollten-Sie-die-Finger-lassen_182827719.html?layout=amp

https://www.ruhr24.de/service/oekotest-2021-mineralwasser-test-testsieger-kunden-mangelhaft-uran-san-pellegrino-deutschland-90824289.amp.html

Wasser ist auch in fester Nahrung enthalten
Offensichtlich scheinen unsere Experten bisweilen eine Tatsache zu übersehen, die jeder Lehrling in der Lebensmittelbranche lernt, dass nämlich auch feste Nahrung zum Teil aus Wasser besteht, und zwar oft in beträchtlichem Ausmaß. Eine Gurke setzt sich zu 97 Prozent aus reinem Wasser zusammen, eine Tomate zu 94 Prozent. Ein Fruchtsaft enthält dagegen nur 86 Prozent Flüssigkeit – und noch weniger, wenn man dem Unsinn der „naturtrüben“ Säfte aufsitzt. Soll man nun zur Gurke etwas essen und zum Fruchtsaft etwas trinken? Bereits im Jahre 1929 konnte man in der »Volksernährung«, der damaligen Fachzeitschrift der Ernährungswissenschaften lesen: »Wasser ist für menschlichen Körper unentbehrlicher Bestandteil. Der tägliche Bedarf beträgt etwa 2-3Liter. Diese Menge ist zum größten Teil in den festen und flüssigen Speisen vorhanden. Zuviel trinken ist unnütz und sogar schädlich für den Kreislauf und die Harnorgane.« Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Zu viel Wasser kann auch schaden
Der lebendige Beweis sind Sie und ich, die wir in unseren jungen Jahren nicht ständig zur Tränke getrieben wurden. Ich erinnere mich noch lebhaft an meine Großmutter, Gott hab sie selig, wie sie uns mahnte, wir sollten nicht so viel trinken, sonst bekämen wir einen „Wasserbauch“. Aber, so wird sich manch einer sagen, schaden kann’s ja wohl nicht, oder? Weit gefehlt. „Wird zu viel Wasser getrunken, können die Nieren die Flüssigkeit nämlich nicht verarbeiten: Der Salzhaushalt des Körpers gerät durcheinander und wichtige Nährstoffe und Mineralien werden herausgeschwemmt. Die Konzentration der Natriumionen ist vermindert. Die Tatsache, dass bei der sportlichen Betätigung zuvor schon viele Elektrolyte aus dem Körper geschwitzt wurden, verschärft die Situation zusätzlich. Die Folge sind Übelkeit und Erbrechen, Konzentrationsschwäche, Schwindel, verstärktes Schwitzen, Atembeschwerden und extreme Müdigkeit. Tückisch ist, dass diese Symptome der Wasservergiftung ebenfalls auf einen Wassermangel hinweisen könnten. Viele Betroffene deuten die Zeichen daher falsch und trinken noch mehr – mit schwerwiegenden Folgen.“
https://www.fitforfun.de/news/gesund-trinken-kann-zu-viel-wasser-schaedlich-sein-303423.html

Auf das natürliche Durstempfinden ist Verlass
Typische Opfer von Wasservergiftungen sind vornehmlich Ausdauersportler, von denen einige so viel trinken, dass es zu lebensbedrohlichen Wasseransammlungen in Gehirn und Lungen kommen kann. Häufige Opfer sind weiterhin junge Frauen, die meinen, ihre Diät besser durchhalten zu können, wenn sie ständig am Wasserglas nippen, denn so erreichen sie eine gewisse Magenfüllung und gaukeln dem Körper ein kurzzeitiges Sättigungsgefühl vor. Auch viele Essgestörte geben sich aus diesem Grund dem ständigen Wassertrinken hin und empfehlen es auch gerne weiter. Durch die mangelhafte Nahrungszufuhr während einer Diät werden aber weder ausreichend Salz zugeführt noch andere osmotisch wirksame Substanzen wie Harnstoff oder Glucose. Womöglich sind diese Übertreibungen eben auch die Folge des Verhaltens der „Generation Wasserflasche“, die meint, bei jeder Gelegenheit zum kühlen Trunk zu greifen.

Soll man etwa nur trinken, wenn man durstig ist?

Gleichwohl gibt es ein sehr einfaches, weil bewährtes Mittel, um herauszufinden, ob es dem Körper an Wasser gebricht, und zwar ganz ohne technischen Firlefanz: man könnte sich zur Abwechslung einmal auf das natürliche Durstempfinden verlassen. Dann wird man bei Anstrengung und Hitze auch ohne Litermaß im Kopf mit Sicherheit wesentlich mehr trinken als in Ruhe und Kälte. Auf diese Weise wird man es stets zur rechten Stunde mit einem Versgedicht aus den 13. Jahrhundert halten: ‘Dô huob er ûf unde tranc’. Allerdings gesundheitspolitisch ganz und gar unkorrekt bestand das Getränk, auf das hier ein Loblied gesungen wird, aus Wein. Tempora mutantur- die Zeiten ändern sich. Zeitlos bleibt hingegen bleibt dieses wunderschöne Gedicht von Antonio Machado. Wer könnte hier an eine Wasserflasche aus Plastik denken?
Tu garganta, niña,
es tan clara y bella
Que el agua que bebes
Se ve por ella.

Dein Hals, mein Mädchen,
Ist so schön und so rein-
Hast du Durst und trinkst Wasser,
Scheint er gläsern zu sein.

(meine Übertragung)

Literatur:
Udo Pollmer/Susanne Warmuth, Lexikon der populären Ernährungsirrtümer. München 2009

https://www.amazon.de/Einsamkeiten-Soledades-Gedichte-Antonio-Machado/dp/3100487613

Bitte beachten:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


Über den Autor ANAKREON

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