Februar 11, 2023

Bild: Wilhelm Busch, Tobias Knopp

Gerne der Zeiten gedenk‘ ich, da alle Glieder gelenkig – bis auf eins.
Doch die Zeiten sind vorüber, steif geworden alle Glieder – bis auf eins.
Johann Wolfgang v. Goethe

Ja, der auch alte Goethe kannte das: ein Männertraum kann sich mit der Zeit in ein Männertrauma verwandeln- heute gilt das mehr als je zuvor, da wir ja alle, wenn schon nicht mehr jung, doch auf jeden Fall „jung geblieben“ sind und das erfüllte Liebesleben zum alleinigen Daseinszweck erhoben worden ist. Das war vor wenigen Jahrzehnten noch ganz anders. Wer aus der Generation 60 Plus erinnert sich noch an „Helga- Vom Werden des menschlichen Lebens“, der 1967 im Auftrag der Gesundheitsministerin Käte Strobel in die Kinos kam? Das ehrenwerte Filmwerk erreichte allein in Westdeutschland fünf Millionen Zuschauer und stillte mit seinem pädagogischen Anliegen offenbar ein tiefes Bedürfnis. Ähnlichen Erfolg konnte Oswald Kolles Feldzug für Freizügigkeit im Bett für sich verbuchen. Auch für die Jugend wurde einiges getan. Die Jüngeren aus der Generation 60 Plus kennen sicherlich noch die Bravo und Dr. Sommer, der mit Leserbriefen besorgter Heranwachsender bombardiert wurde. Hinter dem sympathischen Namen verbarg sich in Wahrheit ein ganzes Psychologen-Team, das bis zu 5.000 Zuschriften pro Woche beantwortete. Die Bravo war wahrscheinlich der wichtigste Beitrag zur Aufklärung jener Generation, die heute die 60 überschritten hat. Wer in den frühen 1960er Jahren großwurde, kann aus eigener Anschauung kaum mehr ermessen, wie sehr erotische Bedürfnisse in den Jahrzehnten zuvor mit Tabus belegt waren, sowohl in den Medien als auch im privaten Bereich. Eine allgemeine Verklemmtheit und Prüderie zog sich durch alle Altersklassen und sozialen Schichten, bis die „Revolution im Bett“ mit der Pille im Gepäck endlich Schluss machte mit den Neurosen und der Triebunterdrückung und für eine natürliche, freie Einstellung zur körperlichen Liebe und für ein erotisch erfülltes Leben sorgte. Soweit der Werbeblock für die vermeintlich schöne, neue Welt.

Neues Spiel, neues Glück
Nur darf man die Tatsache nicht übersehen, dass das Pendel zwar seit geraumer Zeit in die entgegengesetzte Richtung schwingt, gleichwohl nun aber Neurosen und Komplexe ganz anderer Art entstanden sind. Was sich früher züchtig im Dunklen unter der Bettdecke abspielte, wird nun ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt und in Talkshows vor einem voyeuristischen Publikum breitgetreten. Auch im privaten Bereich scheint alles dem Primat der Erotik untergeordnet und Bäumchen-wechsel-dich ist angesagt. Wer in einer „Beziehung“ oder gar Ehe lebt, die mehr als 20 Jahre anhält, fühlt sich wie ein Dinosaurier, der den Knall des Meteors noch nicht gehört hat. Die Zwangssexualisierung setzt schon im Kindergarten ein und ist im täglichen Leben omnipräsent. Kritik daran gilt als Hochverrat bzw. als Zeichen für ewig-gestriges Gedankengut aus der verstaubten Ecke des Heimatfilms. Eltern haben kaum eine Chance, ihre Kinder vor dem Dauerfeuer auf allen Kanälen zu schützen, die die sexuelle Erfüllung als einzig erstrebenswertes Ziel im Leben preisen. Wer dem Trend folgen will, muss mithalten können. Gegen SM-Geschirr, vibrierende Spielzeuge und Potenzpillen aus dem Internet nimmt sich das Kamasutra wie eine Rollator-Polonaise auf dem Seniorentanztee aus.

Werte wandeln sich mit den Zeiten
In der Generation unserer Großeltern war all dies kein Thema. Nach langen Arbeitstagen auf Feld und Hof, oder schlimmer noch, am Webstuhl oder am Hochofen, kam für zartes Liebesgetändel nur selten die rechte Kraft und Stimmung auf, zumal dann, wenn die Kinder größer wurden und in den beengten häuslichen Verhältnissen keine wirkliche Intimität möglich war. Da nach kirchlicher Lehre das eheliche Beilager nur dann sündenfrei war, wenn es zum Zwecke der Zeugung von Kindern geschah, spielte sich jenseits der 40 bei Frauen nicht mehr allzu viel ab. Noch bis ins 20. Jahrhunderte argwöhnte die Kirche den Teufel hinter jedem Ehebett und anderer Zeitvertreib darin als Schlafen wurde nur im Hinblick auf Nachwuchs geduldet, und auch das nur als notwendiges Übel. Daher waren Intimitäten an allen Festtagen verboten. Das war allerdings bei weitem keine christliche Erfindung. Die alten Griechen und Ägypter durften „danach“ nur gründlich geschrubbt ein Heiligtum betreten, bei den Babyloniern kam noch ein Rauchopfer hinzu und die Assyrer hielten sich für so unrein, als hätten sie einen Toten berührt. Dagegen mutet die christliche Einstellung geradezu liberal an, auch wenn es als Versuchung des Satans angesehen wurde, sollte man den Liebesakt als Genuss empfinden. In der Enzyklika „Humanae Vita“ (1968) empfahl Papst Paul VI. den Eheleuten daher die „keusche Umarmung“, was immer man sich darunter vorstellen mag- oder besser nicht. Gleichwohl galten bis in die jüngste Vergangenheit andere Wertvorstellungen, so dass sich Frustrationsgefühle in Grenzen hielten- oder erst so richtig anstauten. Das Leben war bei vielen immer noch auf Seelenheil und Jenseitsglauben ausgerichtet und erotische Phantasien waren mit schweren Schuldgefühlen belastet. Katholiken zumindest konnten solcherlei Sündenfracht im Beichtstuhl abladen, bevor man sich aufs neue unzüchtigen Tagträumen (und mehr) hingab. So hielt es zumindest meine Generation, und es war ein Jux erster Güte, einem Kameraden den Beichtzettel zu klauen und seine Verfehlungen unter allgemeinem Gejohle allen vorzulesen. Das war ja noch lustig. Gewalt und Schläge in der Familie indes waren nicht nur auf die Erlebnisse traumatisierter Väter der Kriegsgeneration zurückzuführen, sondern hatten mit Sicherheit auch mit der Verbitterung dieser Männer angesichts ihres enttäuschenden Liebeslebens zu tun.

Alles im Dienste der Gesundheit
Trotz aller Freiheiten und abgeschnittener alter Zöpfe dauert diese Art von Verdruss bei vielen Männern an. Unzufriedenheit in der Paarbeziehung wird bei ihnen auch heute noch als erstes mit mangelnder Quantität und Qualität des Liebeslebens in Verbindung gebracht. Frauen assoziieren die körperliche Zufriedenheit mit dem Partner eher mit vertraulicher Intimität und der Dauer einer Beziehung. Während man in früheren Zeiten einen Mantel des Schweigens über dieses Thema legte, wird es heute auf allen Kanälen zerlegt. Wer dazugehören will -vor allem als Mann- muss mithalten können. Allgemein ist die Vorstellung propagiert worden, zufriedene Paare hätten mehr Spaß im Bett, und je öfter, desto glücklicher seien sie. Aber man sollte nicht übersehen, dass das Liebesspiel nur eine Form der Intimität ist und dass manche Paare auch mit sehr wenig oder ganz ohne ziemlich glücklich miteinander sein können. Anders als die Talkrunden suggerieren, gibt es kein Optimum an sexueller Aktivität- das ideale Maß ist das, mit dem beide Partner zufrieden sind. Verglichen mit dem, was sich in anderen Kulturen abspielt(e), herrscht in der vermeintlich freien Moderne ohnehin eine beispiellose erotische Ödnis, und viele Frauen können den verkrampften Hampeleien ihrer Bettgenossen kaum etwas abgewinnen. Da hilft es auch wenig, wenn Hingabe an die Fleischeslust als Gymnastikübung im Dienste der Gesundheit angepriesen wird. Sie verbessere den Schlaf, die Stimmung und bei Frauen die Blasenkontrolle; helfe, Stress und Ängste anzubauen und sei einem niedrigeren Blutdruck förderlich. Bei Männern sinke das Risiko von Prostatatumoren und ganz allgemein die Gefahr von Herzerkrankungen. Von allzu sportlichen Übungen im Bett allerdings raten Mediziner Liebespaaren ab: Wenn die Pumpe schlappzumachen droht, muss man nicht unbedingt das Kamasutra durchturnen. Das erinnert an den neuen Ernährungskult, bei dem es nicht um Genuss und Geschmack geht, sondern um ein langes, karges und freudloses Leben.

Beschwingt im Stil der neuen Zeit
Wer meint, die Generation 60 Plus sei von all dem nicht mehr betroffen, irrt sich gar gewaltig. Silver Sex heißt das Schlagwort, denn dank der blauen Pillen kann Mann es krachen lassen, bis der Arzt kommt. Die veröffentlichten Statistiken sprechen ebendiese Sprache: auch jenseits der 60 fliegen die Fetzen. Allerdings muss man bei den Umfragewerten Vorsicht walten lassen, denn gerade Männer neigen dazu, die Häufigkeit solcher Liebesfreuden höher anzusetzen als in Wirklichkeit. Wenn also die Erhebungen, die seit 1972 in dem USA durchgeführt werden, halbwegs zutreffen, frönen verheiratete Männer und Frauen aller Altersklassen im Durchschnitt 58-mal pro Jahr einem innigen Zusammensein mit ihrem Ehepartner, also etwas mehr als einmal pro Woche. Bei Paaren unter 30 geht es erwartungsgemäß deutlich wilder zu, die höheren Semester, also 60 Plus, steigen im Schnitt noch 20-mal pro Jahr gemeinsam in die Kiste, also immerhin fast alle 14 Tage. Bei schätzungsweise 15 Prozent der Paare kam es kaum noch oder nur äußerst selten zu Intimitäten. Unproblematisch, wenn das im gegenseitigen Einvernehmen geschieht. Eine im Journal of Sex and Marital Therapy veröffentlichte Umfrage ergab, dass etwa 50 % der heterosexuellen Paare mit dem Umfang ihres Liebeslebens zufrieden waren. Diese Paare hatten im Allgemeinen auch eine positivere Sicht auf ihre Beziehung. Die Mehrheit der unzufriedenen Männer gab an, dass sie sich vernachlässigt fühle, was sich auch in anderen Bereichen auf ihre Partnerschaft auswirke. Von den enttäuschten Frauen nannten weitaus weniger ein unbefriedigendes Liebesleben als Grund.

Chillen mit den blauen Pillen
Anscheinend hat sich auch bei der Generation 60 Plus mithilfe einschlägiger Potenzmittel einiges verschoben. Bis vor kurzem hing geschlechtliche Aktivität sehr eng mit dem fertilen Lebensabschnitt zusammen. Wer im früheren Zeiten Kinder hatte, konnte damit eine gewisse Tüchtigkeit und Verantwortung vorweisen. Für Frauen war dann mit spätestens 45 Schicht im Schacht, Männer konnten es immerhin noch deutlich länger zu Vaterfreuden bringen. Fast unbekannt aber waren 70-Jährige, die Kinder zeugten. Wenn das Kleine volljährig wird, kann der Papa allerdings schon auf dem Friedhof liegen. Und manch ein alter Haudegen spürt urplötzlich wieder Schmetterlinge im Bauch und lacht sich eine 30 Jahre jüngere Freundin an. Viele Männer spötteln zwar darüber, zollen dem Don Juan aber klammheimlich Anerkennung. Manche sind einfach nur von Neid zerfressen. Andere wiederum schütteln den Kopf: Was tut sich der arme Kerl nur für einen Stress an! Früher war das Alter entspannend, abgesehen, von den üblichen Zipperlein. Man konnte sich zurücklehnen, hatte Zeit, konnte anderes und auf andere Art genießen als die Jungen. Man war ja endlich vieler Pflichten entledigt, musste sich von niemandem fragen lassen: „Geht’s noch?“. Es war geradezu befreiend, kein Schwerenöter mehr sein zu müssen. Heute gilt das Leistungsprinzip für alle. Vorbei die Zeiten der karierten Filzlatschen und der Hosenträger. Angesagt sind die alten Rocker, die immer noch den strammen Max markieren wie einst, allerdings mit reichlich Hüftgold, Doppelkinn, runzligem, faltenzerfurchtem Gesicht und -falls noch vorhanden- grauen, schütteren Haaren, die am besten noch im Nacken zu einem kleinen, kecken Schwänzchen zusammengebunden sind. Dazu passt die obligatorische Lederjacke mit der Aufschrift: „Born to be wild!“ So wird eine ewige, rauhe und verwegene Männlichkeit zur Schau gestellt, schließlich werden wir doch von allen Seiten und besonders in der Werbung geradezu bedrängt, uns weiterhin jung zu fühlen. Alte Menschen., die gebückt am Stock gehen, werden ungern gezeigt. Vielmehr bindet man sich das Seniorenlätzchen mit der Aufschrift „jung geblieben“ um.

Viel Lärm um nichts
Wenn man älteren Männer zuhört, muss man den Eindruck gewinnen, dass der Liebesrausch auch im Geriatrikum so stürmisch anhält wie einst im Mai. Beim Anblick einer drallen, wenngleich unerreichbaren Kellnerin werfen sich selbst die ältesten Herren auf einmal in die Brust, alles strafft sich. Schließlich lautet die mediale Botschaft, Männer könnten zu Recht bis ins sehr hohe Alter begehrenswert erscheinen – fragt sich bloß, für wen. Da ist zumeist der Wunsch der Vater des Gedankens. Das Maulheldentum und die kessen Blicke können nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir heute genauso verklemmt sind wie vor 50 Jahren. Nur stand man früher nolens volens dazu, heute werden die Hemmungen überspielt durch protziges Gehabe, befeuert durch die Fernsehsender, die bereits im Nachmittagsprogramm sämtliche Absonderlichkeiten durchhecheln; von den Reizüberflutungen des Internets ganz zu schweigen.
Es gibt also berechtigte Zweifel daran, dass die Älteren heute tatsächlich in stärkerem Maße erotisch unterwegs sind. Das war früher nicht anders, allerdings dezenter, nur unter Freunden und am Stammtisch. Wer weiß schon, wieviel Wahrheit dahintersteckt, wenn einer auf den Putz haut und mit seinen angeblichen Erfolgen prahlt. Wie heißt es doch im alten Witz von Radio Eriwan: „Mein Nachbar ist 80, genauso alt wie ich und erzählt, dass er immer noch junge Frauen beglückt. Ich bin ganz verzweifelt! Was soll ich nur tun?“ Radio Eriwan antwortet: „Erzählen Sie das doch auch!“

Artikel zum Thema:
https://www.verywellhealth.com/how-often-do-couples-really-have-sex-2329045
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https://archive.nytimes.com/well.blogs.nytimes.com/2009/06/03/when-sex-leaves-the-marriage/

Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Band 3

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Über den Autor ANAKREON

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