aus: Wilhelm Busch, Gesamtwerk in sechs Bänden. Bd. 3: Dideldum. Die Kirmes. Stuttgart 1982

Tanzen hierzulande
Viele aus der Generation 60 Plus kennen noch die obligatorische Tanzschule, in der man halb gezogen, halb hingesunken die vorgeschriebenen Stunden absolvierte, bis die nötigen Grundkenntnisse einigermaßen saßen. Von den 1968er Salonrevolutionären wurde der Gesellschaftstanz dem Muff zugerechnet, den es aus den Talaren zu klopfen galt. Der Jugend wurde er als reaktionärer, traditioneller Ballast miesgemacht, dazu noch frauenfeindlich, da der Mann führt. Die meisten Jugendlichen damals wie heute mochten und mögen daher das Gezappel in der Disco für Tanzen halten, indes verhält es sich zum geschulten Tanz wie der Nagelschuh zur Ballerina. Doch nicht in allen Ländern verhalten sich die Menschen so tölpelhaft wie hierzulande, wo schlechte Manieren und Stillosigkeit gemeinhin mit Ungezwungenheit verwechselt werden. In slawischen und romanischen Ländern etwa gehört das Tanzen genauso zum Kulturerbe wie Musik, Literatur, Theater und Film. In Andalusien üben schon die Kleinsten die Schritte der Sevillana nach dem Vorbild der Erwachsenen ein.
Kultischer Ursprung des Tanzes
Unter Tanz kann man im weitesten Sinne jeder ritualisierte und in ihren Abläufen festgelegte Bewegung fassen. Mit Gesang und Musik gehört der Tanz zum ältesten Brauchtum des Menschen. Auch Kulturen, die unter schweren äußeren Bedingungen leben, pflegen diese ersten aller Künste mit Hingabe. Im Ursprung diente der Tanz womöglich rein kultischen Zwecken, etwa zur Darstellung der Gründungsmythen des eigenen Stammes, wie man ihn von den australischen Aborigines kennt, Abwehr böser Geister (der shishimai, „Löwentanz“, der den Weg von Indien bis nach Japan fand) und zur szenischen Darstellungen des eigenen Jagderfolgs, wie ihn die San-Buschleute der Kalahari praktizierten, bevor sie missioniert wurden.
Nicht nur Dämonen, auch Feinden wollte man durch synchrone Tanzbewegungen imponieren. Lange Zeit nur noch gegen klingende Münze für schaulustige Touristen aufgeführt, werden Tänze wie der Haka der Maori als Ausdruck der wiederentdeckten Spiritualität des eigenen Volks zelebriert, Gleiches gilt für die Kriegstänze und die Geistertanzbewegung der amerikanischen Ureinwohner. Solche Tänze zur Hebung der eigenen Moral und Kampfbereitschaft kannte man auch noch im Schwerttanz der Germanen, Schotten oder Basken.
Tanz als Ausdruck der Lebensfreude
Im Laufe der Zeit haben ursprünglich rein kultische Tänze neue Bedeutung erfahren. So diente das japanische Bon-Fest お盆 ursprünglich der spirituellen Zusammenführung der Familienmitglieder aus Jenseits und Diesseits. Heute ist es auch ein Anlass für traditionellen Tanz, Feiern und Familientreffen, da die Mitglieder aufgrund ihrer Lebensumstände manchmal weit verstreut über die Inseln leben. So hat das Bon-Fest eine religiöse und soziale Komponente.
In Europa geht man davon aus, dass das griechische Theater auf Chortänze kultischen Ursprungs (χορεύω σε κύκλο =Rundtanz) zurückgeht, wie schon in der Ilias beschrieben (18.Gesang, 590 ff. vgl. auch: Philologus. Zeitschr. für d. klass. Altertum, Band 1, Berlin 1860, S. 78)
Der Tanz dient außer kultischen Zwecken auch dem Ausdruck reiner Lebensfreude bzw. der Begrüßung und Verabschiedung „offizieller“ Besucher des eigenen Stammes. Besonders in Afrika sind diese Tanzformen unter Begleitung von Gesängen sowie Trommel- und Rasselklängen noch heute sehr beliebt. Tänze als Ausdruck des Triumphs kennen auch wir noch, und sei es nur noch sprichwörtlich, denn nicht umsonst sprechen wir davon, „einen Freudentanz aufzuführen“. Auch das Tänzchen auf dem Fußballfeld nach gelungenem Torschuss gleicht seinem Wesen dem Tanz nach der erfolgreichen Jagd bzw. dem Freudentanz nach Erreichen des Ziels.
Tanzen bei der Partnersuche
Im Laufe der Entwicklung löste sich der Tanz also teilweise von seinen rein kultischen Wurzeln und diente auch profanen Zwecken, etwa bei der Partnerwahl. So war das Tanzen bis vor kurzem in Europa die einzige Weg, das andere Geschlecht einmal unter den aufmerksamen, wenn nicht gar wohlwollenden Blicken sonst sittenstrenger Eltern anzufassen. Der Paartanz von Männern und Frauen war indes immer wieder das Ziel von Bannsprüchen religiöser Eiferer und Fundamentalisten. So ist das Tanzen mit dem anderen Geschlecht bei strenggläubigen Juden ebenso verboten wie bei Salafisten und Wahhabiten, aber auch zahlreiche christliche Sekten vor allem in den USA schließen sich diesen Verboten an. Unter anderem führte auch das Tanz- und Musikverbot der Puritaner schließlich zu ihrer Entmachtung und massenweisen Auswanderung nach Neuengland, wo sie ihre Landsleute weiter drangsalierten. Begründet wird die Ablehnung von Tanz, Musik und Spiel meist damit, dass vor allem das Tanzen zu sündhaften Gedanken und Handlungen führe. Das sagt sicher mehr über die Fantasie der Tugendwächter aus als die ihrer Opfer.
Kaum ein Sport ist so vielseitig wie das Tanzen
Moderne Tänze, wen sie mehr sein sollen als das Zucken in überfüllten Discotheken, gibt es in zahlreichen Variationen, vor allem was lokale, traditionelle Formen betrifft wie etwa der Ländler (https://www.youtube.com/watch?v=d0AVTy4udrE9). Was in europäischen und amerikanischen Tanzschulen gelehrt wird, unterteilt man normalerweise in Standard (z.B. Langsamer und Wiener Walzer, Slow Fox, Quickstep oder Jive) und Latein (etwa Samba, Rumba, Cha-Cha-Cha, Tango). Tanzen ist an Vielseitigkeit von kaum einer anderen Sportart zu toppen. Man kennt den Solotanz (etwa im Flamenco), dann Formationstänze wie z.B. den Square Dance und vor allem den Paartanz in allen möglichen Variationen. Die Übergänge von reiner Tanzgymnastik (wie Zumba) zu „klassischen“ Formen wie etwa dem Ballett sind fließend, und auch Paartänze kann man professionell als Hochleistungssport betreiben (Turniertanz oder Eiskunstlauf) oder als abwechslungsreiches Hobby. Ganz unbesehen davon, in welcher Absicht man das Parkett betritt: Das Tanzen hat zweifellos gleich mehrere Vorzüge.
1. Körperliche Fitness
Wer regelmäßig das Tanzbein schwingt, wird bestätigen, dass das körperliche Wohlbefinden durch das Tanzen enorm gesteigert wird. Zum einen werden alle Muskelgruppen des Bewegungsapparats angeregt und dadurch werden wie in fest jeder Sportart „Glückshormone“ im Körper freigesetzt. Im Gegensatz zu anderen Disziplinen ist das Verletzungsrisiko im Tanzen sehr gering, auch wenn die Bewegungen oft sehr schnell sind. Da man miteinander tanzt, kann der eine den anderen Partner abfangen, sollte der ins Straucheln geraten. Man kennt hier kaum Aggressivität oder Foulspiele und Blessuren kommen nur sehr selten vor. In meiner eigenen „Tanzkarriere“, die nun schon über 12 Jahre dauert, habe ich nichts dergleichen erlebt.

1. Tanzen ist altersunabhängig
Anders als bei vielen Sportarten ist beim Tanzen nicht irgendwann Schluss mit lustig. Auch wenn man als Mitglied der Generation 60 Plus zu den höheren Semestern zählt, tut dies dem Tanzvergnügen keinen Abbruch. Es liegt nahe, dass man einen Jive mit 75 anders tanzt als mit 25, aber auf keinen Fall schlechter. Gerade die langsameren Tänze wie den Tango kann man in jedem Alter ausüben, denn hier kommt es auf Geschmeidigkeit und Sicherheit in der Schrittfolge und vor allem auf den Ausdruck an, mit dem man seinen Figuren Leben verleiht. Tangotänzer von internationaler Berühmtheit wie die Argentinier Carlos Pérez und Rosa Forte sind beide nun um die 80 Jahre alt und seit 55 Jahren ein Paar. Seit Jahrzehnten begeistern sie ihre Schüler und Zuschauer und werden, wie man sagt, mit den Jahren immer besser.
https://www.youtube.com/watch?v=zcQPjDH4_YM
https://soymilonguera.com/carlos-perez-y-rosa-forte-sobre-la-esencia-del-tango/

2. Mentale Gesundheit wird durch Tanzen gefördert
Was aber alles andere bei weitem in den Schatten stellt, ist die positive Wirkung, die das Tanzen auf unsere geistige Fitness im Alter 60 Plus ausübt. Nach den neuesten Erkenntnissen kann es nämlich dazu beitragen, Demenzerkrankungen aufzuhalten. Das hat Professor Notger Müller vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen gemeinsam mit Kollegen in einer Studie nachgewiesen und wurde dafür mit dem Theo-und-Friedl-Schöller-Preis ausgezeichnet, der für Forschungen auf dem Gebiet der Altersmedizin vergeben wird.
Es wurde etwa untersucht, welche Auswirkungen ein zwölfwöchiges kombiniertes Tanztraining auf die Gehirnleistung hat. Es stellte sich heraus, dass sich die Gedächtnisleistung verbesserte und gleichzeitig das Hippocampusvolumen zunahm, das für die Merkfähigkeit zuständig ist. Auch die sogenannte funktionelle Plastizität verbessert sich, d.h. die Veränderbarkeit neuronaler Verbindungen, die für neue Lernvorgänge nötig ist. Was das Tanzen so besonders macht, ist die Verbindung von körperlicher und geistiger Leistung, da Schrittfolgen gelernt, abgerufen und im Gedächtnis behalten werden müssen.
https://www.mdr.de/wissen/tanzen-gegen-demenz-gehirntraining-102.html
Demenz kann durch Tanzen positiv beeinflusst werden
Es ist schon länger bekannt, dass geistiges Training, wie etwa das regelmäßige Lösen von Kreuzworträtseln, das Risiko für demenzielle Erkrankungen deutlich reduzieren kann. Bewegung und Sport allein lagen in ihrer Effizienz etwas darunter. Die Kombination aus beidem hingegen, wie es im Tanzen stattfindet, kann das Risiko um unglaubliche 76 % senken..
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Pflege/Broschueren/Zukunftswerkstatt_Demenz.pdf
Diese Wirkung des Tanzens versuchte auch das Albert-Einstein-College in New York in einer Studie, die sich über 20 Jahre hinzog, zu untersuchen. Es stellte sich heraus, dass der Tanz diejenige Aktivität war, die den bei weitem stärksten Einfluss auf Altersdemenz ausübte. („Out of all tested activities, frequent dancing had the largest impact on improving total cognitive skills. The study showed that dancing correlated with a 76% reduced risk of dementia among the test subjects, which was the highest among all tested activities.“) Gleichzeitig trug es dazu bei, Stress abzubauen und den Serotoninspiegel zu erhöhen und führte ganz allgemein zu einem stärkeren Gefühl des Wohlbefindens. Tanzen hat den großen Vorteil, gleich auf mehreren Ebenen zu wirken, da es sowohl körperliche, soziale und emotionale Interaktionen umfasst. Im Vergleich mit den Nichttänzern deutet sich an, dass das Tanzen einen direkten Einfluss auf die zerebrale Gesundheit ausübt („…this study emphasized the notion that dancing has a direct influence on cerebral health.“).
Tanzen fördert die körperliche und mentale Gesundheit
In einer anderen Studie des Imperial Colleges in London ergab sich, dass Tanzen dem Schwindelgefühl entgegenwirkt. Die Drehbewegungen beim Tanzen, denkt man etwa an den Wiener Walzer, trainieren den Körper, Schwindelgefühle zu beherrschen. Solche Schwindelanfälle, etwa beim plötzlichen Aufstehen aus der Sitz- oder Liegeposition, sind der Hauptgrund für Stürze bei älteren Menschen. („Dizziness is a primary cause of falls among the elderly.“)
https://pitjournal.unc.edu/article/dancing-and-cerebral-health
Die soziale Funktion des Tanzens besteht nicht allein in dem Wohlgefühl, in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter einer Leidenschaft mit ästhetischem Charakter zu frönen. Das Gruppenerlebnis stärkt darüber hinaus das eigene Selbstwertgefühl und Wertschätzung anderer und führt zu einer positiven Lebenseinstellung. Bewegungen, die sich dem Rhythmus der Musik anschmiegen, führen zu Ausschüttungen von Endorphin und Dopamin, die ein Gefühl der Freude und des Wohlbefindens, der Schmerzlinderung und vor allem des Glücks vermitteln. („…que darán una sensación de placer y bienestar, analgesia, y en particular, felicidad”.)
https://www.aimdigital.com.ar/salud-y-bienestar/bailar-ayuda-a-prevenir-el-alzheimer.htm
In Argentinien, einem Land, das von meist selbstverursachten Wirtschaftskrisen seit Jahrzehnten geschüttelt wird, baut man seit langem auf die sogenannte Tangotherapie zur Bekämpfung psychischer Störungen. Neben all den schon genannten positiven Einflüssen auf körperliche und mentale Gesundheit betont man dabei besonders die Minderung von Ängsten und depressiven Verstimmungen durch den Tanz sowie die Belebung eines positiven Grundgefühls und einer optimistischen Weltsicht. Bei den Zielen der Tangotherapie stehen das körperliche und seelische Ausdrucksvermögen, Kommunikation und Kreativität an oberster Stelle („Entre los objetivos de la tangoterapia, se jerarquiza la expresividad, la comunicación y la creatividad.“)
http://weblog.maimonides.edu/gerontologia2007/2010/10/beneficios_del_tango_sobre_la.html

Fazit: Tanzen kann einen unerhört wichtigen Beitrag zu einem gesunden Leben jenseits der 60 leisten, sowohl was das körperliche als auch das seelische Wohlbefinden betrifft. Allerdings gilt auch hier wie überall: Man sollte diese Passion mit Überzeugung und Spaß an der Sache betreiben und nicht mit verbissener Miene, nur weil’s halt so gesund ist…


Über den Autor ANAKREON

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