Damals ging alles noch ohne Messgeräte… (Wilhelm Busch, Folgen der Kraft)

Daran erkenn’ ich den gelehrten Herrn!
Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern;
Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar;
Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr sey nicht wahr;
Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht;
Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht. Faust II (4917-22)

Mit Stoppuhr und Kalorienrechner
Kann man sich ein trefflichere Charakterisierung unserer Zeit vorstellen als diese Rede des Mephisto? Geradezu prophetisch hat der alte Goethe vorausgesehen, dass sich das Münzen und Wägen, Rechnen und Fassen bald nicht nur auf die Bereiche erstrecken würde, in denen sie durchaus ihre Berechtigung haben. Nein, wir zerpflücken und zerhacken uns selbst, indem wir jede kleine Bewegung als Teil des Räderwerks unseres Körpers sehen, die nach allen Regeln der Kunst in jeder Phase festgehalten und dokumentiert werden muss. Wenn die Generation unserer Eltern einfach etwas aßen, messen und beurteilen wir, was wir zu uns nehmen. Wir leben nach Vitamintabellen, Kalorienrechnern und mit Schrittzählern, im irrwitzigen Glauben, dass wir uns Gesundheit und ein langes Leben durch ständige Überwachung und Befolgen strenger Regeln und dem Verzicht auf Genüsse „erwerben“ können. Wir leben in der Überzeugung, einen Körper zu „haben“- sind wir nicht vielmehr einer? In geradezu religiöser Verzückung schicken wir jedem Gramm, das wir laut Körperfettwaage verloren haben, ein Triumphgeheul hinterher.

Zeiten ohne innere Stechuhr
Diejenigen der Generation 60 Plus, die im ländlichen Bereich aufgewachsen sind bzw. Stützpunkte dort hatten, können sich mit Sicherheit daran erinnern, dass jedes Mittagessen ein wahres Fest war. Man aß mit Hingabe, weil man hungrig war, und zwar das, was einem schmeckte – und nicht, weil es „gesund“ war und eine bestimmte Kalorienzahl nicht überschritt. Da die Menschen sich von früh bis spät bewegten, lief bei dem deftigen Essen kaum einer Gefahr, zuzulegen. Wer von der Feldarbeit, aus der Werkstatt oder aus der Waschküche kam, hatte einen Bärenhunger. Wer Übergewicht hatte, gehörte zur Oberschicht. Arbeitern, Handwerkern und Bauern fehlte entweder das Geld für opulentes Essen oder sie arbeiteten alles wieder ab, oder beides. Das alles ohne Kalorientabellen. Obwohl heute weitgehender Konsens darüber herrscht, dass das kleinliche Kalorienzählen überhaupt nichts bringt, ist die Kalorientabelle als Rosenkranz in unseren täglichen Bittgebeten um Schlankheit offenbar nicht zu ersetzen. (Quelle:RTL)

Leben in der Zwangsjacke
Hier soll beileibe keine ölige Nostalgie à la „Musikantenstadl“ mit seiner Kitschstaffage gepflegt werden. Die „gute alte Zeit“ war geprägt von Entbehrungen, Krankheiten, Kontrolle durch Nachbarn und Kirche, und ein sozialer Aufstieg wie heute war bedeutend schwieriger. Es galt, sich an Regeln zu halten, die von außen auferlegt und kontrolliert wurden. Doch auch wir stehen oder stellen uns vielmehr freiwillig unter die Aufsicht durch den inneren Wachhund, der oft genug nur noch auf die Pfiffe und das Geschrei von Ernährungsgurus und Influencern hört. Allerdings sind nicht mehr Sitte und Moral der Maßstab (man kann ja weitgehend machen, was man will), sondern die Gesundheit. Wir pressen uns in ein Korsett von Ge- und Verboten, die denen in früheren Zeiten in nichts nachstehen. Wie Glaubensbekenntnisse aus dem Katechismus früherer Tage tönt unser schlechtes Gewissen: Darf man Schokolade überhaupt noch essen? Kaffee ist schädlich fürs Herz! Ist ein Glas Wein pro Tag nicht schon zu viel? Ich darf nicht mehr als zweimal pro Woche Fleisch essen, am besten gar nicht. Fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag sind ein Muss! Habe ich meine 10.000 Schritte schon absolviert? Omega-3 Kapseln nicht vergessen! War ich oft genug im Fitnessraum? Wie religiöse Offenbarungen verkünden Ernährungspropheten ihre Lehrsätze ex cathedra auf allen Kanälen. Die Rechtgläubigen müssen sich ihre Erlösung in Form von Waschbrettbauch, ewiger Jugend und straffer Haut allerdings sauer verdienen, denn jede Woche stürzen neue Prophezeiungen auf sie ein.

Sport ist eine ernste Angelegenheit
Natürlich wurde auch vor Jahrzehnten Sport getrieben, und das war gut so. Nur stand damals der Spaß im Vordergrund. Die meisten aus der Generation 60 Plus erinnern sich noch an die Trimm- Dich-Pfade der 1970er Jahre. Für diese naiven Hampeleien am Rande von Waldparkplätzen haben Fitnessapostel von heute nur ein müdes Lächeln übrig. Den Blick starr auf Sportcomputer gerichtet, gilt es Blutdruck, Puls, Energieverbrauch, Körperfett und Sauerstoffzufuhr zu überwachen und zu optimieren, sei es im High-Tech-Sportdress zu Fuß (mit dem neuesten, ergonomisch geformten Laufschuh) oder auf dem Mountainbike, mit dem man über die Wanderwege brettert und die Schönheit der Natur allenfalls als buntes Geflimmer links und rechts der Rennstrecke wahrnimmt. Mit einer Smartwatch am Handgelenk kann man dabei vielerlei Daten abfragen, telefonieren, Musik hören, Nachrichten lesen, seinen Fitness kontrollieren und Puls und Blutdruck überwachen. Man kann sogar die Uhrzeit ablesen! Also wirklich unentbehrlich, oder? „Eine Smartwatch braucht keiner wirklich, sie mag aber für manche eine gute Ergänzung sein, wenn man etwa nicht andauernd auf sein Handy schauen möchte. Sie bleibt aber, was sie ist: Luxus für Technik-Fans.“ (Quelle: PubMed (englischsprachig)

Sport auch ohne Messgeräte
Zur gesunden Bewegung gehören Wanderschuhe, ein Fahrrad oder die Badehose. Technischer Schnickschnack in Form von Messgeräten aller Art steigern nicht das Vergnügen, sondern 1) die Verbissenheit (ich muss es noch schneller schaffen!),2) den Frust (ich schaffe es einfach nicht schneller) oder 3) den Triumpf (ich habe es schneller geschafft!) – und wie oft führt c. wieder zu b.! Wenn wir also täglich nach der Arbeit noch stundenlang gegen das Altern anrennen oder auch im Ruhestand viel Zeit auf den Laufpisten und im Fitnessstudio verbringen, sollten wir überdies auch bedenken, dass uns diese Zeit für den Lebensgenuss in anderer Form fehlt. Wer noch dazu die Stimme seines Fitnesscoaches übers Smartphone im Ohr hat, der ihn ständig weitertreibt, bekommt wenig von der Schönheit der Natur mit, durch die er hetzt. Täglich eine Stunde Sport sollte genügen, wenn wir uns auch sonst bei Arbeiten in Haus und Garten körperlich betätigen, Treppen steigen, Einkaufstüten schleppen oder den Hund ausführen. Wer sich einmal die Mühe macht, bei seinen täglichen Aktivitäten tatsächlich einmal einen Schrittzähler einzuschalten, der wird überrascht sein, was da an Langstrecken zusammenkommt!

Die Vorteile des Spazierengehens
Beim Gehen und Radfahren kommt man leichter auf kreative Ideen als im Sitzen. Diese Erkenntnis hatte man schon in der Antike, als Philosophen mit ihren Schülern Spaziergänge machten und dabei Gedanken formulierten. Die stoische Philosophie wurde nach der Säulenhalle benannt, in der die Wahrheitssuchenden wandelten und sich austauschten. Einstein antwortete auf die Frage, wie man nur auf so etwas Abgedrehtes wie die Relativitätstheorie kommen könne, der Gedanke sei ihm beim Radfahren gekommen. Eine amerikanische Studie bestätigt genau diesen Zusammenhang zwischen Bewegung und Kreativität und deren positive Auswirkung auf die Gedächtnisleistung.(Quelle:Apa.org)
Selbst das ruhigere Gehen auf einem Laufband regt die Denkfähigkeit an, wenn auch weniger stark als eine Wanderung im Freien. Aber auch auf den gesamten Organismus hat das Gehen einen äußerst positiven Einfluss. Beim Vergleich der Ergebnisse der jüngsten National Runners‘ Health Study mit der National Walkers‘ Health Study stellte sich heraus, dass durch die Energie, die beim Gehen mit mäßiger und beim Laufen mit hoher Intensität verbraucht wird, das Risiko für Bluthochdruck, hohe Cholesterinwerte, Diabetes und Herzkrankheiten in vergleichbarem Ausmaß gesenkt wird. Dies ergab die Auswertung der Daten, die während des sechsjährigen Studienzeitraums gesammelt wurden. Bereits ältere Studien zeigten, dass ein täglicher Spaziergang das Schlaganfallrisiko verringert und eine im British Journal of Sports Medicine veröffentlichte Untersuchung zeigte, dass diejenigen, die an einem Walking-Programm teilnahmen, eine deutliche Verbesserung der Blutdruckwerte und eine langsamere Herzfrequenz erreichen konnten. Dazu kam eine Abbau des Körperfetts und eine Gewichtsreduktion sowie eine Senkung des Cholesterinspiegels. Sogar das Risiko einer Depression soll durch regelmäßiges Gehen gesenkt werden können. Das alles lässt sich ohne technisches Blendwerk und piepende Geräte, ohne Kalorienzählen und Vitamintabellen erreichen. (Quelle:Chip.de)

Gut leben heißt nicht, möglichst lange leben
Eine ganz andere Frage ist: warum wollen wir denn unbedingt so alt werden? Warum machen wir die Gesundheit zum Fetisch und rackern uns in Fitnessbuden ab wie Flagellanten, sie sich einst zur Buße selbst geißelten? Tatsächlich scheinen hier quasi-religiöse Vorstellungen ein neues Betätigungsfeld zu finden. Der Glaube an ein Jenseits, der einst Leben und Tod Sinn verlieh, verschwimmt bei vielen Menschen der westlichen Welt und löst sich langsam auf. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass man sein Leben so weit wie möglich ausdehnen möchte-man hat ja nur dieses eine. Die Medizin erlaubt uns, heute in einer Weise gesund zu altern, wie das vor zwei Generationen noch unvorstellbar war. Man kann getrost zwei Jahrzehnte vom eigenen Lebensalter abziehen: ein Sechzigjähriger von heute gleicht biologisch einem Vierzigjährigen von vor 100 Jahren. Die Frage ist aber nicht, möglichst LANGE zu leben, sondern möglichst GUT. Genau diese Gedanken treiben schon Cicero im ersten vorchristlichen Jahrhundert um, wenn er in seiner Schrift Cato Maior de Senectute (Cato der Ältere über das Alter) vier Argumente gegen die allgemeinen Vorstellungen von den Beschwernissen des Alters ausarbeitet. Dabei kommt er zu der Erkenntnis, dass es eben nicht auf die Länge des Lebens (d.h. die messbare Quantität nach Jahr und Tag), sondern auf dessen gelebten Inhalt, also die Qualität ankommt. Daher ist das hohe Alter kein Selbstzweck, und glücklich könne sich derjenige preisen, der aus dem Leben scheidet, wenn er noch Herr seiner Sinne ist und nicht „möglichst alt“ geworden sei. Diesen letzten Aspekt blenden wir Heutigen in unserer Fixierung auf ein langes und gesundes Leben immer wieder aus. Es ist vielleicht wünschenswert, von der Bühne abzutreten, wenn man den letzten Applaus noch genossen hat, als wenn man bewusstlos in der Kiste heruntergetragen wird.

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Über den Autor Sylvia

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