So schrie man laut und fürchterlich.
Der Tisch fällt um. Man prügelt sich.
(Wilhelm Busch, Der Geburtstag oder Die Partikularisten)

Ein Gespenst geht um in Europa- das Gespenst des Gutdenk und Neusprech. Diese Begriffe, die George Orwell in seiner Vision von einem totalitären Zwangsstaat im Jahre 1948 prägte, scheinen nun tatsächlich aus der Büchse der Pandora entwichen zu sein. Die Gedanken sind frei, aber offenbar nur noch im traditionellen Liedgut. Wenn man sich vor Augen führt, was sich seit einigen Jahren in den demokratischen Ländern (von anderen gar nicht erst zu reden) abspielt, kann einen das kalte Grausen packen. Nicht nur an den Universitäten lebt man gefährlich, wenn man es wagt, eine andere Meinung als die politisch korrekte zu vertreten. Laut einer Allensbach-Umfrage vom Mai 2019 gibt hierzulande eine Mehrheit von fast 60 % an, aus Angst vor Repressalien mit der eigenen Überzeugung hinter dem Berg zu halten, und selbst im Freundes- und Bekanntenkreis vorsichtiger in seiner Wortwahl zu sein. In einem Land, das sich viel auf seine Meinungsfreiheit und Toleranz einbildet, ist das ein beschämender Zustand. Toleranz kommt von tolerare – „ertragen“ und meint die Fähigkeit, auch die Meinungen zu ertragen, die einem eben nicht gefallen. Und diese Fähigkeit scheint sich in Deutschland in Auflösung zu befinden, so empfindet es inzwischen große eine Mehrheit der Deutschen. Die FAZ schreibt dazu: „Annähernd zwei Drittel der Bürger sind überzeugt, man müsse heute „sehr aufpassen, zu welchen Themen man sich wie äußert“, denn es gäbe viele ungeschriebene Gesetze, welche Meinungen akzeptabel und zulässig sind.“
(Quelle: FAZ)

Das freie Wort war auch schon früher ein hohes Gut
Wer glaubt, das sei in früheren Jahrhunderten kaum anders gewesen, muss sich eines Besseren belehren lassen. Ein Grundsatz des römischen Rechts lautete Et audiatur altera pars, auch die andere Seite soll gehört werden. In der mittelalterlichen Scholastik bestand die Widerlegung einer Meinung darin, sich mit ihr zu befassen und dann Schritt für Schritt zu beweisen, warum sie falsch und verdammenswert sei. Auch wenn das endgültige Urteil meist schon von vorneherein feststand, mussten sich die Ankläger die Mühe machen, den Standpunkt des Abweichlers genau zu prüfen und ihn dann mit den besseren Argumenten zu widerlegen. Die Aufklärung ging noch einen Schritt weiter: der Andersdenkende sollte nicht mehr zwangsweise bekehrt werden, sondern bei seiner Meinung bleiben dürfen. Was für eine Errungenschaft im geistigen Disput! Von Voltaire stammt angeblich der Satz. „Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber ich würde mein Leben dafür geben, daß Sie Ihre Meinung frei aussprechen dürfen.“ Großartig hat Lessing in seinem Lehrstück „Nathan der Weise“ dieses Gebot der Toleranz auf die Bühne gebracht. In der Ringparabel wird nicht nur eine religiöse Toleranz propagiert, sondern die darüberstehende Idee einer versöhnenden Humanität. Menschen sollen die eigene Religion würdigen sowie nach außen bekunden, aber Anhänger anderer Glaubensrichtungen respektieren und sich mit ihnen herzlich vertragen. Aufklärerisch ist hierbei weiterhin, dass sich niemand zum Richter aufschwingen kann, welche Religion die richtige, also wahre, ist. Demnach sind alle gleichwertig. Dispute sind indes nicht nur erlaubt, sondern erwünscht, solange die Würde der Andersdenken gewahrt bleibt. Aus einer anderen Perspektive schrieb Friedrich Nietzsche 100 Jahre später:
„Verderblich. – Man verdirbt einen Jüngling am sichersten, wenn man ihn anleitet, den Gleichdenkenden höher zu achten, als den Andersdenkenden.“ (Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorurteile, 1881)

Intoleranz ist ein Phänomen der Moderne
Nach den Erfahrungen mit zwei Diktaturen in unserem Land war der freie Diskurs etwas, was wir erst wieder lernen mussten. Während im Nationalsozialismus eine abweichende Meinung als „undeutsch“ oder „verjudet“ niedergebrüllt wurde, brachte man im Sozialismus sowjetischer Prägung unliebsame Äußerungen mit „Klassenverrat“ oder „faschistisch“ zum Verstummen. Schon damals wurde also gar nicht erst versucht, Abweichler mit den besseren Argumenten zu überzeugen, sondern die Diskussion wurde bereits im Keim erstickt bzw. Andersdenkenden die Würde genommen, indem man ihnen grundsätzlich das Recht absprach, sich überhaupt zu äußern. In Westdeutschland hat man an den Schulen und Universitäten nach dem Krieg wieder die Wege beschritten, wie sie in anderen Ländern lange Tradition hatten, und wie sie auch hierzulande vor den Diktaturen gepflegt worden waren. Bei den Jesuiten etwa gehört es noch immer zu den Grundfesten der Ausbildung, nicht nur die eigene Meinung zu vertreten, sondern der Novize muss auch die gegenteilige Position überzeugend darlegen lernen. Ähnliches kennt man in den Debating Societies der englischen und amerikanischen Colleges, wo man vor Publikum ebendie Aufgabe bekommt, eine bestimmte Meinung zu verteidigen. Diese Tradition wird auch (noch) in den Debattierklubs deutscher und österreichischer Universitäten gepflegt.

Tugendwächter schwingen sich zu Richtern auf
Der Motor, der diese großartige Errungenschaft des geistigen Duells in Fahrt hielt, ist allerdings arg ins Stottern geraten. Sittenprediger wachen heute streng darüber, dass die von ihnen abgesteckten Grenzen nicht überschritten werden, indem sie unliebsame Gedanken zensieren bzw. von vorneherein ein Sprechverbot verhängen, wenn jemand als „Persona non grata“ gilt. Selbstverständlich herrscht Einigkeit darüber, dass das Beleidigen, Bloßstellen und Herabwürdigen eines Geschlechts, einer Minderheit, Ethnie, Lebensform oder politischen Meinung im öffentlichen Diskurs keinen Platz haben darf.Besonders problematisch wird es, wenn sich gewisse Tugendwächter als Blockwarte aufspielen und unbequeme Meinungen unter Verweis darauf, sie seien diskriminierend, kurzerhand unterdrücken wollen. Dabei müssen keine Beweise vorgelegt werden, oft reicht es schon, dass irgendwer „gefühlt“ beleidigt worden ist. Aufschlussreich ist, wie dabei oft mit zweierlei Maß gemessen wird. Während schon beim geringsten Verdacht einer rassistischen, sexistischen oder homophoben Äußerung die Alarmglocken schrillen, Lichterketten und Mahnwachen organisiert werden, sehen es die Sittenwächter es bei anderen Betroffenen weit gelassener. Wer etwa zu der Gruppe der alten weißen Männer gehört (also der Hälfte der Generation 60Plus!) hat im öffentlichen Diskurs gefälligst den Mund zu halten, weil seine Vorfahren verantwortlich waren für Kolonialismus, Sklavenhandel und Patriarchat. Diese anmaßende Position, mit der eine Gesellschaftsschicht mundtot gemacht wird, verstößt gleich gegen mehrere Tabus: sie ist altenfeindlich, rassistisch, sexistisch und fordert eine Art Sippenhaft für die Untaten früherer Generationen. Außerdem ist sie diskriminierend gegen alte weiße Frauen, weil diese erst gar nicht sichtbar gemacht werden.

Wer die falsche Meinung vertritt, wird „gecancelt“
In den Medien und an den Hochschulen hat der Wahnsinn allenthalben Methode. Unter dem Begriff Cancel Culture versteht man eine Erscheinung, die vor allem an amerikanischen Universitäten, aber auch zunehmend hierzulande um sich greift: eine unliebsame Meinung bzw. deren Urheber wird „gecancelt“, d.h. verschwindet aus dem Hörsaal, Radiosender oder sonstigen Bühne und wird der allgemeinen näselnden Entrüstung preisgegeben. Überspitzt könnte man dies mit dem Pranger vergleichen, an dem man in früheren Zeiten Übeltäter stellte, damit sie von allen verhöhnt und erniedrigt wurden. Nun mag man einwenden, in manchen Fällen sei eine öffentliche Rüge durchaus angebracht, wenn tatsächlich Grenzen überschritten wurden. Wenn dies allgemein so gesehen wird und nicht nur von einer lautstarken Minderheit, lässt sich darüber sicherlich diskutieren. Etwas ganz anderes ist es jedoch, wenn das Canceln auf Willkür, Vermutungen und Gerüchten basiert. Kritik zu äußern, wenn sich jemand befremdlich geäußert oder verhalten hat, ist die eine Sache – jemanden aufgrund von Hörensagen an den Pranger zu stellen oder weil einem seine Einstellung einfach nicht passt, eine ganz andere. Gerade an Universitäten ist dies aber ein probates Mittel, unbequeme Meinungen erst gar nicht zuzulassen. Das hat gleich mehrere Vorteile: 1. Eine unbequeme Stimme wird mundtot gemacht. 2. Die ketzerische Meinung bekommt kein Publikum. 3. Man braucht sich daher auch nicht mit ihr auseinanderzusetzen und schon gar nicht mit Argumenten in einem fairen Diskurs zu messen.


Wer den Diskurs scheut, bekämpft die Person

Womöglich ist es die Schwäche der eigenen Argumente, die die Minderbemittelten vor dem freien Wortgefecht zurückscheuen lässt. Da man einer Diskussion in der Sache nicht gewachsen ist, richtet sich der Bannfluch gegen die Person. Man spricht ihr per se das Recht ab, ihre Meinung zu äußern. Im „Dritten Reich“ wurden mit dieser Methode jüdische Dozenten ausgemobbt und von den Lehrstühlen vertrieben. Ähnlich perfide ist die heutige Methode, unliebsame Professoren zu liquidieren, indem man ihnen unterstellt, sie könnten keine Kritik an ihrer Forschung ertragen und wollten als sich „alte weiße Männer“ an ihren Privilegien festkrallen.
Offenbar geht es in diesem modernen Kulturkampf überhaupt nicht mehr um einen geistigen Wettstreit, sondern um die reine Ideologie. Was hat Wissenschaft mit Hautfarbe, Geschlecht und Alter ihrer Akteure zu tun? Früher hätte man den Spruch über die „alten weißen Männer“ schlechterdings als pubertäre Dummheit abgetan. Heute ist er geradezu in den Rang eines (Totschlag-)Arguments erhoben, obwohl er sich genau jenes Rassismus schuldig macht, den er angeblich bekämpft. Aber auch die anderen Unterstellungen sind dazu angetan, von der Sache abzulenken. Denn sie beruhen auf der Spekulation über Motive, statt sich mit dem behaupteten Sachverhalt auseinanderzusetzen.
(Quelle: FAZ)

Die Hochschulen werden zunehmend von Ideologen gekapert
Peter Boghossian, der von der Portland State University gemobbt wurde, beschreibt in seinem Abschiedsbrief vom 8.September 2021 das Klima der Angst und des Duckmäusertums an seiner ehemaligen Wirkungsstätte. Den Studenten an der Portland State werde nicht beigebracht, zu denken. Vielmehr würden sie darauf trainiert, die moralische Gewissheit von Ideologen nachzuahmen. Fakultät und Verwaltung hätten den Auftrag der Universität, nach Wahrheit zu suchen, aufgegeben und förderten stattdessen die Intoleranz gegenüber abweichenden Überzeugungen und Meinungen. Dies habe eine Kultur der Beleidigung geschaffen, in der die Studenten nun Angst hätten, offen und ehrlich zu sprechen.
(“Students at Portland State are not being taught to think. Rather, they are being trained to mimic the moral certainty of ideologues. Faculty and administrators have abdicated the university’s truth-seeking mission and instead drive intolerance of divergent beliefs and opinions. This has created a culture of offense where students are now afraid to speak openly and honestly.”)
(Peter Boghossian, Brief)
Welches Vergehens hatte Boghossian sich schuldig gemacht? Er lud Referenten zu Vorträgen ein, die einigen radikalen Gruppen an der Universität nicht passten. In der Tat waren auch umstrittene Leute darunter, deren teils verquaste Ideen Boghassian aber nicht im Geringsten teilte. Ihm ging es vielmehr darum, dass seine Studenten mit Andersdenkenden diskutieren und ihre eigene Meinung selbstbewusst vertreten sollten.

Die Verbotskultur entwickelt eine Eigendynamik
Sicherlich ist es angebracht, Denk- und Verhaltensweisen zu überprüfen, wenn sie heutzutage anders gesehen werden als früher. Die Gefahr ist allerdings, dass dabei eine lautstarke Gruppe die Deutungshoheit für sich in Anspruch nimmt und meint, alle anderen maßregeln zu müssen. Ganz in der päpstlichen Tradition der Unfehlbarkeit werden andere Meinungen mit einem Bannstrahl belegt, der jede weitere Äußerung verbietet. Es genügt also, ein Verhalten oder eine Äußerung als sexistisch, rassistisch oder xeno/homophob zu bezeichnen, um jede weitere Diskussion zu beenden. Dabei entstehen groteske Szenen wie bei dem Konzert einer Rockgruppe, das abgebrochen wurde, weil die weißen Musiker Rastalocken trugen. Der Vorwurf lautete allen Ernstes: „Kulturelle Aneignung“. Wohlgemerkt: die Musiker hatten sich nicht etwa über die Rastafaris lustig gemacht, sondern sie sich im Gegenteil zum Vorbild genommen.
(Quelle: FAZ)
Was im Laufe der Geschichte war keine kulturelle Aneignung? Bereits zu Zeiten der Kulturbeziehungen von Homo sapiens und Neandertaler lernte eine Gruppe von der anderen und übernahm, was ihr zusagte. Und jetzt dürfen Gedichte von schwarzen Frauen wie Amanda Gorman nicht mehr von weißen Männern übersetzt werden? Konzerte im Kongo, wo afrikanische Musiker Mozart und Haydn spielen, sind nun also politisch unerwünscht? Muddy Waters, der begnadete schwarze Bluesmusiker aus Chicago, beeindruckte mit seinem Stück „Rollin Stone“ den Jazzgitarristen Brian Jones in der englischen Provinz derart, dass er seinen Stil kopierte und mit seinen Freunden eine Band namens „The Rolling Stones“ gründete. Eine lebenslange Freundschaft verband die Engländer mit Muddy Waters. Kulturelle Aneignung?
(Muddy Waters)
Was als oft berechtigte Kritik an überkommenen Vorstellungen begann, hat eine Eigendynamik entwickelt, die zu einer Zensur- und Verbotskultur auf der Grundlage eigener Willkür geführt hat, die keinerlei Widerspruch duldet. Im Namen einer Ideologie der Befreiung werden Existenzen vernichtet. Wie sagt Friedrich Dürrenmatt doch so treffend: „Niemand köpft leichter als jene, die keine Köpfe haben.“


Über den Autor ANAKREON

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