Ei! wie schmeckt der Coffee süße,
Lieblicher als tausend Küsse,
Milder als Muskatenwein.
Coffee, Coffee muss ich haben,
Und wenn jemand mich will laben,
Ach, so schenkt mir Coffee ein!
So heißt es in Johann Sebastian Bachs berühmter „Kaffeekantate“ (BWV 211), und wer würde in dieses Loblied nicht freudig einstimmen wollen! Aber wie so oft im Leben, alles, was Genuss bereitet, ist entweder verboten, ungesund oder es macht dick. Oder aber man darf es nur praktizieren, wenn man zu den Jungen und Schönen gehört.
Auch Kaffee auf der schwarzen Liste
Darf man also mit 60 Plus eigentlich noch Kaffee trinken, oder gehört der schwarze Zaubertrank auch zu den Genüssen, die uns die Fundamentalisten des gesunden Lebens mit erhobenem Zeigefinder schlechtreden wollen? Seit der rasanten Verbreitung des Kaffees im 15.Jahrhundert nämlich haben Gesundheitsapostel aller Zeiten und Länder ebenso unermüdlich wie vergeblich versucht, den Liebhabern des dunklen Gebräus ihr Laster auszutreiben. Alles getreu dem Motto: Was den Menschen etwas Spaß macht, kann es doch nicht gesund sein – kennt man das nicht schon von Bier und Wein, Schweinshaxen und Grillsteaks?
Vorurteile gegen den Kaffee
Neu ist der Chor der Fastenprediger und Wasseranbeter gegen den Kaffee beileibe nicht. Seit dem 16.Jahrhundert beäugten arabische Schriftgelehrte ihn misstrauisch, da er doch eine „Wirkung“ auf den Menschen ausübe und sein Denken verändere, so wie der Wein. Gleichwohl vermochte selbst eine Fatwa mekkanischer Korangelehrter aus dem Jahre 1511 es nicht, dem Modegetränk aus dem jemenitischen Hafen al-Mukha (Mokka) das Wasser abzugraben. Aber auch hiesige Herrscher wie Friedrich der Große waren sehr skeptisch. Der Preußenkönig schwor vielmehr auf seine traditionelle Biersuppe zum Frühstück. Sprichwörtlich sind die preußischen „Kaffeeriecher“, die auf der Suche nach unerlaubten Kaffeeröstereien durch die Lande zogen. Da man noch nicht über unsere medizinischen Kenntnisse verfügte, kamen die Vorwürfe gegen den Kaffee aus der Kiste der moralischen Verderbnis. Er mache faul, führe zu Verschwendung und Lüge. Das viele Wasser zu seiner Zubereitung mache den Körper bleich, mager und “schaumig“. Kinder, im Kaffeedunst gezeugt, bekämen dicke Köpfe und Bäuche- die allgemeine Verweichlichung des Volkskörpers also.
Kaffeegenuss hatte aber positive Auswirkungen
Dabei hatten Tee und Kaffee zunächst einmal die segensreiche Folge, dass der Alkoholkonsum in Europa deutlich zurückging. Der Grund? Da man Wasser (zumal in den Städten) wegen der Infektionsgefahr kaum gefahrlos trinken konnte, waren Bier und Wein von früher Morgenstund an als Getränk zur Hand, auch für die Kinder! Erst Tee und Kaffee, mit abgekochtem Wasser bereitet, waren ein zuträgliches Getränk, in das man sein Brot tunken konnte- auch wenn es für die Armen meist ein Ersatzkaffee war, war er doch heiß, süß und schmackhaft. Also nichts mehr mit den Biersuppen.
Was man heute unterstellt
Heutzutage reicht das Horrorszenario, das Gesundbeter mit dem Kaffee in Verbindung bringen, von diversen Stoffwechselstörungen, über Magen-Darm- und Leberleiden, Herz- und Gefäßkrankheiten bis zu rheumatischen Beschwerden. Außerdem soll Kaffee – wen wundert’s? – natürlich auch Krebs verursachen. Immerhin klingen die Artikel in den Illustrierten das doch medizinisch fundiert und überzeugend, genug, um den Menschen Angst zu machen: Ziel erreicht. Doch wo ist der Beweis? Zahlreiche wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass Kaffee im Gegenteil die kognitiven Funktionen verbessert und die Wahrscheinlichkeit von neurologischen Störungen, einschließlich Parkinson und Alzheimer reduziert.
Kaffee gerade im Alter segensreich
Und das bedeutet, dass die Generation 60 Plus nicht nur Kaffee trinken darf, sondern dies vor allem auch tun sollte. Erwähnenswert sind nämlich Studien, in denen Wissenschaftler zu der Erkenntnis gekommen sind, dass das im Kaffee enthaltene Koffein die Symptome der Altersdemenz hemmt. Überdies soll Kaffee auch die Symptome von Asthma und Diabetes lindern. Aufgrund zahlreicher Untersuchungen lässt sich also festhalten, dass Kaffee weder Herzinfarkt noch Schlaganfall verursacht, weder Gicht noch Diabetes. Bei Krebs kommt die Internationale Agentur für Krebsforschung, (IARC) nach Auswertung aller verfügbaren Studien zu dem Ergebnis, dass Kaffee keinen Einfluss auf die Krebshäufigkeit hat. Lediglich beim Blasenkrebs wurde gelegentlich ein geringfügig erhöhtes Risiko beobachtet. Außerdem deutet einiges darauf hin, dass Kaffee die Leber vor den nachteiligen Folgen eines übermäßigen Alkoholkonsums zu schützen vermag. Nicht nur dass Kaffeetrinker seltener an Leberzirrhose erkranken, sie haben auch bessere Leberwerte (besonders die GGT, Gammaglutamyltransferase) als Kaffeeverächter.
Nur nicht übertreiben!
So wie viele andere Dinge auch kann Kaffee im Überfluss schaden. Ärzte, die Forschungen über Kaffee, seinen Inhalt und gesundheitsfördernde Vorteile für den Menschen durchführen, empfehlen maximal zwei Tassen Kaffee pro Tag. Wie groß die Tasse sein darf, wird allerdings nicht verraten…Bei solch einer Menge besteht kein Risiko für nachhaltige Auswirkungen für ältere Menschen. Im Gegenteil – in vielen Fällen hat Kaffee eine heilende Wirkung, es hängt natürlich von den Beschwerden ab, unter denen man leidet. Diese allgemeine Empfehlung von zwei Tassen gilt möglicherweise nicht für Menschen mit Bluthochdruck, beeilt man sich oft mahnend anzufügen. Denn noch vor 15 Jahren hieß es: Kaffee treibe den Blutdruck hoch und sei schlecht fürs Herz. Dieses Urteil hat die Wissenschaft inzwischen gründlich revidiert. Zahlreiche Studien haben die Wirkung des Bohnentrunks auch über längere Zeit untersucht und sind zu einem anderen Ergebnis gekommen.
Bluthochdruck durch Kaffee gebremst
Der erhöhte Blutdruck ist nämlich nur ein Kurzzeiteffekt und verschwindet oft bei regelmäßigem Kaffeegenuss. „Bei Kaffeefans hat man im Vergleich zu Menschen, die keinen oder nur wenig Kaffee trinken, ein geringeres Risiko für eine ganze Reihe chronischer Erkrankungen festgestellt“, sagt Professor Dr. Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. „Dazu gehören neben Herz-Kreislauf-Krankheiten auch verschiedene Krebserkrankungen, Parkinson, Alzheimer und Typ-2-Diabetes.“
https://www.diabetes-ratgeber.net/Ernaehrung/Wie-gesund-ist-Kaffee-wirklich-555721.html
Die genauen Wirkungsmechanismen sind noch unbekannt
Allerdings handelt es sich um Beobachtungsstudien, räumt Schulze ein. Ob der Kaffee die Ursache war, dass die Teilnehmer seltener erkrankten, oder ob noch andere Faktoren eine Rolle spielten, lässt sich daher nicht sicher sagen. Was aber für den Kaffee spricht: „In den meisten Studien hatten Kaffeetrinker ein eher ungünstiges Risikoprofil und rauchten etwa“, sagt Schulze. „Trotzdem blieb die günstige Wirkung des Kaffees.“ Warum der Muntermacher uns vor bestimmten Krankheiten bewahrt und was er im Körper in Gang setzt, lässt sich aus den Studien nicht ableiten. Forscher vermuten aber, dass Kaffee möglicherweise die Insulinempfindlichkeit verbessert und damit den Blutzuckerspiegel senkt. Was ja nicht nur das Risiko für Typ-2-Diabetes verringern könnte, sondern auch bei bereits bestehendem Diabetes günstig wäre. Das ist jedoch nicht bewiesen.
wis-potsdam
Am Koffein allein liegt es nicht
Man weiß auch nicht genau, welche Substanzen den Kaffee solch positive Eigenschaften verleihen. Am Koffein allein kann es nicht liegen: Entkoffeiniert hat er einen ähnlichen Effekt. Die „Wohltäter“ sind wahrscheinlich verschiedene Pflanzenstoffe im Kaffee. Ziemlich klar lässt sich dagegen angeben, wie viel Kaffee es für den gesundheitsfördernden Effekt braucht. Drei bis vier Tassen am Tag sind den Studien zufolge optimal. Zugrunde gelegt ist die gängige Tassengröße, in die etwa 150 Milliliter passen. „Das Diabetesrisiko sinkt aber auch noch bei sechs Tassen“, sagt Experte Schulze. (zitiert nach Dr. Sabine Haaß, 16.08.2019 diabetes-ratgeber.net) Mit einem Wort: wie bei so vielen Dingen kann man schlecht einen Einheitsmenschen konstruieren und ihm erlauben, nur so-und-so viel Kaffee zu trinken. Jeder weiß aus eigener Erfahrung, wieviel Kaffee ihm zuträglich ist und ab wann die Pumpe anfängt zu keuchen. Genau wie bei jedem Genuss sollte man dann aufhören, wenn’s am besten schmeckt.
Entzug am Wochenende hat oft unerwünschte Wirkung
Zuweilen ist Kaffee-Entzug für die sogenannte Wochenendmigräne verantwortlich. Die befällt Menschen, die am Arbeitsplatz regelmäßig Kaffee trinken, zu Hause aber keinen oder nur koffeinfreien. Die euphorisierende Wirkung geht vom Koffein aus, denn Untersuchungen konnten zeigen, dass dieses den Serotoningehalt im Gehirn erhöht. Serotonin dient dem Nervensystem als Botenstoff; seine Aufgabe ist es vereinfacht gesagt – die guten Nachrichten zu überbringen. Depressionen gehen oft mit Störungen im Serotoninhaushalt einher: Wenn der Serotoninspiegel sinkt, sinkt auch die Stimmung. Serotonin ist lichtabhängig, das erklärt, warum viele Menschen morgens unbedingt erst mal einen Kaffee brauchen, um in die Gänge zu kommen- d.h. es geht weniger darum, „wach“ zu werden, als sich einfach wohl zu fühlen.
Warum die Skandinavier Kaffeetanten sind
Es ist demnach kein Zufall, dass die Skandinavier von allen Europäern den meisten Kaffee aufbrühen, die sonnenverwöhnten Mittelmeeranrainer dagegen am wenigsten. Um im hellen Licht des Südens überhaupt noch eine spürbare Wirkung hervorzurufen, muss der Kaffee hoch konzentriert sein – was die Erfindung des Espressos begünstigt hat. Die Schweden dagegen brauen einen schwächeren Aufguss, den sie dafür den lieben langen Tag schlürfen. Im Land der Elche wird der Kaffee geradezu als Gruppenerlebnis zelebriert, und die vielen Kaffeepausen auch am Arbeitsplatz haben gar einen eigenen Namen: fika. Wer sich da ausschließt, hat schnell den Ruf eines Außenseiters weg. Wer keinen Kaffee mag (auch die gibt’s in Schweden) greift zu Tee- das tun ja auch die Briten und Iren, die deshalb aus der Kaffeestatistik der Nordländer etwas herausfallen. Aber schließlich enthält auch Tee denselben anregenden Wirkstoff, das Koffein. Durch diese besondere Form des Spiegeltrinkens liegt der Pro-Kopf-Verbrauch an Kaffee in Skandinavien um ein Vielfaches höher als der in Italien oder Griechenland. So gesehen sollte Kaffee doch eher als mildes, nebenwirkungsarmes Antidepressivum gelobt, denn als schwarzes Gift geschmäht werden.
Kaffee und Kaffeehaus- eine kulturelle Institution
Genau wie der Weingenuss, Schwarztee, Kuhmilch, Käse und überhaupt alles Nicht-Vegetarische wird der Kaffee in einer ideologischen Kampagne von Gesundbetern und Missionaren des Verzichts den heutigen Zeitgenossen madig gemacht. Wie sagt Wilhelm Busch im 10. Kapitel der Frommen Helene:
„Ein guter Mensch gibt gerne acht,
Ob auch der andre was Böses macht;
Und strebt durch häufige Belehrung
Nach seiner Bess’rung und Bekehrung.“
Das ist freilich nur noch der Todesstoß für eine Kaffeekultur, wie sie vor allem in Österreich blühte, aber auch in Deutschland zu Hause war. Die Institution des Wiener Kaffeehauses eigentlich schon seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges weitgehend verschwunden. Es ist kaum zu ermessen, was wir damit verloren haben: „Das Kaffeehaus war einmal wie der Vatikan eine Männerwirtschaft: prächtig, unbequem, schlampig, eine Domäne männlichen Geistes und männlicher Einsamkeit“, konstatiert Otto Friedländer in Letzter Glanz der Märchenstadt. Es sind Bonmots wie Anton Kuhs „Ich teile die Literatur ein in Tisch und Nebentisch“, es sind die immer wieder kolportierten Anekdoten Adolf Polgars, es ist Friedrich Torbergs 1975 verfasste Liebeserklärung Die Tante Jolesch oder der Untergang des Abendlandes in Anekdoten, die dem Genuss eines Mokkas höhere Weihen verliehen. Heimito von Doderer schrieb entsprechend: „Ein Wiener Café hat jene meditative Stille und das zweckfreie Vergehenlassen der Zeit in sich aufgenommen, die jeder kennt, der ein orientalisches, ein türkisches Café besucht hat.“
Das Kaffeehaus als Treffpunkt für Arm und Reich
Stefan Zweig erklärte, „dass das Wiener Kaffeehaus eine Institution besonderer Art darstellt, mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen Es ist eigentlich eine Art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub, wo jeder Gast für diesen kleinen Obolus stundenlang sitzen, diskutieren, schreiben, Karten spielen, seine Post empfangen und vor allem eine unbegrenzte Zahl von Zeitungen und Zeitschriften konsumieren kann“. So wurde das Kaffeehaus der Belle Époque und der Ersten Republik zum öffentlichen Wohnzimmer der Lebenskünstler und Müßiggänger. Stilprägenden Einfluss übte der bedeutende Anteil der «unbehausten» jüdischen Intelligentsia aus, die das Kaffeehaus zum Schauplatz eines Gesellschaftsideals geistreicher Beschäftigungslosigkeit machte, das literarische Meisterwerke hervorbrachte und zum Geburtshelfer weltbewegender Entscheidungen wurde. So zog Trotzki erst nach Jahren im Café Central innerlich gestärkt in die Revolution. Sigmund Freud überkam im Café Belvedere am 24.Juli 1895 die Idee zur Traumdeutung. Diese Zeiten sind lange passé.
Tempora mutantur
Heute sind die wenigen verbliebenen Kaffeehäuser ein bescheidener Abklatsch einstiger Größe geworden, wo ganze Horden grünlinker Hipster aus den Villenvororten trister deutscher Großstädte auf der Suche nach dem authentischen Leben einfallen. In Szeneführern werden bestimmte Kaffeehäuser zum „Mega-Treffpunkt und Hotspot“ erklärt, zum „gestylten Laden mit sexy Gästen“ und überhaupt als „Place-to-be“. Ob man dort einen trinkbaren Einspänner mit Schlagobers bekommt, darf bezweifelt werden.
Selbst die belächelten deutschen Piefkes, die durch Wien trampelten und dann, müde geworden, einfach «ne Tasse Káffee» bestellten (am besten „Káffe“ ausgesprochen), sind selten geworden, seit auch in Norddeutschland zumindest durch den kulturelle Bereicherung durch italienische Restaurants bekannt wurde, dass der „Kàffe“ durchaus in verschiedenen Formen zu existieren scheint.
So manch einer kehrt zurück zu den Wurzeln. Filterkaffee ohne Schnickschnack ist wieder zu dem geworden, was er immer war: die beste Methode, guten Kaffee zuzubereiten.
Literatur:
Udo Pollmer/Susanne Warmuth, Lexikon der populären Ernährungsirrtümer München 2009, S. 173 ff.
Michaela Vieser/Irmela Schautz, Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreißern. München 2020
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch keinesfalls ersetzen.
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