Der Tisch war gedeckt. Hier fand ich
die altgermanische Küche.
Sei mir gegrüßt, mein Sauerkraut,
holdselig sind deine Gerüche.
Gestovte Kastanien im grünen Kohl,
so aß ich einst bei der Mutter!
Ihr heimischen Stockfische, seid mir gegrüßt,
wie schwimmt ihr klug in der Butter.

( Heinrich Heine, Deutschland, ein Wintermärchen, Caput IX
)

So klingen die Verse Heinrichs Heines in seinem Versepos „Deutschland, ein Wintermärchen“: Nach 12jährigem Exil in Frankreich kehrt der Dichter erstmals nach Deutschland zurück und schwelgt in betörenden Erinnerungen an seine alte Heimat, die ihn übermannen, kaum dass er die Grenze überschritten hat. Und denkt man bei Vorstellungen von der Heimat nicht auch an deren Küche? Bei Heine allerdings wird kein Gedanke an Diäten und Wunschgewicht verschwendet, seine Zeitgenossen schielen nicht auf Idealgewicht und Kalorientabellen, sondern träumen von den „jauchzenden Würsten im spritzenden Fett“- eine Vorstellung, die uns Gesundessern geradezu wie die Beschwörung des Leibhaftigen erscheinen mag. Angesagt sind Diäten. In der kommenden Woche beginnt die Fastenzeit, die für viele nicht mehr aus religiösen, sondern vermeintlich ästhetischen Gründen auch heutzutage eine Zeit des Verzichts auf die süßen Verführungen des modernen Lebens bedeutet.

Übergewicht lässt sich nicht so einfach reduzieren
Daher stellt die Fixierung auf Gewicht und Diäten einen der Dauerbrenner in allen Medien dar, vor allem im Frühjahr, wenn es ans „Abspecken“ geht. Die bunten Blätter suggerieren (vor allem der weiblichen Leserschaft) ein, ein Parameter von Erfolg und Anerkennung sei der perfekte Körper- was auch immer darunter zu verstehen ist. Zahllose Dicke verdanken ihr ständig wachsendes Übergewicht unsinnigen, weil kontraproduktiven Abspeckversuchen und dem gesellschaftlichen und selbst verursachten Psychoterror, der ihr Streßsystem in Gefechtsbereitschaft hält. Hinter der Körperfülle von Superdicken, also Personen, die zum Sitzen tatsächlich zwei Stühle benötigen, stecken dagegen meistens massive Stoffwechselstörungen, die mit dem Essen rein gar nichts zu tun haben. Mit einem besonderen Problem sieht sich die Altersgruppe 60 Plus konfrontiert: Die Schwimmreifen werden anscheinend immer breiter, so sehr man in sich in Fitnessräumen und auf der Aschenbahn auch abmüht. Steigt denn das Gewicht etwa tatsächlich mit dem Lebensalter?

Das Gewicht steigt mit dem Alter und den hormonellen Veränderungen
„Selbst wenn Menschen ab etwa 40 Jahren nichts an Ihren Essgewohnheiten und ihrer Bewegung verändern, können Sie pro Jahr etwa ein Kilo zunehmen“, bestätigt Dr. Ursula Kassner, Ärztin an der Fettstoffwechsel-Ambulanz der Charité in Berlin. Mit steigendem Alter verändert sich der Stoffwechsel und die Körperzusammensetzung. Bisher war unser Körper auf Wachstum programmiert, spätestens ab 40 Jahren stellt der Organismus auf den Erhalt der Körpermasse um. Der Stoffwechsel wird je nach genetischer Veranlagung um bis zu 15 Prozent gedrosselt, der Energieverbrauch sinkt und die Körperzusammensetzung verändert sich. Bereits ab dem 30. Lebensjahr verlieren wir pro Jahr etwa ein Prozent Muskelmasse, wenn wir nicht aktiv mit Sport gegensteuern. Der Fettanteil steigt hingegen. „Das Gewicht bleibt zwar zunächst konstant, aber der Energieverbrauch sinkt, weil Fettzellen weniger Kalorien verbrennen als Muskelzellen“, erklärt Kassner. Auch die Hormone spielen bei der Gewichtszunahme eine Rolle. Frauen trifft dies meist noch stärker als Männer: Ab etwa 40 Jahren sinkt der weibliche Östrogenspiegel – das begünstigt die Fetteinlagerung am Bauch. In den Wechseljahren verstärkt sich dieser Prozess noch. Auch Männer produzieren ab Anfang 40 weniger Testosteron, was zu einer Abnahme der Muskulatur führt. Der Bauch hingegen wächst. Für beide Geschlechter gilt: Mit zunehmenden Alter sinkt der Spiegel des Wachstumshormons Somatropin, das lipolytisch, also fettabbauend wirkt. (Apotheken-Umschau vom 15.11.2016)
https://www.apotheken-umschau.de/gesund-bleiben/abnehmen/gewicht-jedes-jahr-ein-kilo-mehr-710545.html

Was aber ist von den Richtmaßen zu halten, die in Form des BMI viele Menschen verunsichern, weil sie ein paar Pfund zu viel auf die Waage bringen? Wenn das Körpergewicht mit dem Alter leicht ansteigt, d.h. also durchaus „natürlich“ ist – wir sprechen hier nicht von adipösen Ausprägungen- sollte dann beim BMI nicht nur Körpergröße und Gewicht, sondern auch das Alter berücksichtigt werden? Genauso ist es. Wenn jemand wie ich bei einer Körpergröße von 188 cm im Alter von 33 Jahren 93 kg Gewicht auf die Waage bringt, dann hat er Übergewicht. Jetzt, im Alter von 63 Jahren, gibt der Rechner hingegen ganz klar Entwarnung: „altersbezogenes Normalgewicht“.
www.smart-rechner.de/bmi_erw/rechner.php

Ein paar Pölsterchen können sogar günstig sein

Und nicht nur das: Bei Menschen ab 60 empfehlen viele Ärzte und Wissenschaftler wider Erwarten geradezu etwas höhere Werte. Der Gedanke dahinter: Leichtes Übergewicht könnte nötige Energiereserven bereithalten, die Senioren im Falle einer Erkrankung aufbrauchen. Das gilt aber eben nur im Falle einer ernsthaften Erkrankung. Neuere Studien zeigen ansonsten, dass auch im Alter ein leicht erhöhtes Gewicht besser ist, wobei hier natürlich zu klären ist, wann dieses beginnt und ab wann bedenkliche Werte erreicht werden. Trotzdem gibt es auch hierbei keine pauschale Empfehlung, die für alle gilt, genauso wenig, wie man zur idealen Schuhgröße oder Haarfarbe raten kann. Jeder ist anders, und immer entscheiden auch Situation und Befinden. Gerade bei Älteren, die schon weniger Geschmacksempfinden haben und oft auch an Appetitlosigkeit leiden, ist Untergewicht laut Expertinnen und Experten kritischer als Übergewicht. Dazu passt, dass eine Auswertung der Framingham-Studie aus dem Jahr 1980 ergab, daß das Sterberisiko bei Männern erst ansteigt, wenn ihr Gewicht mindestens 25 (!) Prozent über dem sogenannten Idealgewicht liegt! Erst ab 39 Prozent »Übergewicht« steigt die Sterblichkeit sicher an. Bei Frauen waren es 24 Prozent. Der Mediziner Werner Bartens, 2009 „Wissenschaftsjournalist des Jahres“ stellt dazu lakonisch fest: „Im November 2007 wurde bekannt, dass auch das „Idealgewicht“ aus medizinischer Sicht Unsinn ist. Wer geringes bis mittleres Übergewicht auf die Waage bringt, lebt am längsten und gesündesten.“
www.sueddeutsche.de/leben/ernaehrung-der-terror-der-gesundesser-1.572122
Zum selben Thema schreibt der streitbare Lebensmittelchemiker Udo Pollmer: „Trotz aller wissenschaftlichen Studien hält sich die fixe Idee vom Idealgewicht unverändert. Hagere, oft magersüchtige Models gelten als Vorbilder für alle, die schön und fit sein wollen. »Cui bono?«- wem also nützt diese Mär Idealgewicht? Den- je nach Motivation – verzweifelt oder verbissen diätenden Menschen jedenfalls nicht.“ (Udo Pollmer/Susanne Warmut, Lexikon der populären Ernährungsirrtümer, S.167)
Ein paar Pfunde mehr auf den Rippen schaden den höheren Semestern also offenbar nicht. Hingegen ist starkes Übergewicht (ab einem BMI > 30) ist jedoch ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko, und das auch in jüngeren Jahren. Wer so viel auf die Waage bringt, riskiert ernsthafte Stoffwechselstörungen, überfordert das Herz-Kreislaufsystem und schädigt den Bewegungsapparat. Außerdem steigt das Risiko an Typ-2-Diabetes und an bestimmten Krebsarten zu erkranken an.

Bewegung stärkt die Gesundheit mehr als gedacht
Ein Parameter wird bei der ganzen Problemstellung immer wieder außer Acht gelassen: Man kann zwar schlank sein, aber dennoch den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen- der Faktor Bewegung wird oft vernachlässigt, und doch ist es gerade die Mobilität, die entscheidend zu einem gesunden Leben auch in den späteren Lebensjahren beiträgt.
Denn Untersuchungen weisen darauf hin, dass selbst Übergewichtige in bestimmten Fällen länger leben können als schlankere Personen. Und zwar dann, wenn sie körperlich aktiver waren. Im Beobachtungszeitraum sind aus der Gruppe der Übergewichtigen weniger gestorben als bei den Schlanken, wenn die Übergewichtigen sich im Alltag sportlich betätigt haben, die schlanken Personen hingegen nicht. Ihre Sterblichkeit lag 7,5 Prozent niedriger. Je mehr Bauchfett die Teilnehmer hatten und je weniger aktiv sie vorher waren, desto größer war der Effekt, den die Bewegung hatte. Manche Forscher gehen sogar so weit, dass sie sagen: Bewegung ist letztlich von größerer Bedeutung als das Gewicht.
Doch wie so oft gibt es ein Aber: Zwar hatten die übergewichtigen Probanden ein geringeres Sterberisiko, trotzdem muss man sich bewusst sein, dass ihr Diabetesrisiko weiterhin bestehen blieb. Gleichwohl ist nicht von der Hand zu weisen, dass körperliche Betätigung auch bei der Vorbeugung gegen den Diabetes eine zentrale Rolle spielt. Welche Mechanismen dabei im Hintergrund wirken, ist bislang unbekannt. Auf irgendeine Weise steigert körperliche Anstrengung – egal, ob durch Arbeit oder Sport – die Insulinempfindlichkeit des Körpergewebes. Es kommt also weniger darauf an, sich mit dubiosen Diäten schlanker zu hungern (und sich dabei vom Sessel zum Sofa zu schleppen, weil jegliche Energie fehlt), sondern sich mit dosierter Bewegung – aber täglich! – fitzuhalten. Ein durchtrainierter Dicker hat allemal weniger Risiko, Diabetes zu entwickeln, als ein dürrer, bewegungsfauler Hungerhaken. Dabei ist ein strammer Spaziergang von einer halben bis einer Stunde am Tag oder Fahrradfahren/Schwimmen vollkommen ausreichend, vorausgesetzt, man sitzt nicht die restliche Zeit des Tages nur regungslos im Sessel.
Um es zusammenzufassen: Leichtes Übergewicht im Alter von 60 Plus muss nichts Schlechtes sein. Oftmals werden im höheren Alter sogar ein höherer BMI und ein paar mehr Fettreserven empfohlen. Ab 60 Jahren gilt nämlich leichtes Übergewicht als Optimum. Das wird damit begründet, dass der Körper so im Falle einer Erkrankung besser dagegen gewappnet ist, wenn die Krankheit am Körper zehrt. Vor allem im Alter, wenn Appetit und Geschmack zurückgehen, kann Untergewicht schädlich werden. Ganz entscheidend aber ist, sich durch Bewegung fit zu halten, und zwar regelmäßig.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann ärztliche Beratung keinesfalls ersetzen
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Über den Autor ANAKREON

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