Fülle
Genug ist nicht genug! Gepriesen werde
Der Herbst! Kein Ast, der seiner Frucht entbehrte!
Tief beugt sich mancher allzureich beschwerte,
Der Apfel fällt mit dumpfem Laut zu Erde.

Genug ist nicht genug! Es lacht im Laube!
Die saftge Pfirsche winkt dem durstgen Munde!
Die trunknen Wespen summen in die Runde:
„Genug ist nicht genug!“ um eine Traube.

Genug ist nicht genug! Mit vollen Zügen
Schlürft Dichtergeist am Borne des Genusses,
Das Herz, auch es bedarf des Überflusses,
Genug kann nie und nimmermehr genügen!

Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898)

Früchte sind einfach schmackhaft
Früchte im Spätsommer! Was hat der eigene Garten Schöneres an himmlischen Genüssen zu bieten! Hier schlürft einer den Genuss um seiner selber Willen ein, es werden keine Kalorien, Vitamine und Mineralien gezählt, die die Frucht zum alleinseligmachenden Wundermittel im Dienste der Gesundheit erklären. Heute sehen wir das „wissenschaftlich“ und wen wundert’s, wenn es auch feste Regeln zum Verzehr von Obst und Gemüsen gibt, nicht weil sie schmecken (das ist heutzutage eine quantité négligeable) und auch die anderen Sinne erfreuen, sondern weil sie „Nutzen bringen“. Dies wurde auf eine griffige Formel gebracht und quasi ex cathedra verkündet:
Die Gleichung Obst = Krebsschutz geht nicht auf
5 am Tag- diese Lebensregel für ein langes und gesundes Leben ist seit vielen Jahren zu einem säkularen Glaubensbekenntnis geworden. Wem es schmeckt und wer es verträgt, fünfmal pro Tag zu Obst und Gemüse zu greifen, dem sei es gegönnt. Die große Frage ist nur, ob die Sache bei allen wie bei einem Kaugummiautomaten funktioniert: wir werfen statt der Groschen oben Äpfel und Salate ein und ziehen unten Gesundheit heraus. Daher orientieren sich viele aus der Generation 60 Plus, oft genug schon mit besorgtem Blick auf innere biologische Uhr, an diesen Empfehlungen. Wie so oft aber haben komplexe Sachverhalte keine simplen Ursachen. So hat sich nach der Euphorie der Gemüsehype nun auch Ernüchterung breitgemacht, denn ganz so einfach liegen die Dinge halt doch nicht. So schreibt das Ärzteblatt schon am 07.04.2010 unter dem Titel „Obst und Gemüse schützen (kaum) vor Krebs“:
Studien finden keinen Nachweis
„Die Erwartung, dass der häufige Verzehr von Obst und Gemüse Krebs¬erkrankungen verbeugen kann, hat sich als zu optimistisch erwiesen. Eine Auswertung der EPIC-Studie im Journal of the National Cancer Institute (JNCI 2010; doi: 10.1093/jnci/djq072) ergab nur eine marginale protektive Wirkung.“ Entsprechend heißt es auch in der National Library of Medicine, dass es entgegen der vorherrschenden Meinung auch zahlreichende Studien keinen überzeugenden Nachweis der krebsschützenden Eigenschaften von Obst und Gemüse erbringen („It is widely believed that cancer can be prevented by high intake of fruits and vegetables. However, inconsistent results from many studies have not been able to conclusively establish an inverse association between fruit and vegetable intake and overall cancer risk.“). https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20371762/
Die Empfehlung „Five a Day“ sah man als eine der wichtigsten Methoden der Krebsprophylaxe an, ähnlich wie der Verzicht auf das Rauchen- wobei bei letzterem die kanzerogene Wirkung einwandfrei feststeht und es keinen Zweifel gibt, dass die Entwöhnung von den Glimmstengeln mit großer Wahrscheinlichkeit lebensverlängert wirkt. Anders aber bei Obst und Gemüse.
Wenn eine Wirkung, dann auf Herz und Kreislauf
Hier ist die Beweislage weniger deutlich, denn sie beruht lediglich auf Einschätzungen zweier britischer Epidemiologen von zweifelsfrei sehr gutem Ruf, deren Aussagen allerdings einer Überprüfung wenig Substanz entgegenzusetzen haben. Offenbar ist die Wirkungsbandbreite sehr vage und die Studien zu wenig aussagekräftig. Dagegen steht: „Die seit den 90er Jahren durchgeführten prospektiven Studien konnten die optimistischen Annahmen nicht bestätigen. Selbst für den Darmkrebs konnte eine frühere Meta-Analyse keine signifikante protektive Wirkung finden (JNCI 2007; 99: 1471-1483).“ Auch eine andere Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass der tägliche Verzehr von Obst und Gemüse das Krebsrisiko nicht signifikant senkt. Auch andere Studien sehen eine eher minimale Wirkung auf diesem Gebiet. Hingegen scheint es positive Wirkungen auf das Herz-Kreislauf-System zu geben, wenngleich überzeugende Beweise noch ausstehen: „Die „5 a Day“-Empfehlung dürfte dennoch überleben. Denn selbst wenn der reichliche Verzehr von Obst und Gemüse nicht (oder nur ein klein wenig) vor Krebserkrankungen schützen sollte, so ist eine präventive Wirkung gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen weniger umstritten.“
https://www.aerzteblatt.de/treffer?mode=s&wo=295&s=fett&typ=1&nid=40745
Korrelationen sind keine Ursachen
Auch der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop steht diesen Empfehlungen eher skeptisch gegenüber, da es ihnen an wissenschaftlicher Evidenz mangelt. Es seien lediglich Ernährungstipps, die nicht auf jeden anwendbar seien. Man tue besser daran, auf seinen Körper zu hören und Obst und Gemüse je nach Appetit zu essen und nicht pfundweise in sich hineinzustopfen im Glauben, man tue dabei etwas ganz Gesundes. Als gewichtigster Wortführer der 5 pro Tag Regel gilt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Die DGE beruft sich auf Beobachtungsstudien aus den neunziger Jahren. Doch bei diesen gibt es keine eindeutigen Beweise: „Das heißt, wir können anhand dieser Studien in der Ernährungswissenschaft Zusammenhänge – also Assoziationen oder Zusammenhänge – belegen, nachweisen, aber keine kausalen Zusammenhänge. Also das heißt den direkten Beweis, dass daraus exakte Mengenangaben abzuleiten sind – sozusagen, sie müssen so und so viel Gemüse essen, damit sie definitiv dem Krebs vorbeugen – das können wir nicht machen.“
Denn das Problem bei Beobachtungsstudien ist eben, dass wissenschaftliche Beweise nur sehr schwach sind, da zwar Korrelationen (Übereinstimmungen) erkannt werden, die aber nicht mit Kausalitäten, also Ursachen, gleichzusetzen sind.
Auch andere Faktoren spielen eine Rolle
Es ist eben nicht klar erwiesen, dass niedrigere Todesraten einer Studiengruppe auf nur eine Ursache, etwa die Ernährung, zurückzuführen sind. So ist etwa bekannt, dass Vegetarier in der Regel auch Nichtraucher, schlanker und sportlicher sind und über höhere Bildungsabschlüsse verfügen als die Weißwurstfraktion: „Das bedeutet, dass auch andere Einflüsse und Lebensumstände den Zusammenhang erklären können. Zum Beispiel könnte es daran liegen, dass Menschen, die viel Obst oder Gemüse essen auch oft mehr Sport machen, auf ihre Gesundheit achten und sich grundsätzlich besser ernähren. Und dass umgekehrt Menschen, die mehr Sport machen, auch mal öfter zum Apfel als zum Kuchen greifen.“
Dabei soll die 5 am Tag-Regel keinesfalls grundsätzlich ins Reich der Fabel verwiesen werden. Wer einfach gerne Obst und Gemüse mit Behagen verzehrt, der soll das doch weiterhin tun. Uwe Knop: „Wenn jemand gerne 5 am Tag essen will, weil ihm das Spaß macht und er fühlt sich dabei gut, weil das gesamte Körpergefüge da mit einspielt und es ist im Einklang mit Körper und Geist, dann ist das ja überhaupt kein Thema, kann ja jeder machen, wie er will. Und Obst und Gemüse per se ist natürlich nicht ungesund. Die Frage ist immer, das ist das A und O: Was vertragen Sie gut und was vertragen Sie nicht gut?“
Auch bei Obst kann Vorsicht geboten sein
Denn eines vergisst man gerade bei Obst allzu leicht: es enthält einiges an Fruchtzucker. https://lebensmittel-naehrstoffe.de/zuckergehalt-obst-und-obstsorten/ . So findet man in (jeweils 100 g) Kirschen 13 g, Weintrauben 15 g, „Superfood“ Granatäpfel 16 g und Bananen 21 g Zucker. Das klingt zwar nicht nach sehr viel, aber bei 5 Mahlzeiten pro Tag kommt da schon ein bisschen zusammen. Besonders wenn, ein Diabetes im Hintergrund steht, ist also eine gewisse Vorsicht mit zu viel Obst geboten. Uwe Knop rät daher abschließend: „5 am Tag hin oder her – es gibt ein Lebensmittel, in dem viele Nährstoffe, die Menschen benötigen, vorhanden sind. Zumindest in Bezug auf Mineralien und Vitamine. Es enthält fast doppelt so viel Vitamin C wie Orangen, dazu Vitamin B, E, Calcium, Eisen, Magnesium und vieles mehr. Und zwar Fenchel. Jeden Tag einen Fenchel und schon ist ein guter Teil des täglichen Bedarfs abgedeckt…. Sich krampfhaft an die 5 am Tag-Vorgabe zu halten ist nicht sinnvoll. Nur das Salatblättchen auf dem Burger zu essen ist allerdings auch zu wenig. Eine einfache Regel, die weniger dogmatisch ist, aber alles aussagt über gesunde Ernährung, lautet: Abwechslungsreich und von allem nicht zu viel. Dann kann man im Grunde alles essen, was der eigene Körper begehrt.“
https://www.swr3.de/aktuell/fake-news-check/gesund-gemuese-ernaehrung-obst-100.html

Nur wenige befolgen tatsächlich die „5 am Tag“ Regel

Diese Erkenntnis scheint unter der Bevölkerung in unserem Land gleichfalls recht verbreitet zu sein, denn das Robert-Koch-Institut stellt in einem Artikel vom 18.Juni 2013 die Frage, ob die 5 am Tag-Kampagne gescheitert sei, da der Anteil der Personen, die sich tatsächlich an diese Empfehlung hielten, sehr gering sei. So liege sie bei Frauen bei etwa 15%, bei Männern gar nur bei 7%. Nicht nur das, es bestehe sogar der begründete Verdacht, dass der stark erhöhte Verzehr pflanzlicher Nahrung unter denjenigen Personen, die die Empfehlung befolgten (auch bei wenigen Prozent der Bevölkerung handelt es sich um Millionen von Menschen), einhergehe mit einem 80%igen Anstieg von Magen-Darmerkrankungen, die seit Beginn der Kampagne klinisch dokumentiert seien. Dabei spielt die Gruppe 60 Plus eine besondere Rolle, da man sich- wie eingangs angedeutet- in diesem Alter mehr als in jungen Jahren mit Gesundheitsfragen beschäftigt und bereitwillig entsprechende Ratschläge beherzigt: „Einen solchen Zusammenhang sieht auch die deutsche Fachgesellschaft für Ernährungstherapie und Prävention (FET e.V.) auf Basis entsprechender Rückmeldungen Betroffener. Selbst wenn die Kampagne „3-am-Tag“ hieße, müsse man den bisherigen Einsatz der Abermillionen staatlicher Fördergelder kritisch hinterfragen: Laut RKI verzehren 39% der Frauen und ein Viertel der Männer mindestens 3 Portionen Obst und Gemüse am Tag, davon die meisten unter den 60- bis 69-Jährigen.“
Nicht nur auf den Körper achten!
Auf Anfragen an die DGE und andere Unterstützer dieser Empfehlungen, wie sie zu den fehlenden Beweisen ihres Obst-und-Gemüse-Feldzuges stehen, erfolgte keine Reaktion-keine Antwort ist auch eine. Udo Pollmer, Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e.V. (EU.L.E.), erklärt das „Schweige-Dilemma“ der angefragten Akteure: „Nachdem die größte europäische Ernährungsstudie (EPIC) zeigen konnte, dass Obst und Gemüse gerade nicht vor Krebs schützen, muss man sich schon fragen: werden hier Steuergelder verpulvert?“
https://www.dnsv.eu/aktuelle-studie-des-robert-koch-instituts-rki-5-am-tag-kampagne-gescheitert-2
Um auf C.F. Meyers Gedicht oben zurückzukommen: was bei diesen Ratschlägen auffällt, ist ihre Eindimensionalität. Es geht immer um das Zählen von Inhaltsstoffen und ihre Wirkungsweise wie bei einem Motor, der mit einem neuen Schmiermittel besser läuft. Was man sehr oft vergisst, ist der Genuss an sich und die Umstände: an einem milden Herbstabend im letzten Licht einen Apfel auf der Gartenbank sitzend zu verspeisen, ist nicht nur Nahrung für den Körper. Auch die Seele isst mit. In Studienzeiten, lang ist’s her, habe ich mich intensiv mit japanischer Sprache und Literatur beschäftigt. Kaum eine bessere Seelennahrung weiß ich daher als japanische Haiku-Gedichte, wie dieser Klassiker von Matsuo Basho (松尾芭蕉) zeigt:

梅が香に
のっと日の出る
山路かな

ume ga ka ni
notte hi no deru
yamaji kana

Zum Pflaumendufte
Ging plötzlich die Sonne auf
Im engen Bergpass

https://begeistert60plus.de/aepfel-gegen-krebs/
https://begeistert60plus.de/gartenarbeit-ist-gesund/
https://begeistert60plus.de/gesundes-essen-eine-neue-religion/

Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


Über den Autor ANAKREON

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