In der Kammer, tief und donkel,
Schläft die Tante bei dem Onkel

Aus: Wilhelm Busch, Gesamtwerke in sechs Bänden. Stuttgart 1982. Band 3: Die fromme Helene, 6.Kapitel

Schlafzimmer waren früher reine Nachtlager
Es gibt Dinge, die uns einfach selbstverständlich erscheinen. Wir sitzen auf Stühlen und schlafen im Liegen, ein Paar natürlich im Doppelbett. Das war nicht immer so. Im Mittelalter waren Betten ein wertvoller Besitz, der Raum war knapp, so dass man zu mehreren in einem Bett schlief. Das heißt nicht unbedingt, dass man lag. Viele Menschen schliefen halbsitzend mit Kissen im Rücken, um besser atmen zu können. So passten schon mehrere in ein Bett, zumal die Menschen damals kleiner waren als wir. Auch in Herbergen war es üblich, zwei Gäste in ein Bett zu legen. Vorausgesetzt natürlich, sie waren vom selben Geschlecht. Noch im Barock waren Betten auch bei den Betuchteren ein gewisser Luxus, denken wir an Shakespeare, der seiner Frau im Testament sein „zweitbestes Bett“ vermachte. (“Item I gyve unto my wife my second best bed“, Testament vom 25.03.1616). Das war beileibe keine Herabsetzung, sondern üblich, da das beste Bett an den Haupterben ging. Da eine Familie gemeinsam im Schlafraum nächtigte, kamen Intimitäten zwischen den Eltern nur heimlich und in aller Kürze vor. Dagegen verlustierte man sich mit Vorliebe und ungestört in Gebüschen und auf dem Heuboden. Das Schlafzimmer war also viele Jahrhunderte hindurch alles andere als eine Liebesgrotte für zwei, sondern reines Nachtquartier, worin alle völlig zerschlagen von der Arbeit der Ruhe pflegten. Die Leute waren so schachmatt, dass sie sich von Geräuschen wie Schnarchen, Grunzen oder Furzen nicht weiter stören ließen.

Mit der Privatsphäre ändern sich die Gewohnheiten
Erst in der Neuzeit erfolgte die Absonderung des Elternschlafzimmers von den Kammern der Kinder und des Gesindes. In den Niederlanden kam in bürgerlichen Kreisen zuerst die Trennung von Arbeitsplatz und Wohnort auf. Damit entstand langsam so etwas wie eine Privatsphäre. Aber da die Arbeitsbelastung enorm war und Ehen fast immer arrangiert, flogen in den Schlafzimmern die Federn wohl nur selten besonders lustvoll, besonders für die Frauen. Ehen waren Zweckgemeinschaften. Für die Bauern erfüllte das Ehebett in erster Linie den Zweck, Kinder (=Arbeitskräfte) zu zeugen, für den Adel mussten Stammhalter her.
So nimmt es nicht wunder, dass eine gewisse Prüderie (zumindest in unseren Augen) verbreitet war, und nicht nur unter Puritanern und Calvinisten. Es gibt zahlreiche Belege, dass die Eheleute einander kaum jemals nackt sahen. Das nahm – nach unserem Verständnis- solche grotesken Formen an, dass die Nachthemden für Frauen oft mit einem „Beischlafschlitz“ versehen waren, so dass der Koitus schnell und züchtig vollzogen werden konnte, bevor jemand wach wurde. Eingestickt fand sich zuweilen der Spruch: „Dieu le veut“- Gott will es.

Frauen schlafen alleine besser
Das Doppelbett im ehelichen Schlafgemach ist demnach eine vergleichsweise neue Einrichtung, wird aber seit Generationen als heilige Institution brav weitergegeben. Als Nachzügler der Achtundsechziger war ich immer wieder erstaunt, wenn junge Leute, wenn sie unverheiratet zusammenlebten („in wilder Ehe“, wie Onkel und Tanten hinter vorgehaltener Hand raunten), zwar vieles anders machten als ihre Eltern: Apfelsinenkisten statt Plüschsessel, Sperrmüllmöbel und indische Wandbehänge, Ché Guevara statt röhrender Hirsch. Doch dann eine geheimnisvolle Tür: „Und hier ist unser Schlafzimmer!“ Natürlich ist es bei Raummangel oft nicht anders zu machen, zumal, wenn Kinder da sind. Aber freiwillig? Was zieht die Paare so sehr ins Schlafzimmer mit Doppelbett? Man darf annehmen: in erster Linie die Männer. Nach neuesten Erkenntnissen schlafen Frauen besser ohne Partner und zwei Drittel der Damen klagen über Schlafstörungen, während der Anteil der Männer nur 20% beträgt. Männer lieben es, ihre Frau neben sich zu wissen- womöglich ein ferner Nachhall aus Zeiten, in denen man(n) sicher sein wollte, dass der Nachwuchs auch den eigenen Lenden entspross.

Rücksicht auf individuelle Wünsche
Das Ehebett ist ein gewisses Symbol der Partnerschaft. Hier ist offenbar noch viel mehr im Spiel. Wer getrennt schläft, dem wird rasch unterstellt, dass im Bett nichts mehr läuft oder dass eine® der beiden (oder beide) erotisch anderswo unterwegs sind und nur aus praktischen Gründen eine Wohnung teilen. Doch gerade das Gegenteil könnte der Fall sein. Schließlich duscht man ja auch nicht gemeinsam- doch halt: manchmal schon, und das kann eine äußerst pickelnde Ouvertüre zu weiterer Betätigung sein. Ähnlich verhält es mit getrennten Schlafzimmern. Sie verleihen dem Wunsch nach Zweisamkeit oft einen viel größeren Reiz als die allabendliche Gewohnheit, gemeinsam unter die Decke zu kriechen.
Mit getrennten Schlafzimmern lassen sich zudem die eigenen individuellen Wünsche leichter erfüllen. Man muss nicht gemeinsam in die Kiste steigen, wo der eine direkt schlafen, die andere aber noch ein wenig lesen möchte. Das verhindert Streit und schlechte Laune am nächsten Morgen. Wenn man auf ganz etwas anderes als Schlafen Lust hat, dann tut ein Einzelbett so gute Dienste wie ein Ehebett. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt!

Wenn der Partner uns am Schlafen hindert
Empfindliche Gemüter schalten bereits in den Stressmodus, wenn der Partner unruhig schläft, gefühlt „ständig“ zur Toilette schleicht, im Dunkeln auf seinem Smartphone herumtippt oder mit dem Wecker hantiert. Gänzlich unerträglich wird die Situation durch das dauernde Hin- und Herwälzen des Bettgenossen. Es gibt aber leider einfach Leute, die einen extrem unruhigen Schlaf haben und andere, die äußerst sensibel sind. Zusammen wird das eine explosive Mischung. Was das Ganze noch brisanter macht, sind die gesundheitlichen Folgen dieses Schlafunterbrechungen. Wiederholtes Aufschrecken und Wachwerden führen zu einer Verkürzung der Tief- bzw. Rem-Schlafphasen, die besonders wichtig sind, damit der Körper sich regeneriert und das Immunsystem in Form bleibt. Daher sollten Paare, die sich häufig gegenseitig im Schlaf stören, schon allein aus gesundheitlichen Gründen getrennte Betten in Erwägung ziehen, zumindest während er Arbeitswoche. Es bleibt ja dann noch das Wochenende, wenn beide vom Wunsch beseelt sind, ein gemeinsames Lager zu teilen.
Dauerbrenner Schnarchen
Ein ganz besonderer Schlaf- und Liebeskiller ist das Schnarchen. Vor allem Frauen leiden unter dem Sägewerk an ihrer Seite, besonders dann, wenn der Betreiber ein paar Bierchen gekippt und den Resonanzboden auf „Laut“ gestellt hat. Um den allnächtlichen Kreislauf aus Schnarchen, Knuffen und Wachrütteln zu entschärfen, können zwei Schlafzimmer sinnvoll sein – zumindest dann, wenn selbst Ohrstöpsel nicht mehr helfen. Schlafentzug durch den schnarchenden Partner kann jede Beziehung dauerhaft schädigen, daher ist ein zweiter Schlafraum meist die optimale Lösung.
Obwohl Schnarchen in allen Altersgruppen vorkommen kann, tritt es gehäuft ab den mittleren Lebensjahren auf. Denn ist man in die Jahre gekommen, vermindert sich die Muskelspannung im ganzen Körper, so auch im Hals. Ein geübter Schnarcher schafft bis zu 90 Dezibel, was einem vorbeifahrenden Lkw entspricht. Da man mit den Jahren auch an Gewicht zulegt- was nicht von vorneherein schlecht sein muss- wird auch der Hals oft dicker und die Atemwege im Liegen enger. Die Atmung wird erschwert, ein „Erleichterungsschnarchen“ kann die Folge sein.

Räumliche Trennung schafft neue Nähe
Die Lösung, getrennt schlafen ist daher in der Generation 60 Plus häufiger zu finden als unter den Jüngeren, da ältere Menschen meist auch recht vernehmlich schnarchen. Dabei sind nicht nur die Herren der Schöpfung die Übeltäter, denn bei Frauen können hormonelle Veränderungen nach der Menopause Schnarchen verursachen oder verstärken. Frauen scheinen sogar stärker gefährdet zu sein, eine Schlafapnoe zu entwickeln. Bei den Älteren lässt sich die räumliche Trennung meist sehr viel besser arrangieren, da die Kinder im Normalfall aus dem Haus sind und somit Platz vorhanden ist.
In allen Altersgruppen können getrennte Schlafzimmer – entgegen allen Vorurteilen – sogar nach Zeiten klösterlicher Stille wieder für das nötige Feuer im Bett sorgen. Die gemeinsamen Stunden oder die ganze Nacht gemeinsam im Bett wird dann nämlich wieder zu einem besonderen Erlebnis. Denn wenn eines jede Erotik verscheucht, dann sind es eingefahrene Gewohnheiten.

Das eigene Zimmer als kreativer Raum
Ein eigener Raum kann zum Ort der Ruhe und persönlichen Entspannung werden, vor allem wenn Kinder herumturnen, der Hund die Katze jagt und der Terminkalender so vollgepackt ist, dass man kaum eine Minute verschnaufen kann. Kann man irgendwo allein sein, langsam herunterfahren und wieder zu Kräften kommen, profitieren alle davon. Ein eigenes Zimmer ist auch in der Zweierbeziehung ein Rückzugsort für eigenes Leben und Gestaltung. Lesen und schreiben, ungestört sein, Tagträumen nachhängen, den eigenen Rhythmus finden. Gedanken wie diese mögen Virginia Woolf zu ihrem berühmten Essay „A Room of One’s Own“ (Ein Zimmer für sich allein) inspiriert haben, wobei sie in erster Linie an Frauen dachte, die bis ins 20.Jahrhundert den Haushalt führten, Mann und Kinder versorgten, jedoch keinen persönlichen Rückzugsort kannten, in dem sie selbst schöpferisch tätig werden konnten. Auch in einer jahrzehntealten, liebevollen Paarbeziehung kann daher ein eigener Schlaf- und Arbeitsraum für neuen Schwung im Alltag sorgen. Gerade in der Generation 60 Plus sind die räumlichen Gegebenheiten dafür meist leicht zu schaffen.

Quellen und Empfehlungen:

https://www.fitforfun.de/news/sechs-gute-gruende-warum-paare-getrennt-voneinander-schlafen-sollten-317834.html“> 6 Gruende getrennt zu schlafen

https://www.welt.de/vermischtes/article160771491/Schafft-das-Ehebett-endlich-ab-im-Namen-der-Ehe.html“>schafft das Ehebett ab!

https://medienportal.univie.ac.at/presse/aktuelle-pressemeldungen/detailansicht/artikel/verhaltensbiologie-frauen-schlafen-besser-ohne-mann/

https://www.menshealth.de/vorsorge/sleep-divorce-gute-gruende-in-getrennten-betten-zu-schlafen/

https://www.jetzt.de/gesundheit/schlechter-schlaf-ab-wann-ist-es-eine-schlafstoerung

https://www.welt.de/gesundheit/article137307187/Schnarchen-ist-mehr-als-nur-ein-Beziehungskiller.html

https://snoreeze.com/de/nachrichten/3-gruende-warum-sich-das-schnarchen-mit-zunehmendem-alter-verschlimmert/

www.amazon.com Die 50 besten Schnarch-Killer

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Über den Autor ANAKREON

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