Frühling auf Capri

„Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!“

Soweit Eduard Mörike in seinem unnachahmlichen Frühlingsgedicht. Tatsächlich sollte er ja Ende März langsam Einzug halten und alle Welt freut sich und jubiliert, nicht zuletzt die Diät- und Entschlackungsindustrie, die nun wieder fette (!) Beute riecht. Während beim Abnehmen per Diät die Fronten klar abgesteckt sind, muss man beim Entschlacken erst einmal nachhelfen und den vermeintlich Betroffenen in einem Horrorszenario vor Augen führen, welcher Müll sich im eigenen Körper angesammelt hat. Dieser bedarf der dringenden Entsorgung, denn sonst drohen schlimme Folgen: von Rheuma, Krebs bis hin zur Gicht steht alles auf der Agenda.
https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/nahrungsergaenzungsmittel/detox-gesuender-durch-entgiftung-25381

Warum man den Körper angeblich entschlacken muss
Anders als in früheren Jahren ist heutzutage auch in der Generation 60 Plus das Gesundheitsbewusstsein sehr ausgeprägt. Da die meisten in den späteren Lebensjahren überdies an Gewicht zulegen, ist Abnehmen und Fasten in dieser Altersgruppe ohnehin ein Dauerbrenner. Aus diesem Grunde auch ist die Entgiftung des Körpers bei den höheren Semestern sehr en vogue. Vor allem im kommenden Frühling, nach den doch bei vielen üppiger ausgefallenen Festwochen und kleinen Schlemmerrunden des alten Jahres soll nun endlich das gesunde Leben Einzug halten. Auch trägt man mit den steigenden Temperaturen leichtere Kleidung, daher lautet die Devise: weniger Alkohol und Fleisch, mehr Gemüse und Sport. Wenn dabei noch ein paar Pfunde purzeln: ein meist nicht ganz unerwünschter Nebeneffekt.
So weit, so gut. Dagegen ist sicherlich nichts einzuwenden. Doch seit einigen Jahren geistert ein neuer Hype durch die Lande: Entschlackung. Durch Fasten und den Einsatz bestimmter, „gesundheitsfördernder“ Kuren möchte man überflüssige Stoffe, zumeist als Gifte oder Schlacken bezeichnet, aus dem Körper entfernen. Daher widmet sich eine ganze Industrie mit großer Hingabe diesem Bedürfnis nach innerer Reinigung und sorgt mit intensiver Werbung für Interesse daran. Saftkuren für zu Hause, vegane Lieferservices, diverse Tees, aber auch Produkte wie Entgiftungspads für die Füße werden unter diesem Überbegriff angeboten, damit nicht nur der Körper, sondern auch der Geldbeutel der Kunden entschlackt wird.
Die Therapie klingt natürlich noch um vieles überzeugender, wenn sie als „Detox“ verkauft wird. Das hört sich doch wie eine wissenschaftlich untermauerte Heilmethode an. Doch eine verbindliche Definition dieses Begriffs gibt es nicht. Detox ist die Abkürzung für Detoxifikation und bedeutet schlicht und einfach Entgiftung. Klare Aussagen sucht man allerdings vergebens, wenn es darum geht, welche Gifte sich da im Körper angesammelt haben und wie sie wieder entfernt werden können. Schließlich gibt es keinerlei wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass sich Stoffwechselgifte oder Schlacken akkumulieren, die wir mit einem ausgeklügelten Detox-Programm loswerden müssten. Solange wir gesund sind, kommen Organe wie Leber, Niere, Darm, Haut und Lunge ganz hervorragend mit ihrer Aufgabe klar, Abfallprodukte in Tag- und Nachtschichten zu beseitigen. Folglich ist es sehr verwegen anzunehmen, dass sich Körperschlacken zu wahren Halden im Körper auftürmen und uns schleichend belasten, wenn nicht gar vergiften.
https://www.derstandard.de/story/2000132717809/gesunder-lifestyle-der-mythos-vom-entgiften

Die Nachweise der Wirkung von Detox sind äußerst bescheiden
Ergo fehlt der Nachweis des corpus delicti: Schlacken kennt man aus der Metallverarbeitung oder in der Müllverbrennung. Woher sollen sie in unserem Körper stammen? Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) stellt klar: „In einem gesunden menschlichen Körper gibt es keine Ansammlung von Schlacken und Ablagerung von Stoffwechselprodukten. Nicht verwertbare Stoffe werden über den Darm und die Nieren ausgeschieden.“ Das ficht allerdings viele Gesundheitsbewusste nicht sonderlich an. In deutscher Gründlichkeit und dem Bewusstsein, etwas Gutes zu tun wird innerlich zur Drahtbürste und Scheuerpulver gegriffen und zur Generalreinigung geblasen. Die kostspieligen „Detox-Produkte“ (man rechne den Preis einmal auf das Kilogramm hoch!) mögen im besten Falle harmlos, im schlimmsten gesundheitsgefährdend sein. Doch der Boom hält an. Wer auf sich hält, schrubbt sich nicht nur täglich den schützenden Fettfilm und die Hautflora von der Pelle, sondern sagt auch der Schmutzlache, die breiig durch den Körper schwappt, den Kampf an. Wo man mit dem geistigen Auge auch hinschaut: überall Bakterien, Dreck und tückische Gifte. Das alles muss entfernt werden.
https://www.stern.de/gesundheit/uebertriebene-koerperhygiene–warum-zu-haeufiges-duschen-krank-macht-6445212.html
https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/lebensmittel/schlankheitsmittel-und-diaeten/welche-wirkung-haben-detoxpulver-co-12629
Sein Inneres zu „entgiften“ scheint also nicht sonderlich sinnvoll zu sein. Im schlimmsten Fall können die Versuche, den Körper von vermeintlichen Schlacken zu befreien, sogar ernsthaften Schaden anrichten. Besonders abenteuerlich wird es, wenn zu Darmreinigungen geraten wird. Vor einer Koloskopie sind sie unerlässlich, aber im Internet gekauft und laienhaft durchgeführt, können sie eine fatale Wirkung entfalten und gar innere Verletzungen zur Folge haben. Aber es geht auch auf die weiche Tour in Form von Teemischungen, die das Ausscheiden von Giftstoffen aus dem Körper befördern sollen. Zwar fehlt auch hier der wissenschaftliche Nachweis, aber schaden kann eine Fastenkur mit Tee doch sicher nicht.

Abwarten und Tee trinken ist auch keine Lösung
Was allerdings nicht auszuschließen ist, sind Giftstoffe und Rückstände von Pestiziden in Gesundheitstees. In einer Untersuchung haben gleich neun Tees äußerst schlecht abgeschnitten, sie alle erhielten die Note „mangelhaft“ oder „ungenügend“. Besonders erschreckend ist, dass sich fünf Bio-Kräutermischungen in dieser Gruppe wiederfinden. Was Öko-Test bemängelt, sind „vor allem Pestizidrückstände und Pflanzengifte“. Die Laboruntersuchungen hätten weiterhin eine Verunreinigung mit dem Insektizid Chlorpyrifos nachgewiesen, das von der EU im April 2020 verboten wurde.
https://www.praxisvita.de/oeko-test-verbotene-pestizide-und-pflanzengift-tee-entdeckt-20137.html
Natürlich ist Teetrinken mit Sicherheit gesünder als die Schnapsflasche anzusetzen. Ausreichendes Trinken hilft dem Entgiftungsorgan Niere. Gleichwohl sollte man auch seinen Teekonsum in Maßen halten. Dazu findet man im „Ökotest“ vom Februar 2021: „Doch viele Teesorten wie Rooibos, Schwarz-, Grün- und Kräutertees können mit Pflanzengiften zur Bekämpfung von Beikräutern verunreinigt sein, mit den sogenannten Pyrrolizidinalkaloiden. Im Schwarztee-Test haben wir zuletzt 2015 30 Produkte getestet und in vielen Problemstoffe nachgewiesen. Präparate zum Einnehmen versprechen, den Körper zu entgiften. Mit den Mikroalgen Spirulina und Chlorella, dem Gewürz Kurkuma, Extrakten aus grünem Tee und Kürbiskernen und, und, und. Viele Detox-Produkte enthalten zudem zur „Reinigung“ Bestandteile, die entwässernd wirken wie Brennnessel, Wacholderbeeren und Löwenzahn. Doch wer ständig Entwässerungsmittel nimmt, scheidet möglicherweise auch zu viele Mineralstoffe aus, die der Körper benötigt.“
https://www.oekotest.de/gesundheit-medikamente/Koerper-entgiften-Detox-Produkte-koennen-mehr-schaden-als-nuetzen_11213_1.html

Säfte und Fasten
Reine Saft- oder Gemüsekuren werden nicht unbedingt in der Absicht des „Entgiftens“ durchgeführt, sondern als allgemeine Stärkung des Körpers. Wem es gut tut, hin und wieder Fastentage einzulegen, dem sei dieses Vergnügen unbenommen. Gleichwohl muss man sich im Klaren darüber sein, dass selbst Saftkuren der Leber durch ihren hohen Zuckergehalt schaden können, denn Frucht- und Gemüsesäfte, die man in gutem Glauben und in großen Mengen während solcher Kuren zu sich nimmt, enthalten oft genauso viel Zucker wie Limonaden. Der hohe Zuckeranteil wiederum belastet den Körper und kann Entzündungen Vorschub leisten.
Als Folge eines zu sehr ausgedehnten Fastens können sich im Extremfall Nierensteine bilden, es können Herzrhythmus- und Kreislaufstörungen sowie Schwindelgefühle auftreten. Daher sollen Fastenkuren nur nach vorheriger Rücksprache mit dem Arzt durchgeführt werden.

Sind wir nicht alle etwas übersäuert?
Auch „Übersäuerung“ ist so ein Modebegriff. Wer gesund ist, braucht sich wegen einer angeblichen Übersäuerung des Körpers nicht zu grämen und schon gar keine teuren Kuren anzutreten. Die sogenannte Azidose ist ein Symptom bei ernsthaften Erkrankungen. „Besonders bei Patienten mit Niereninsuffizienz, Diabetes, einer Leberzirrhose, einem Emphysem, Diarrhöen oder chronischem Erbrechen sowie unter bestehender Diuretikatherapie ist an Störungen des Säure-Basen-Haushaltes zu denken.“
https://www.aerzteblatt.de/archiv/47498/Stoerungen-des-Saeure-Basen-Haushalts-Rationale-Diagnostik-und-oekonomische-Therapie
Doch selbsternannte Ernährungsapostel ficht das nicht an. Sie behaupten, hinter jeder Erkrankung stehe die Übersäuerung. Die Übeltäter sind rasch ausgemacht: Kaffee, Alkohol, Fleisch und Zucker, also die üblichen Verdächtigen. Der Organismus hingegen verfügt über ein ausgeklügeltes Regelwerk, das die Säure-Basen-Bilanz stets im Gleichgewicht hält. In völliger Unkenntnis werden mit Teststreifen Harnproben analysiert, die allerdings nur freie Säuren erfassen und somit wertlos sind. Genauso unsinnig ist die Behauptung, ein alkalischer pH-Wert sei per se „gesund“. Die Liste schwerer Erkrankungen, die mit einem basischen Niveau einhergehen, ist lang: Krebs, Leberschäden und Herzversagen etwa gehören dazu. Wenn an der behaupteten Übersäuerung etwas dran wäre, dann müssten die Gurus uns auch jede sportliche Betätigung verbieten, entsteht doch durch Muskelarbeit Milchsäure. Das Filtersystem unserer Niere schafft es überdies, Säuremengen auszuscheiden, für die man über zwei Kilo Steaks verspeisen müsste. Wie anders wäre die traditionelle Ernährung der Inuit oder die unserer jagenden Urahnen sonst möglich gewesen?

Steht nicht noch mehr hinter dem Säuberungswahn?
Experten, wie der Hamburger Ernährungsmediziner Matthias Riedl, sehen Detox-Produkte kritisch: „Die Philosophie von Detox bedient einen mittelalterlichen Mythos, der besagt, wir haben Schlackenstoffe, und die muss man irgendwie ausleiten.” In diesem Sinne war auch der noch mittelalterlich geprägte Reformator Martin Luther, von Protestanten als ganz Großer gefeiert, dem eigenen Leib gegenüber eher kleinlich: „Des Menschen Leib ist ein schändlicher Laugensack. Durch ihn geht und fließt Schweiß, Mist, Speichel, Rotz und alle mögliche böse Feuchtigkeit. Ich kratzte neulich mein Bein auf, so daß viel Wasser herausfloß.“ Soweit ein Zitat aus den Tischreden Martin Luthers. Mehr als uns bewusst ist, feiert die Leibfeindlichkeit des frühen Christentums heute wieder fröhliche Urständ, und ausgerechnet bei denen, die sich aus dem Markt der Möglichkeiten das herauspicken, was gerade schick und angesagt ist, zumal sie eine innere Verbindung „zur Kirche“ natürlich weit von sich weisen. Tatsächlich ist unsere heutige Leibfeindlichkeit, die sich in der Dämonisierung jeden Genusses äußert, eine direkte Fortsetzung des protestantischen, mönchischen Arbeitsethos, mit dem der Lebensernst der Moderne beginnt. Tee statt Kaffee, Wasser statt Wein, Selbstgeißelungen im Kraftraum, Abhungern zur Kasteiung: Das monastische „Ora et Labora“ bestimmt den Alltag der Menschen wieder wie vor Jahrhunderten.

Fazit: Wir müssen uns weder entschlacken noch entgiften. Unser Körper erledigt das selbst und scheidet sämtliche Abbauprodukte über Leber und Niere und auch die Atmung aus. Lediglich bei akuten Vergiftungen, etwa durch eine Überdosis an Medikamenten oder Drogen, braucht es Maßnahmen von außen, etwa indem Ärzte das passende Gegengift verabreichen. Gelegentliches Fasten hingegen kann nicht schaden, sollte aber unter fachkundiger Begleitung stattfinden. Auch öfters einmal zwei Wochen komplett auf Alkohol zu verzichten, tut nicht nur der Leber gut. Überdies kann das Vertrauen auf die stets verfügbare Entgiftung trügerisch sein: Wer glaubt, seinen Körper jederzeit von den Folgen von Alkohol- oder Nikotinmissbrauch oder den Folgen einer falschen Ernährung und mangelnder Bewegung mal eben „reinigen“ zu können, dem geht es womöglich nicht um die Gesundheit an sich, sondern um einen Reparaturdienst, den man bei Bedarf in Anspruch nehmen kann.
https://eatsmarter.de/ernaehrung/gesund-ernaehren/schlacken-gibt-es-nicht

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch keinesfalls ersetzen.


Literatur:

Udo Pollmer/Susanne Warmuth, Lexikon der populären Ernährungsirrtümer. Aktualisierte Ausgabe, Frankfurt 2009. Artikel “Säure-Basen-Haushalt“

„Die Welt ist wie ein betrunkener Bauer“. Aus den Tischreden Martin Luthers ausgewählt und übertragen von Peter Karner. Wien 1982, S. 104


Über den Autor ANAKREON

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You must sleep some time between lunch and dinner , and no half-way measures. Take off your clothes and get into bed. That’s what I always do. (Sie müssen zwischen Mittag- und Abendessen eine Zeitlang schlafen und dürfen dabei keine halben Sachen machen. Ziehen Sie die Kleider aus und gehen Sie ins Bett. Das mache

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