September 18, 2022

Der Dicke aber –„Autsch, mein Bein!“-
Hat wieder heut das Zipperlein. (Wilhelm Busch, Der neidische Handwerksbursch)

Welche Therapie Wilhelm Busch zur Behandlung dieses gichtkranken Dicken empfehlen würde, verrät er uns nicht. Wenn uns mit 60 Plus die ersten Zipperlein zwacken, lauschen wir mit roten Ohren Berichten, die alternative Heilmethoden anpreisen, schnell und sicher in der Wirkung. Solche Naturheilverfahren sind nichts Neues. Die Homöopathie jedenfalls war schon im 19.Jahrhundert bekannt, und die verheerende Spanische Grippe wurde mit dieser Heilmethode erfolgreich behandelt- dies zumindest behaupten deren Vertreter.

Der Wunsch nach sanfter Medizin
Auch im Zuge der Covid-Pandemie geben sich neben der medizinischen Behandlung und Impfung eine ganze Reihe von alternativen Heilverfahren einschließlich abenteuerlicher Wundermittel ein Stelldichein. Zu Beginn der Massenerkrankung wurden auch homöopathische Mittel wie Globuli in den sozialen Netzwerken diskutiert und teilweise aufgrund von „Wunderheilungsberichten“ angepriesen und empfohlen. Es ist dies ein gefährliches Spiel, vor dem auch die Homöopathen-Verbände ausdrücklich warnen. Je mehr unser Leben von Algorithmen und Messzahlen bestimmt ist, desto stärker wird anscheinend der Wunsch nach einer ganzheitlich schützenden Hand, die uns aus der Zwangsjacke unserer eindimensionalen Realität befreit. Offenbar ist gerade in Krisenzeiten der Glaube an sanfte und wundersame Heilmethoden, die jenseits der Grenzen unserer empirischen Wissenschaft liegen, in besonderem Maße ausgeprägt. Daher klammern sich viele, die der „Apparatemedizin“ und den „chemischen Keulen“ der Pharmaindustrie misstrauen, hilfesuchend an „schonende“ und „umfassende“ Methoden wie Homöopathie oder anthroposophische Heilkunst.
Die Homöopathie fußt bekanntlich auf den Forschungen und Erfahrungen des deutschen Arztes Samuel Hahnemann, der vor ziemlich genau 200 Jahren damit an die Öffentlichkeit trat. Geistesgeschichtlich war dies die Blütezeit der Romantik, jener Bewegung, die sich von der aufklärerischen Kraft der Vernunft lossagte und sich dem Gefühl, Leidenschaft, der Sehnsucht nach dem Unendlichen sowie nach der Einheit des Mittelalters und dem Mysterium zuwandte. Die neuen wissenschaftlichen Errungenschaften jener Zeit, Magnetismus und Elektrizität, wiesen auf eine durchgehende Beseelung der Natur hin und weckten kühne, phantastische Ansichten von der Wirkung verborgener Kräfte in Mensch und Natur. Vom Stein über die Pflanze und das Tier zum Menschen baute sich ein Glaube an einen beseelten, allfühlenden Organismus des Lebens auf.

Die Homöopathie stammt aus dem Geiste der Romantik
Die Natur raunt demjenigen Menschen, der bereit ist zu lauschen, in murmelnden Quellen ihre Geheimnisse zu; wanderfrohe Künstler und fahrende Gesellen durchstreifen die rauschenden Wälder, schwärmen für Burgruinen, für den silbrig scheinenden Mond im Nachtigallengesang und fernen Hornklängen, entdecken jene eigentümliche Stimmungs- und Seelenlandschaft voll von Ahnung und Sehnsucht. Diese innige Naturverbundenheit findet ihren Ausdruck in einer beglückenden und zarten Lyrik von zerfließender Musikalität und volksliednaher Schlichtheit. Romantisch bedeutet, an geheime Kräfte zu glauben, die im Verborgenen wirken und nicht unbedingt wissenschaftlich zu erklären sind. Romantisch heißt aber auch, betont antimodern zu sein und auf alte Traditionen zurückzugreifen, die von der Moderne abgelehnt werden, wie etwa Astrologie, Geisterglaube und Magie. In diesem geistigen Umfeld entwickelte Hahnemann seine Heilmethode, die in ihren Grundannahmen vieles mit der antiken Signaturenlehre gemeinsam hat, die auch in der chinesischen und indischen Medizin ihre Spuren hinterlassen hat. In der Tat gibt es Denkansätze dieser Lehre, die zutreffend sind. So hat die Walnuss, die in ihrer Form dem menschlichen Gehirn ähnelt, einen günstigen Einfluss auf dieses Organ. Gleichwohl gibt es eine ganze Reihe von Pflanzen, bei denen dieses Verfahren barer Unsinn ist. Neu an Hahnemanns Ansatz war nun, dass er den Wirkstoff immer mehr verdünnte bis dahin, dass kein einziges Molekül des Ausgangsstoffes in dem verordneten Präparat mehr vorhanden sein kann. Genau hier setzt die Kritik der Schulmedizin an, die von Täuschung, wenn nicht gar von Scharlatanerie spricht. Die Verfechter dieser Heilmethode hingegen werfen der Naturwissenschaft Arroganz und Blindheit gegenüber Methoden vor, die nicht in ihre Denkschablonen passen.

Homöopathie arbeitet ganzheitlich
Zunächst solle man klar zwischen verschiedenen alternativen Behandlungsformen unterscheiden. Osteopathie und Phytomedizin beruhen auf altem Erfahrungswissen, ebenso Akupunktur und werden auch von Schulmedizinern anerkannt, haben aber nichts mit Homöopathie zu tun. Diese Verfahren sind zwar nicht immer erfolgreich (wie auch die Schulmedizin!), dennoch ist deren Wirkungsprinzip wissenschaftlich nachvollziehbar. Das ist bei der Homöopathie nicht der Fall, doch auch sie kann Heilerfolge vorweisen. Die große Frage ist nur: ist eine Genesung auf Tinkturen und Globuli zurückzuführen, oder sind da ganz noch andere Faktoren im Spiel? Ein großer Unterschied zur Arztpraxis liegt schon einmal darin, dass sich Patienten in homöopathischer Behandlung ganz anders wahrgenommen fühlen. Anders als im Sprechzimmer, in dem es zumeist auf Effizienz und Schnelligkeit ankommt, nimmt man sich in der homöopathischen Praxis Zeit und beschäftigt sich mit dem ganzen Menschen. Auch das Ambiente ist in der Regel ein anderes: keine überfüllten Wartezimmer, ständiges Kommen und Gehen, schrillende Telefone und Türklingeln. Dafür gedämpfte Geräusche, Licht und Farben, esoterische Musik dezent aus dem Hintergrund. Nach dem ausgiebigen Gespräch, das allein schon therapeutische Funktion erfüllt, ist das verordnete Medikament fast zweitrangig. Die positiven Veränderungen nach der Einnahme können durchaus auf den Placebo-Effekt zurückzuführen sein, d.h. die Überzeugung, die Heilung werde nun bald eintreten. Wie sagt schon das Neue Testament im ersten Korintherbrief 13,2: Der Glaube kann Berge versetzen.

Was hat nun die Heilung verursacht?
Die Homöopathie hingegen zeigt sich überzeugt davon, dass ihre verdünnten Tinkturen oder Globuli die Heilung herbeiführen. Kritiker sehen hier stattdessen einen Placebo-Effekt am Werk. Auch in Testreihen von Medikamenten der Schulmedizin liegt der Wirkungsgrad von Placebos bei etwa 40%. Das wäre ausreichend, um die Heilwirkung zu erklären, denn auch bei homöopathischen Mitteln liegt die Erfolgsquote unterhalb von 50%. Läge sie doppelt so hoch, würde niemand mehr in die Arztpraxen laufen. In unserem Nachbarland Luxemburg steht die Homöopathie gleichfalls hoch im Kurs, aber auch dort mehrten sich vor einigen Jahren die Stimmen, die sich gegen Globuli auf Krankenschein verwahrten. Im Luxemburger Wort war damals zu lesen: „Doch trotz wiederholter und hartnäckiger Gegendarstellungen homöopathischer Interessengruppen gilt die Wissenslage mittlerweile als klar: Es gibt trotz tausendfacher Studien immer noch keinen reproduzierbaren, wissenschaftlich glaubhaften Nachweis dafür, dass homöopathische Präparate eine Wirksamkeit besitzen, die über jene eines Placebos hinausreichen würde… Den Konsumenten homöopathischer Präparate stört dies zunächst kaum. Denn oft findet die Inanspruchnahme dieser Form von Behandlung ihre Quelle eher im Glauben als in der Wissenschaft. Daran ist nichts auszusetzen, doch sollte die Frage erlaubt sein, ob auch „Ungläubige“ die Wiedererstattung solcher Präparate mit tragen sollten.“ Oft wird von homöopathischer Seite unterstellt, man wolle diese Heilmethode als unliebsame Konkurrenz verbieten. Doch darum geht es überhaupt nicht. Auch das Luxemburger Wort stellte klar: „Wer sich eine homöopathische Behandlung wünscht, sollte diese bekommen. Doch bezahlen sollte er dann aus eigener Tasche.“
(Quelle: Luxemburger Wort)

Echte Heilwirkung oder Placebo?
Im Grunde ist das ein Streit um Kaisers Bart, sollte man meinen. Es kann doch eigentlich egal sein, was die Genesung bewirkt hat, Hauptsache, man wird wieder gesund. Doch gerade das ist der Zankapfel: haben diese hochpotenzierten Verdünnungen tatsächlich eine kurative Wirkung? Alle seriösen Studien scheinen darauf hinzudeuten, dass an Globuli und Tinkturen nicht viel dran ist. Die Ergebnisse gründlich durchgeführter Studien zeigen ganz klar, dass Homöopathie nicht besser wirkt als Scheinmedikamente (Placebos.) Nachgewiesen ist das unter anderem für Asthma, Angststörungen, Durchfall bei Kindern, Kopfschmerzen und Migräne, Erkältungskrankheiten oder beim weiblichen prämenstruellen Syndrom (PMS).
Viele andere Krankheiten sind bisher nur in fehlerhaften Studien untersucht worden, an die keine streng wissenschaftlichen Kriterien angelegt werden. Ein Teil dieser Studien mag zwar darauf hindeuten, dass Homöopathie helfen kann, die Ergebnisse sind aber sehr unzuverlässig. Für eine Reihe anderer Beschwerden wurde die Wirkung der Homöopathie bislang überhaupt nicht oder nur unzureichend erforscht.
Keine der bisherigen Studien liefert einen Hinweis, dass Homöopathie bei irgendeiner Krankheit oder Beschwerde besser helfen könnte als Placebo-Medikamente. In den USA müssen homöopathische Mittel mittlerweile einen deutlichen Warnhinweis tragen, dass kein wissenschaftlicher Beweis für die Wirksamkeit vorliegt und dass die erhoffte Wirkung auf Theorien aus dem 18. Jahrhundert basiert, die von der heutigen Medizin als unseriös zurückgewiesen werden.

Studien zur Wirkung
Eine weitere Erklärung für Heilerfolge ist, dass sich manche Beschwerden oft auch ohne Behandlung wieder bessern. Mittelohrentzündungen etwa klingen oft schon innerhalb von zwei bis drei Tagen von selbst wieder ab. Nimmt ein erkranktes Kind am ersten Tag Globuli ein, stellt sich augenscheinlich eine eindrucksvolle Wirkung ein– obgleich die Beschwerden auch ohne Homöopathie genauso schnell vergangen wären. Das gilt selbstverständlich auch für Medikamente aus der Apotheke, die in so einem Fall vielleicht gar nicht verordnet werden müssten. Eine Studie (2010) im Auftrag der englischen Regierung fand keine Belege für die Wirksamkeit von Homöopathie und rät dazu, aufgrund der insgesamt begrenzten Forschungsmittel keine weiteren Studien auf diesem Gebiet zu finanzieren – die Frage sei hinreichend beantwortet. Die wohl bislang umfangreichste Übersichtsarbeit zur Homöopathie hat die australische Gesundheitsbehörde 2014 veröffentlicht. Ziel war es herauszufinden, ob es einen Nachweis für die Wirkung der Homöopathie gibt. Die Behörde kommt zu dem Schluss, dass das nicht der Fall ist, Homöopathie wirke nicht besser als ein Scheinmedikament. In der offiziellen Erklärung rät die australische Behörde dringend davon ab, Homöopathie bei chronischen oder ernsthaften Erkrankungen anzuwenden, bzw. bei Leiden, die sich zu schweren Krankheiten entwickeln können.
(Quelle: medizin-transparent)

Homöopathie fällt aus der medizinischen Ausbildung heraus
Aus diesen Gründen haben auch die deutschen Landesärztekammern die Homöopathie als Zusatzqualifikation in ihren Ausbildungsgängen gestrichen. Desungeachtet können Ärzte weiter Homöopathie anbieten, und Patienten wird in keiner Weise die Möglichkeit genommen, auf diese Behandlungsmethoden zurückzugreifen. Nur kann Patienten und Patientinnen die Homöopathie dann nicht mehr als wirksame und ebenbürtige Therapieform angeboten werden. Das hat nichts mit einem Verbot zu tun. Wer zu Unrecht erhaltene Privilegien gestrichen bekommt, dem ist noch lange nicht die Lizenz entzogen worden. Auch wenn eine empörte Homöopathie-Lobby das oft anders darstellt: kritische Wissenschaftler oder die Ärzteschaft wollen die Homöopathie weder abschaffen noch unter Strafe stellen. Die Ärzte und Ärztinnen, die die Zusatzqualifikation bereits führen, dürfen sie behalten.

Wer möchte, kann sich auch weiterhin homöopathisch versorgen lassen
Auch die Forderung, die Homöopathie müsse in ärztlicher Hand bleiben, damit sie nicht „unsachgemäß“ Behandelnden überlassen ist, greift zu kurz. Auch Heilpraktiker verfügen oft, aber nicht immer, über profunde medizinische Kenntnisse. Offenbar kann man ohnehin kaum von einer „sachgemäßen“ therapeutischen Anwendung von Homöopathie sprechen, gleich wo und von wem. Wirksam wird sie ja nicht durch die Art oder Ausbildung der Behandelnden, sondern vielmehr durch den Glauben an deren Wirksamkeit. Gemäß dieser Logik müsste man sonst alles Mögliche aus der Wundertüte der alternativer Heilverfahren gleichfalls in ärztliche Hand geben: Horoskope, Reinkarnationstherapie, Frequenzbehandlung, Auraheilung und vieles andere verorten wir wohl nicht zu Unrecht im Bereich der Esoterik. Wer möchte, kann sich weiterhin homöopathisch behandeln lassen- auf eigene Rechnung (genau wie bei Thai-Massage, Akupressur oder Fußpflege). Schließlich ist auch das Schwimmen ist der Gesundheit überaus zuträglich, aber den Eintritt ins Schwimmbad übernimmt keine Kasse.
(Quelle: Spektrum)

Fazit:
Homöopathisch-ganzheitliche Heilverfahren sprechen viele Menschen in der heutigen, seelenlosen Zeit der digitalen Verwahrlosung besonders an. Ein überzeugender Beweis ihrer Wirkungsweise steht allerdings noch aus. Gleichwohl schwören viele Menschen auf diese Behandlungsmethode, auch wenn die Globuli nicht viel mehr als Zuckerkügelchen sind und die Tinkturen fast ganz aus Wasser bestehen. Was letztlich zählt, ist (der Glaube an) deren Wirkung. Wie sagt Shakespeare doch so treffend: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt, Horatio.“ (Hamlet, I,5: There are more things in heaven and earth, Horatio, then are dreamt of in your philosophy)

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel enthält allgemein zugängliche Informationen. Er kann eine ärztliche Konsultation keineswegs ersetzen.


Über den Autor ANAKREON

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