Die Weisen vom Garten
Wer sich Gedanken über sich und sein Leben macht, der sollte nicht bis zur Rente warten. Liegt der Sinn nur darin, im Rattenrennen dem Mammon nachzujagen, den Schottergarten und SUV vor der Haustür? Solche Fragen stellte man sich schon vor Jahrtausenden. Erhellendes dazu findet man bei Epikur. Er wurde 341 v. Chr. auf Samos geboren und verbrachte dort auch seine Jugend. Seine drei Brüder schlossen sich später seiner Schule an. Um 310 eröffnete er zusammen mit ihnen zunächst in Mytilene auf Insel Lesbos eine eigene Lehrstätte, bald darauf in Lampsakos am Hellespont. Bereits an diesen Orten knüpfte er Freundschaften, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten sollten. Gemeinsam mit vielen seiner Schüler ging Epikur 306 nach Athen, wo das Herz der antiken Philosophie schlug. Er erwarb das Haus mit dem berühmten Garten, nach dem die Schule benannt wurde, gr. kepos (κῆπος) und lehrte dort über 30 Jahre. Dieses Anwesen erschien mit Recht für die Sinnesart der Gemeinschaft und ihres Stifters so bezeichnend, dass sie gemeinhin bald „Die Weisen vom Garten“ genannt wurden. https://begeistert60plus.de/gartenarbeit-ist-gesund/Epikur2
Nur wenig vom umfangreichen Werk Epikurs ist erhalten
Epikur unterrichtete in seinem kleinen Athener Garten alle Ratsuchenden, die zu ihm kamen: Fremde, Freunde und ihre Kinder, seine eigenen Brüder, aber auch Sklaven und Huren, was viele brave Bürger skandalös fanden und ihm einen schlechten Ruf einbrachte. Von seinen etwa 3oo Schriften ging der größte Teil verloren. Nur drei Lehrbriefe an Herodot, Phythokles und Menoikeus und eine Sammlung von vierzig Lehrsätzen sind erhalten. Seine Werk lässt sich jedoch aus dem Lehrgedicht „Von der Natur der Dinge“ des römischen Dichters Lukrez (um 95 -55 v. Chr.) erschließen, das möglicherweise auf einer von Epikur selbst verfassten Vorlage beruht, sowie aus den philosophischen Dialogen Ciceros (106-43 v.Chr.).
Die Seele ist nicht unsterblich
Wir wissen, dass es keinen Tod gibt, solange wir leben, und nicht mehr sind, wenn der Tod da ist. Also brauchen wir den Tod nicht zu fürchten, weil wir ihn nicht bewusst erleiden müssen. So könnte man eine der Hauptlehrsätze der epikureischen Lehre zusammenfassen: der Tod kann uns nicht schrecken, es gibt kein Leben nach dem Tod, mithin keine Höllenstrafen. Das Weltbild des Epikur kennt nur das zufällige Zusammentreffen und Vergehen der Atome. Alles zerfällt, wenn der Körper stirbt, selbst die Seele. Deshalb gibt es für ihn keine Unsterblichkeit. Gleichwohl kommen Götter in seinem Werk vor, aber sie sitzen irgendwo auf dem Olymp herum und kümmern sich nicht weiter um die Welt. „Es ist sinnlos, von den Göttern zu fordern, was man selber zu leisten vermag.“ Damit appelliert er an die Eigenverantwortung des Menschen, der furchtlos durchs Leben gehen soll: „Lebe so, dass du nichts und niemanden fürchten musst, auch den Tod nicht und die Religion.“ Man muss sich also von seinen Ängsten lösen. Nur so erreicht man den Seelenzustand einer heiteren Gelassenheit. Epikurs Lehre ist daher oft die Philosophie der Freude genannt worden.
Nur das Diesseits zählt
Man kann sich leicht ausmalen, dass die Anschauungen Epikurs in späteren Jahrhunderten als blasphemisch verteufelt wurden, nicht zuletzt von Seiten der Christen. Denn hier wird genau das Gegenteil der christlichen Erlösungs- und Jenseitsversprechen verkündet. Nicht die geistige Welt der abstrakten Ideen ist die wahre, so wie Platon lehrt, sondern die diesseitige, sinnliche Welt der Erfahrung und der Naturgesetze. Die Tatsache, dass wir Dinge nach Begriffen unterscheiden und benennen können, hatte Platon zu ebendieser Überzeugung gebracht: Es müsse ihnen etwas Immaterielles, Geistiges anhaften oder gar zugrundeliegen, etwa in Form von Urbildern.
Die Welt der Atome
Epikur hingegen stützt sich auf die Atomtheorie Demokrits. Demnach besteht alle Materie aus Atomen, also unteilbaren, kleinsten Grundbestandteilen, die sich in fortwährender Bewegung befinden. Diese fügen sich für längere oder kürzere Zeit zu mehr oder weniger fest umrissenen Gebilden, eben den Dingen, die wir wahrnehmen, zusammen. Epikur nimmt an, dass von den Dingen feinste (Licht-) Atome ausgesandt werden, die »Bildchen« der Dinge an unsere Wahrnehmung übermitteln. Mit dieser Vorstellung, die wir heute „Photonen“ nennen, ist er der modernen Physik näher als die meisten Denker der Antike. Sein Lehrgebäude kann man in drei kann drei große Themenbereiche unterteilen: die allgemeine Naturlehre (Physik), die Erkenntnistheorie (Kanonik) und spezielle Glückslehre (Ethik). Dabei greift jeweils eins ins andere und wäre isoliert betrachtet sinn- und zwecklos.
Keine Angst vor dem Tod!
Da auch unsere Seele aus Atomen besteht, zerfällt sie ebenso wie unser Körper nach unserem Tod in ihre Bestandeile. Darum kann es nach dem Zerfall des Organismus ein individuelles Fortleben der Seele nicht geben. Dieser Erkenntnis müssen wir unerschrocken ins Auge sehen. Nach unserem Tode bleibt von uns nichts weiter übrig als die zerstreuten, auseinanderstrebenden Atome, die aber wieder Bausteine für neues Leben sind. Mit dem Tode verlischt also unsere Persönlichkeit. Gleichwohl sollen wir bestrebt sein, unsere Zeit entschlossen zu nutzen:
„Nur einmal werden wir geboren, ein zweites Mal ist nicht möglich, und wir müssen dann eine ganze Ewigkeit hindurch nicht mehr sein. Trotzdem schiebst du den rechten Augenblick immer wieder hinaus und bist doch nicht einmal Herr über den morgigen Tag. Überm Zaudern schwindet aber das Leben dahin und so manche sterben, ohne sich im eben jemals recht Zeit genommen zu haben.
Diesen bedrückenden Gedanken wohnt aber auch Tröstliches inne, denn damit fällt auch unsere ganze ängstliche Sorge um das Schicksal unserer Seele nach dem Tode weg, denn sie kann ja nun weder belohnt noch bestraft werden. „Der Tod ist für uns ein Nichts, denn was der Auflösung verfiel, besitzt keine Empfindung mehr. Was keine Empfindung mehr hat, das kümmert uns nicht.“
Freude als zentraler Begriff
Man soll stets dem Grundsatz der heiteren Gelassenheit folgen und sich nicht von Macht- und Geldgier mitreißen lassen. Wer sich vom materiellen Reichtum blenden lässt, tappt in die Falle: „Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug“. Voraussetzung für die innere Harmonie ist die Zügelung der Begierden: „Bei den meisten Menschen ist die Ruhe Lähmung, Bewegung Tollheit.“
Der Epikureer wird also vernunftgeleitet und gerecht leben – und eben darum freudevoll. Denn in Freude zu leben, ist nicht möglich, wenn man nicht gerecht, aufrecht und vernunftvoll lebt- Gleiches gilt auch umgekehrt. Man muss seine eigenen Wünsche daher stets auf den Prüfstand stellen: „Bei allen Begierden muss man sich fragen: Was geschieht, wenn mein Begehren befriedigt ist, und was, es nicht befriedigt wird?“
Es wird ein vernunftgeleitetes Leben in Zurückgezogenheit sein ein ohne grenzenlose Gier und Leidenschaft, ohne Verstoß gegen die Interessen eines anderen und ohne jede Verletzung der Gesetze. Denn die Gesetze sind für den Weisen nicht dazu gegeben, daß er kein Unrecht tue, sondern dazu, daß er kein Unrecht erleide.
Freude und Freundschaft bedingen einander
„Die Fähigkeit, Freundschaft zu gewinnen, ist unter allem, was Weisheit zur Glückseligkeit beitragen, kann, bei weitem das Bedeutendste.“ Es kommt dabei aber darauf an, einander wechselseitig beizustehen. Eine einseitige Freundschaft, in der einer immer nur die Hand aufhält, gerät schnell in Schieflage: „Wer ständig Hilfe fordert, auch wer sie niemals leistet, ist kein Freund. Der eine will für seine Zuneigung von uns Leistung kaufen, der andere beraubt uns für alle Zukunft der tröstenden Hoffnung.“ Freundschaft lebt vom fruchtbringenden Gespräch, vom Austausch der Gedanken bis hin zum leidenschaftlichen Rededuell. Dabei ist derjenige, der den kürzeren zieht, dennoch in einer glücklichen Lage, denn er profitiert von der Überlegenheit des Freundes: „Bei einem geistigen Treffen gewinnt der Geschlagene, sofern er dabei nämlich hinzulernt.“ In all den Unbilden des Schicksals steht die Freundschaft fest wie eine griechische Phalanx und verleiht „…inmitten der zeitlich begrenzten Schrecknisse erst richtige Sicherheit.“ Schon aus seiner Vita ist ersichtlich, welch überragende Bedeutung er der Freundschaft beimisst, und so nimmt es nicht wunder, wenn er sie in geradezu poetischen Bildern preist: „Die Freundschaft umtanzt den Erdkreis, uns allen verkündend, dass wir erwachen sollen zur Seligkeit.“
Was bedeutet Genuss?
Nach seinem Tod im Jahre 270 v. war Epikur von einer Gloriole des Göttlichen umgeben. Allerdings meinten viele, die vom Begriff der „Freude“ geblendet waren, er habe als Lebemann in Saus und Braus gelebt. So verbreitete sich schon im Altertum der nicht auszurottende Vorstellung, dass Epikureer Genießer und Prasser seien, Wollüstlinge und Egoisten. Genau das Gegenteil ist der Fall. Er selbst war bettelarm, oft krank und leidend. Er ernährte sich hauptsächlich von Brot und Wasser. Lustvoller Genuss (gr. ἡδονή „hédoné“) ist für Epikur keineswegs maßlose Ausschweifung. Richtig genießen heißt vielmehr klug genießen: kleine Freuden, die man mit seinen Freunden teilt. Gemeinsamkeit steht also ganz im Vordergrund, Neid hat im Freundesbund keinen Platz. Der epikureische Genuss ist also weit entfernt von Völlerei und Festgelagen:
„Wenn wir nun also sagen, dass Freude unser Lebensziel ist, so meinen wir nicht die Freuden der Prasser, denen es ums Genießen schlechthin zu tun ist. Das meinen die Unwissenden oder Leute, die unsere Lehre nicht verstehen. Für uns bedeutet Freude: keine Schmerzen haben im körperlichen Bereich und im seelischen Bereich keine Unruhe verspüren. Denn nicht eine endlose Reihe von Trinkgelagen und Festschmäusen, nicht das Genießen schöner Knaben und Frauen, auch nicht der Genuss von leckeren Fischen und was ein reichbesetzter Tisch sonst zu bieten vermag, schafft ein freudevolles Leben, vielmehr allein das klare Denken, das allem Verlangen und allem Meiden auf den Grund geht und den Wahn vertreibt, der wie ein Wirbelsturm die Seelen erschüttert.“
Stets das rechte Maß finden
Bewusst genießen heißt in Maßen genießen, stillvergnügt, ohne Gier nach Macht und Ruhm. Es ist jene sich immer gleichbleibende selig-frohe Glücksstimmung, die von Epikur selber am liebsten mit einer nur leise bewegten, glitzernden Meeresfläche, also mit der Meeresstille (γαλήνη) verglichen wird. Echt hellenisch sieht er in der vollen Gesundheit des Körpers in Verbindung mit einer unerschütterlichen Seelenruhe das höchste Lebensziel. Gelassenheit steht am Anfang und Ende des glückseligen Daseins. In jeder Lebenslage gilt es, das Gleichmaß zu bewahren: „Kleine Seelen werden durch Erfolge übermütig, durch Misserfolge niedergeschlagen.“ Wo aber finden wir am leichtesten zur Seelenruhe? „Lebe im Verborgenen“ rät der Philosoph und ist darin ein Kind seiner Epoche, des Hellenismus, in der die Politik nicht mehr die Sache des einfachen Bürgers, sondern die Aufgabe der Fürsten und Könige ist. Epikur hält sich stets aus dem politischen Gezänk heraus, da Macht über andere den Menschen korrumpiert und der Gelassenheit des Geistes entgegensteht: „Wer Furcht verbreitet, ist selbst nicht ohne Furcht.“

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Besonders empfehlenswert:
Die Geschichte der griechischen Philosophie des italienischen Autors Luciano de Crescenzo
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Über den Autor ANAKREON

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