Der Autor und sein Exil
Cristo si è fermato a Eboli ist ein Roman von Carlo Levi, der wegen seiner politischen Aktivitäten gegen Mussolini 1935 und 1936 im süditalienischen Grassano (im Buch Gagliano genannt) bzw. Aliano unter Hausarrest stand. Der Roman ist daher autobiographisch: Levi beschreibt sein Exil in einem abgelegenen Ort in Lukanien, der im Vergleich zur Modernität Turins hoffnungslos rückständig, geradezu archaisch anmutet. Levis Bericht ist kein reines Tagebuch, sondern eine Mischung aus persönlichen Erlebnissen, ethnographischen Beobachtungen und politischer Kritik. Er beschreibt mit großer Empathie das einfache Leben der Kleinbauern, das einerseits von Armut und Aberglauben, andererseits von Würde und Gelassenheit, aber auch von Resignation geprägt ist.
Mit der Eroberung Abessiniens und der Ausrufung des „faschistischen Imperiums“ hebt die Regierung in Rom die Haftmaßnahmen für fast alle Verurteilten „großzügig“ auf: Carlo Levi kann nach Turin zurückkehren, wo er nun auch als Maler erfolgreich ist; bereits die Zeit des Exils in Lukanien war von einer intensiven künstlerischen Tätigkeit geprägt. Als der Krieg schon fast vorbei ist, muss Levi erneut unterzutauchen. In Florenz schreibt er in seinem Versteck von Dezember 1943 bis Juli 1944 „Cristo si è fermato a Eboli“. Der Roman erscheint 1945 im Italien der Nachkriegszeit, wo er großen Erfolg hat. Auch der von Francesco Rossi 1979 geschaffene Film wurde vom Publikum und der Kritik mit viel Lob bedacht. Das bildgewaltige Drama schwelgt in faszinierenden Landschaftsbildern der Basilikata und setzt den leidenden Kleinbauern der 1930er Jahre ein Denkmal.
Levis Bilder werden in vielen bedeutenden Ausstellungen gezeigt, was das große Ansehen unterstreicht, das der Autor sich auch als Maler erworben hat. Er stirbt 1975 in Rom.
Erklärung des Buchtitels im Vorwort
„Wir sind keine Christen – sagen sie – Christus kam nur bis Eboli“ (Noi non siamo cristiani, – essi dicono, – Cristo si è fermato a Eboli“): Diese Stadt in Kampanien, markiert nämlich für viele der Einheimischen die Grenze der „zivilisierten“ Welt. Christus – als Symbol für Mitgefühl, Gerechtigkeit und Menschenliebe– habe dieses abgelegene Gebiet nie erreicht. Christus kam also nur bis Eboli, wo die Straße und der Zug die Küste vor Salerno und das Meer verlassen und in die Einöde von Lukanien vordringen.
Christus kam nicht hierher, ebenso wenig wie die Römer, die entlang der die großen Straßen siedelten und sich von den Bergen und Wälder fernhielten. Genauso hielten es schon die Griechen vor ihnen, die zwar an der Küste blühende Städte errichteten, das Landesinnere aber mieden. Fremde haben dieses Land also nie besiedeln wollen und zogen höchstens als Eroberer oder Feinde durch, nur wenige Besucher verirrten sich dorthin. Die Jahreszeiten bestimmen den Rhythmus der bäuerlichen Arbeit, heute wie vor Jahrtausenden: keine menschliche oder göttliche Botschaft hat sich dieser tiefverwurzelten Armut und Verzweiflung angenommen und die Sprache der modernen Welt wird hier nicht verstanden („Nessun messaggio umano o divino si è rivolto a questa povertà refrattaria. Parliamo un diverso linguaggio: la nostra lingua è qui incomprensibile”).
Die Welt der lukanischen Bauern
Dem Autor zufolge kann der Zustand der lukanischen Bauern als archaisch, geradezu prähistorisch beschrieben werden. Ihre Häuser bestehen meist aus einem einzigen Raum, der als Küche, Schlaf- und Wohnzimmer und als Stall für das Kleinvieh dient. Das Bett hat riesige Ausmaße, denn darin schlafen die Eltern und die ganze Kinderschar. Die ganz Kleinen liegen die in einer Wiege, die an der Zimmerdecke befestigt ist, so dass sie zur Beruhigung durch die Luft geschaukelt werden kann. Also zieht sich der Schlafplatz über drei Etagen: unter dem Bett das Kleinvieh, im Bett die Familie und über dem Bett die Säuglinge.
Damit legt der Autor ein anschauliches Zeugnis von der Armut dieser bäuerlichen Kultur ab, deren Träger gezwungen sind, jahraus-jahrein im gleichen Trott dieselbe Arbeit verrichten, ohne jede Aussicht darauf, dass diese Tretmühle je zum Stehen kommt. Es ist aber keineswegs so, dass der Autor einer fatalistische Auffassung von dem Leiden der Bewohner das Wort redet und damit die Ansicht unterstützt, dass die Armut in Lukanien ein gottgewollter Zustand sei, gegen das man nichts tun könne. Sie erscheint ihm wie ein Übel, das immer da ist und bleibt bestehen, weil die Bedingungen, die sie nähren, das Fundament bilden, auf der diese archaische Gesellschaft ruht.
Der tägliche Kampf ums Überleben
In Gagliano ist die Welt ein zweigeteiltes Universum: auf der einen Seite die Tagelöhner, Pächter und Kleinbauern, auf der anderen Seite die Grundherren und die Vertreter eines habgierigen, zänkischen Kleinbürgertums. Die Streitlust scheint das wesentliche Element ihres Lebens zu sein. Über Jahrhunderte haben sie einander betrogen und Intrigen gesponnen- und das werden sie auch weiterhin tun, zwischen denselben Häusern, vor denselben weißen Steinen und denselben Mauern.
Die Bauern indes stehen vor Sonnenaufgang auf, weil sie mehrere Stunden zu Fuß zurücklegen müssen, um zu ihren Feldern zu gelangen und kehren am Abend völlig ermattet zurück. Das von ihnen bewirtschaftete Land an den Ufern der Flüsse Agri und Sauro ist Malariagebiet, und der Krankheit sind sie von klein auf ausgesetzt. Der Staat führt keine Landgewinnungsarbeiten durch, so dass sogar das Drainagewasser, das für die Bewässerung des sonnenverbrannten Landes so nützlich wäre, versickert und den Lebensraum der malariaübertragenden auch noch Moskitos vergrößert.
Diese Menschen sind nicht nur arm wie die meisten Kleinbauern im Mezzogiorno. Es sind ausgemergelte, halbverhungerte Gestalten, die in Fetzen gehen und deren Kinder still und hilflos wegsterben. Die Ernährung ist schlecht und eintönig. Die Witwe, bei Levi einquartiert wird, möchte ihm, dem Fremden aus der Stadt, nach der Reise eine warme Abendmahlzeit anbieten. Das ist selbst für die wenigen Wohlhabenderen unvorstellbar. Für sie gibt es Brot, mit viel Glück eine Tomate dazu oder Chilis, Zwiebeln, Knoblauch und Olivenöl: ein karges Leben. Daher kennen diese Bauern, anders als in den anderen Regionen, auch keine Lieder („I contadini non cantano“).
Der neue Mitbürger weckt große Hoffnungen
In der Gegend gibt es zwar zwei Ärzte, die aber vollkommen inkompetent sind, so dass die Bewohner ihre ganze Hoffnung auf den Arzt aus dem Norden setzen: So stehen an seinem ersten Morgen in dem lukanischen Nest einige Frauen vor ihm, die darauf warten, damit er ihren Kinder hilft. Sie flehen ihn an, segnen ihn, küssen seine Hände. Ihr ganzes Vertrauen legen sie in ihn. Der Autor fragt sich, was die Gründe dafür sein könnten: Er war erst am Vortag in das Dorf gekommen und gleich der erste Kranke, der auf einem Esel von weither herangeschafft wurde, war gestorben. Die Frauen sagen ihm aber, sie seien überzeugt, dass er kein medicaciucci, ein Quacksalber sei, sondern ein „buono cristiano“. Vielleicht, so denkt der Schriftsteller, hätten sie erkannt, dass er sich in seiner Ohnmacht dennoch bemüht habe, etwas für den Sterbenden zu tun, und ihn mit Interesse und echter Sorge beobachtet habe (“Si sono accorte che nella mia impotenza mi ero tuttavia sforzato di far qualcosa per il moribondo e l’avevo guardato con interesse, con reale dispiacere”).
Der Einzige außer ihm, der wirklich etwas kann, wie Spritzen setzen, Brüche schienen oder Blutungen stillen und zudem eine Menge von Heilkräutern versteht, ist wie oft in alten Zeiten der Barbier, der im Ort höchstes Ansehen genießt und dem die Ärzte immer wieder Anzeigen wegen „Amtsanmaßung“ androhen. Ähnlich geht es auch Levi. Das Polizeipräsidium in Matera verbietet ihm, wahrscheinlich auf Betreiben der beiden lieben Kollegen, die unliebsame Konkurrenz wittern, die Ausübung des Heilberufs. Das Unverständnis und Desinteresse der Bürokratie trägt zum Misstrauen und zur Abneigung der Bauern dem Staat gegenüber bei, dem Diplome und Erlaubnisscheine wichtiger sind als tatsächliches Können.
Mit der schulischen Erziehung sieht es nicht besser aus. Der einzige Grundschullehrer, Don Luigino, füllt die Unterrichtsstunden ausschließlich damit, die Pracht des faschistischen Staates zu preisen. So treten die Kinder selbst an Levi, den dottore, heran, er möge ihnen das Lesen und Schreiben beibringen: Ein Lehrer könne niemals bessere Schüler finden, noch solche, die diese Kinder an Lerneifer überträfen, sinniert der Autor.
Die Beziehung zwischen Levi und den Bauern
Der Schlüssel zum Vertrauen zwischen Levi und den Bauern liegt also in der Fähigkeit des Verbannten, sich wirklich für die Leidenden zu interessieren. Sie sind daran gewöhnt, vom Staat im Stich gelassen zu werden, der dennoch stets bereit ist, schwere und ungerechte Abgaben von ihnen zu verlangen und kennen die Verachtung der Großgrundbesitzer, die sie nicht als Menschen betrachten. Daher weckt das Mitgefühl des Neuankömmlings ein Gefühl der Gleichheit und gegenseitigen Wertschätzung.
Levi verbringt seine Tage mit von den Behörden überwachten Spaziergängen, Stunden an der Staffelei und mit ärztlichen Hilfeleistungen, denn trotz der Drohungen der beiden „medicaciucci“, die ihre Pfründe eifersüchtig verteidigen, lehnt er es nie ab, Hilfe zu leisten, selbst in Ermangelung von Medikamenten und ohne geeignetes medizinisches Gerät.
Hexen, Kobolde und Geister
Nach uraltem Glauben aus vorbäuerlicher Zeit ist die Welt der Menschen von Totengeistern beseelt, launischen und unbeständigen Wesen, die sowohl Gutes als auch Böses bewirken können. Ein alter Mann verkörpert dieses archaische Lebensgefühl wie kein anderer. Es ist der Totengräber, der mit dieser Tätigkeit in ständigem Kontakt mit den dämonischen Mächten steht. So kennt man ihn als den Wolfsbeschwörer („incantatore di lupi“), der Wolfsrudel herbeirufen kann, die seinen Befehlen folgen. In seinen jungen Jahren, so raunt man, habe er unsichtbaren Mächten befohlen, seine Felder zu bestellen. Als Levi den Alten zu einem Wein einlädt, erklärt der ihm in seiner undeutlichen, gurgelnden Redeweise, dass für die einfachen Menschen in dieser entlegenen Welt klar sei, dass die Knochen und die Toten, die Tiere und die Dämonen miteinander in Verbindung stünden („Per il vecchio le ossa, i morti, gli animali e i diavoli erano cose familiari, legate, come sono del resto, qui, per tutti alla semplice vita di ogni giorni”).
Da viele Kinder erst spät getauft werden und die Sterblichkeit unter ihnen hoch ist, verwandeln sie sich im magischen Denken der Bauern in kleine Kobolde, die den Menschen Streiche spielen, die monachicchi. Die einzige Methode, sich ihrer zu erwehren, ist ihnen die Kapuze wegzureißen und für die Rückgabe eine Gegenleistung zu verlangen. Diese kleinen Gnome kennen die Geheimnisse der Natur und versteckte Schätze, aber sie führen nur diejenigen dorthin, denen sie vorher im Traum erschienen sind. Ohne Schutz durch Amulette oder Sprüche geht man besser nicht in den Wald, den auch dort wimmelt es von Geistern der Verstorbenen („nel bosco si aggirano gli spiriti die morti“).
Die Kirche auf verlorenem Posten
Wer als Geistlicher das Pech hat, in diese trostlose Welt geschwemmt zu werden, erkennt sehr schnell, dass Christus tatsächlich nur bis Eboli kam. Daher nehmen die Priester schon nach kurzer Zeit die örtlichen Gepflogenheiten an, und einen ehrenwerten Don Camillo sucht man hier vergebens. Hier gelten uneheliche Kinder nicht als Schande. Fast alle Priester haben hier Kinder und niemand findet, dass ihr Hirtenamt darunter leidet. Im Gegenteil, diese Kinder, sofern sie nicht wie die meisten früh versterben, werden von ihren geistlichen Vätern auf eine ordentliche Schule in Potenza oder Melfi geschickt. Der strafversetzte Priester Trajella, den Levi näher kennenlernt, steht einer Kirche vor, die aus einem großen, weißgekalkten und heruntergekommenen Raum besteht, worin ein schmuckloser Alter steht; an den rissigen Wänden, von denen der Putz blättert, hängen alte Heiligenbilder in regellosem Durcheinander. Trajella erträgt dieses Leben nur mithilfe von Gedichten, die er selbst auf Latein verfasst, und mit Wein, der ihm stets großzügig zur Verfügung steht. So ist es nicht verwunderlich, wenn er am Weihnachtsfest in der Kirche herumtorkelt und von der Kanzel lallt. In die Messe kommen nur ein paar alte Frauen, selbst am Sonntag ist sie fast leer. Nur einmal ist sie brechend voll, als Levi ein Konzert auf dem Harmonium gibt.
Den Einheimischen ist der Fremde aus dem Norden so sehr ans Herz gewachsen, dass sie ihn regelrecht beknien, er möge nach seiner Begnadigung nicht fortgehen. Er soll bleiben und die schöne Concetta heiraten, die Tochter eines reichen Grundbesitzers. Die Reifen seines Wagens werde man zerstechen, damit er sie nicht verlasse, denn er sei mittlerweile einer der ihren. Er sei ein guter Christ und solle bei ihnen bleiben. Und wenn er weggehe, werde er nie wiederkommen („Se parti non torni piú. Tu sei un cristiano buono. Resta con noi contadini“). Er gibt das feierliche Versprechen ab, wiederzukommen. Doch die Bauern sollen recht behalten.

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