Ian Mc Ewans Novelle „Am Strand“ (im Original „On Chesil Beach“) stammt aus dem Jahr 2007 und stand auf der Auswahlliste für den Booker Prize. Wie viele der Bücher dieses britischen Erfolgsautors gleicht auch dieses kleine Werk einer soziologischen Untersuchung, diesmal der Zeit der frühen 1960er Jahre. Je nachdem, welchem Jahrgang man selbst angehört, kann man diesem Buch eventuell eigene Erfahrungen zuordnen – oder sich darüber wundern, dass es so etwas einmal gab: eine Hochzeitsnacht, die für beide zu einem Alptraum wird, da sie über keinerlei Erfahrungen verfügen. Anscheinend leben wir immer in Extremen: war es zuvor zumindest in bürgerlichen Kreisen wenig üblich, über Sexualität vor der Ehe zu sprechen, geschweige sie zu praktizieren, definieren sich seit 1968 viele Menschen geradezu über ihre Geschlechtlichkeit, manche fast ausschließlich. Das kann zu ähnlichen Neurosen und Zwangsvorstellungen führen wie die keusche Verklemmtheit, die in den frühen 1960ern allenthalben herrschte.
Im Strandhotel von Chesil Beach
Die Novelle beginnt im Juli 1962. Edward Mayhew und Florence Ponting haben gerade geheiratet. Edward ist ein begeisterter junger Historiker, der ein Buch bei sich hat, wo er geht und steht. Florence ist eine überaus begabte Geigerin in einem Streichquartett und hat Ambitionen auf die Wigmore Hall, die wegen ihrer überragenden Akustik als einer des besten Konzertsäle der Welt gilt. Ihre Liebesgeschichte und ihre Tragödie erschließen sich bereits aus McEwans Eröffnungssatz, der in seinem präzisen Rahmen fast alles enthält, was man über das Folgende wissen muss: Sie waren jung, gebildet und beide noch Jungfrauen in dieser ihrer Hochzeitsnacht, und sie lebten in einer Zeit, in der ein Gespräch über sexuelle Schwierigkeiten schlechterdings unmöglich war („They were young, educated, and both virgins on this, their wedding night, and they lived in a time when a conversation about sexual difficulties was plainly impossible“). Die Flitterwochen wollen die beiden in einem kleinen Hotel an der Küste von Dorset verbringen, in Chesil Beach. Der Strand ist für die Kieselsteine bekannt, die entlang der achtzehn Meilen langen Küstenlinie angespült werden. Man sagt, dass man an der Größe eines Kiesels erkennen kann, wo er gefunden wurde. In dem georgianischen Hotel nehmen sie in ihrem Zimmer mit Blick auf die Bucht ihr Hochzeitsessen ein- Melone mit glasierten Kirschen, Rindfleisch mit zerkochtem Gemüse und bläulich schimmernden Kartoffeln. Nicht gerade die ganz große Sterneküche, aber wie sind ja in England und da gibt es weitaus Schlimmeres an Festtagen…
Die Erzählung steckt voller Rückblenden und Erinnerungen, doch die eigentliche Handlung erstreckt sich über genau zwölf Stunden, in denen Edward und Florence gemeinsam zu Abend essen und anschließend versuchen, ihre „Ehe zu vollziehen“. Sie sind beide verkrampft und aufgeregt und gehen ihrer Hochzeitsnacht mit geteilten Gefühlen entgegen: Edward kann „es“ kaum erwarten, doch Florences Vorfreude ist -vorsichtig ausgedrückt- äußerst verhalten. Schon während ihrer Zeit als Liebespaar machte sie sich wenig aus Edwards zudringlichen Versuchen, etwa beim Fummeln im Kino. Obwohl sie vieles gemeinsam haben, scheinen die beiden nicht recht zusammenzupassen, insbesondere für die damalige Zeit in England, in der schon allein die soziale Schicht eine so große Rolle spielt. Florence‘ Familie gehört zur oberen Mittelschicht. Ihr Vater ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und ihre Mutter lehrt Philosophie in Oxford. Edwards Vater ist ein überlasteter Grundschulrektor, der auch den Haushalt führen muss, weil seine Frau durch einen tragischen Unfall schwere Nervenschäden erlitten hat und nicht sehr belastbar ist.
Florence empfindet die körperliche Liebe als widerwärtig
Es zeigt sich, dass die Unstimmigkeiten zwischen den beiden nicht nur mit der sozialen Herkunft zusammenhängt, sondern eben auch mit ihren völlig unterschiedlichen erotischen Wünschen. Edward ist dreiundzwanzig Jahre alt und immer noch unerfahren, weil er die „leichten“ Mädchen in der Schule nicht attraktiv fand (und diese ihn womöglich genauso wenig). Sowohl er als auch Florence sind in einer Kultur der sexuellen Verklemmtheit aufgewachsen, die weitgehend durch das Fehlen von Verhütungsmitteln, die Angst vor ungewollten Schwangerschaften und den in der Folge oft überstürzten Ehen geprägt ist. Zu dieser Zeit, im Jahr 1962, ist die Pille noch immer nur ein Gerücht. Wenn überhaupt, dann greift man zu Kondomen, die junge Männer damals beim Herrnfriseur kaufen müssen, denn selbst Apotheken führen sie kaum. Für Edward und Florence ist die Vorstellung, dass es zu geschlechtlichen Handlungenzwischen ihnen kommt, bis dato also nur reine Fantasie. Florence schiebt jeden Gedanken daran von sich und empfindet die Aussicht auf den „Liebesakt“ alles andere als verlockend: Sie hat eine starke Abneigung gegen Körperlichkeit. Schon in ihrer Fantasie entsteht in ihr ein inneres Grauen, ein hilfloser Ekel, der so spürbar wie die Seekrankheit ist („…she experienced a visceral dread, a helpless disgust as palpable as seasickness.“). Sie sucht nach Rat in diesem Bereich, aber ihre einzige Informationsquelle ist ein Ehehandbuch, das Standard für viele junge Frauen der bürgerlichen Mittelschicht jener Jahre ist. Dort wird die Sache mit klinischen Begriffen wie „glänzende Eichel“ und „eindringen“ umschrieben, was die Sache nur noch schlimmer macht. Besonderen Abscheu ruft das Wort „Penetration“ in ihr wach, der suggeriert, sie sei wie ein Salon, in den Edward „eintreten“ wird. Sie will ganz einfach nicht betreten oder penetriert werden („She simply did not want to be ‚entered‘ or ‚penetrated‘“). Schon Edwards ungeschickte Versuche eines Zungenkusses widern sie an. Bezeichnenderweise heißt das auch im heutigen English noch „a French kiss“. In erotischen Dingen überlässt man gerne den Franzosen die Marktführerschaft… Doch andererseits hegt Florence durchaus tiefe Gefühle der Liebe und Zuneigung für Edward. Noch nie ist ihr ein so origineller und kluger junger Mann begegnet. Er ist der Einzige, der nicht raucht. Seine Socken passen nie zusammen und er besitzt eine einzige schwarze Krawatte, die er stets zu einem weißen Hemd trägt. Sie bewundert seinen interessierten Geist, seinen weichen, ländlichen Akzent, die gewaltige Kraft seiner Hände und die unvorhersehbaren Wendungen und Schwenks seiner Gespräche („She adored his curious mind, his mild country accent, the huge strength in his hands, the unpredictable swerves and drifts of his conversation“).
Die Hochzeitsnacht endet in einer Katastrophe
Edward hingegen erträumt sich die Ehe als Erfüllung seiner lang ersehnten erotischen Wünsche und wartet ungeduldig darauf, dass er als aufmerksamer, aber nicht aggressiver Liebhaber nun auch endlich mal „dran“ ist. Er masturbiert täglich, aber das Vergnügen, das er dabei empfindet, wird von Schuldgefühlen und Traurigkeit darüber getrübt, dass er auf einen so schlechten Ersatz für menschliche Nähe und Intimität zurückgreifen muss. Da er noch unerfahren ist, hat er Angst vor seinem großen Auftritt. Daher bereitet er sich auf seine Hochzeitsnacht vor, indem er eine Woche lang auf diese einsamen Vergnügungen verzichtet.
Endlich ist der Moment gekommen, die Ehe zu vollziehen. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer, da Florence Edward aus Unwissenheit zu sehr stimuliert, so dass er ihren ganzen Körper begießt, bevor sie überhaupt „zur Sache kommen“. Das ekelt Florence zutiefst an, sie kann ihre ureigene Abscheu und ihr heftiges Entsetzen darüber, dass Schleim von einem anderen Körper über sie fließt, nicht mehr zügeln. In Sekunden nur war es eiskalt auf ihrer Haut geworden, und doch, wie sie schon geahnt hatte, schien es sie zu verbrühen („But now she was incapable of repressing her primal disgust, her visceral horror of being dosed in fluid, in slime from another body. In seconds it had turned icy on her skin in the sea breeze, and yet, as she knew it would, it seemed to scald her“). Kopflos stürzt sie aus dem Zimmer in Richtung Strand und Edward folgt ihr völlig aufgewühlt. Der Versuch einer Aussprache scheitert, stattdessen bekommen sie einen heftigen Streit, in dessen Verlauf Florence ihm klarzumachen versucht, dass sie einfach kein Interesse an Sex hat.
Edward gerät außer sich und wirft ihr vor, dass sie ihn hintergangen hat. Schließlich hat auch sie das Ehegelübde abgelegt, in dem sie sich gegenseitig auch körperliche Hingabe versprochen haben. Er hält sie für vollkommen frigide („And I know exactly what you are. Do you know what you are? You are frigid, that’s what. Completely frigid“). Florence macht Edward den aberwitzigen Vorschlag, sich anderen Frauen zuzuwenden, damit seine körperlichen Begierden gestillt werden. Sie hege schließlich tiefe Gefühle für ihn, nur dieses „Eklige“ müsse eben nicht sein. Edward empfindet diesen Vorschlag, sich Konkubinen zu halten, als unerhört und lehnt empört ab. Florence wirft ihm vor, unsensibel und aggressiv zu sein und nur an seine eigenen Bedürfnisse zu denken. Am Ende des schrecklichen Streits gehen sie getrennte Wege. Edward blickt der verschwindenden Florence wortlos hinterher. Ihre nicht vollzogene Ehe wird daraufhin annulliert.
Trennung, bevor das gemeinsame Leben begonnen hat
Die Rest der Erzählung erfolgt aus Edwards Blickwinkel und fasst die folgenden Jahrzehnte seines Lebens kurz zusammen. Ein Jahr nach der Trennung denkt er über Florence‘ Verhalten nach und stellt fest, dass es ihn nicht mehr aufwühlt. Er hat Beziehungen zu anderen Frauen, ist sogar über drei Jahre verheiratet, muss aber zugeben, dass er nie jemanden so sehr geliebt hat wie Florence.
In der Zwischenzeit ist Florence eine erfolgreiche Geigerin geworden, aber sie denkt nach jedem Auftritt an Edward. Edward vermeidet es, die Auftritte von Florence zu besuchen und jede Erwähnung ihrer Person, da die Erinnerungen, die sie auslösen, zu schmerzhaft sind. Schließlich, als er in den Sechzigern ist, gesteht er sich ein, dass er und Florence, wären sie zusammengeblieben, wahrscheinlich ein gutes Paar gewesen wären, einander gut getan hätten und ein glückliches Leben miteinander hätten führen können. Er denkt darüber nach, dass das Leben eines Menschen für immer verändert werden kann, wenn man einfach nichts tut, denn hätte er Florence in jener Nacht zurückgerufen, wäre sie vielleicht nicht für immer aus seinem Leben verschwunden. Alles, was ihr gefehlt hatte, war die Gewissheit seiner Liebe und seine Versicherung, dass keine Eile geboten war, da doch das ganze Leben vor ihnen lag („All she had needed was the certainty of his love, and his reassurance that there was no hurry when a lifetime lay ahead oft them“).
Es ist womöglich zu kurz gegriffen, sieht man in Ian McEwans Buch nur die Zustandsbeschreibung einer Epoche. Sicherlich ist es das in hohem Maße. Gleichwohl weist es auch uns darauf hin, dass sich an unserer (vornehmlich männlich geprägten) sexuellen Besessenheit nichts Wesentliches geändert hat. Was sich damals aufstaute und heimlich unter dem Ladentisch und in Männerrunden ein Ventil suchte, wird heute in der Öffentlichkeit in billigem Voyeurismus und peinlichem Exhibitionismus bis zum Abwinken breitgetreten. Ständiger Partnerwechsel wird als Zeichen von Freiheit gesehen, dabei ist er schlichtweg im System begründet: dem der Wegwerfgesellschaft. Auch wenn heute schon am ersten Abend im Bett die Fetzen fliegen, ist echte Nähe und die Kunst des Gesprächs so selten und so schwierig wie seinerzeit zwischen Florence und Edward.

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Buchtipp: Julian Barnes, Metroland

Buchtipp: Dimitri Verhulst, Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau

Buchtipp: P.D. James, Im Saal der Mörder. The Murder Room

Buchtipp: Pilippe Delerm, Ein Croissant am Morgen. La Première gorgée de bière

Buchtipp: Ian McEwan, Am Strand. On Chesil Beach

Buchtipp: Isabel Allende, Was wir Frauen wollen. Mujeres del alma mía

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Über den Autor ANAKREON

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