Antonio Muñoz Molina ist 1956 in Úbeda in der Provinz Jaén (Andalusien) geboren und gehört zu den bekanntesten und auch international erfolgreichsten Schriftstellern spanischer Sprache. Er hat große Literaturpreise erhalten und ist seit 1995 Mitglied der Real Academia Española, einem Kulturinstitut, das sich der Pflege der spanischen Sprache weltweit widmet. Er lebt heute in Madrid und Lissabon und ist mit der Schriftstellerin Elvira Lindo Garrido verheiratet.
Sein kurzer Roman En Ausencia de Blanca (In Abwesenheit von Blanca) aus dem Jahre 2003 erschien auf Deutsch unter dem Titel „Siesta mit Blanca“ , ein schmales Buch von 110 Seiten. Während im spanischen Original die Abwesenheit hervorgehoben wird, legt der deutsche Titel Wert auf die Anwesenheit von Blanca. Die Geschichte spielt in den 1980er Jahren, die nach dem Ende der Franco-Diktatur eine Zeit der Befreiung von den Fesseln einer spießigen, restriktiven Gängelei bedeutete, vergleichbar mit den Jahren in Westdeutschland nach 1968. Die neue Freiheit führte aber auch zu Drogenkonsum und Orientierungslosigkeit vor allem der jüngeren Generation. Insbesondere die studentische Linke, die sich nach der Diktatur mit aller Macht formiert, hat ein großes Nachholbedürfnis, was das Leben im Stil der neuen Zeit angeht.
Blanca gehört zur linken Schickeria
Eine typische Vertreterin dieser Avantgarde ist Blanca. Auf der Suche nach sich selbst (was immer das bedeuten mag), findet sie Gleichgesinnte in der Gesellschaft unkonventioneller Künstler und Aussteiger. In diesem Milieu ist sie fast versackt, die Sinne betäubt von Modedrogen und Alkohol, flatterhaft von einer Liebelei zur nächsten tändelnd. Blanca kommt aus dem Bildungsbürgertum, aus einer „guten Familie“ und hat alle Chancen gehabt, die man sich nur vorstellen kann. Sie spricht mehrere Fremdsprachen, berauscht sich am pulsierenden Leben auf der Überholspur, ist aber im Inneren völlig unreif und desorganisiert, labil bis zur Selbstzerstörung. Mario lernt sie durch Zufall kennen. Als sie auf der Straße zusammengebrochen ist,nimmt er sich ihrer an und bringt sie nach Hause. Er pflegt sie und hilft ihr wieder auf die Beine, völlig gebannt von dieser Frau, zu der aufschaut wie zu einer himmlischen Erscheinung. Von Anfang an fühlt er sich unterlegen und vergöttert Blanca als ein perfektes Wesen- nichts könnte der Wahrheit ferner liegen. Doch die Macht der Gefühle schlägt ihn wie uns alle in ihren Bann. So ist dieser Roman von Anfang bis Ende eine Liebesgeschichte mit tragischen Zügen.
Mario kommt aus der Klasse der Landarbeiter
Denn Mario ist das glatte Gegenteil von Blanca. Er kommt aus der tiefsten andalusischen Provinz, aus einer armen Familie von Landarbeitern. Er ist bildungsfern aufgewachsen. Theater, Oper und Künstlersoireen lernt er erst durch Blanca kennen, aber nicht sonderlich schätzen. Blanca, sechs Jahre jünger, kommt aus dem bürgerlichen Wohlstand und hat keinerlei Vorstellung davon, wie die düstere Kindheit der Jungen auf den andalusischen Feldern aussah, de la clase campesina de Mario, der Campesinos, zu denen Mario gehört. Mit der Geburt werden sie in ein Tal der Tränen gestoßen und mit dem Schweiß auf der Stirn müssen sie sich ihr täglich Brot erarbeiten. Diese Welt der Recht- und Besitzlosen wollte Mario um jeden Preis verlassen und mit Zielstrebigkeit und Fleiß (Tugenden, von deren Existenz Blanca nichts ahnt) ist ihm dies auch gelungen.
Mario hat es zum Beamten geschafft, ein ungeheurer Aufstieg für einen Campesino. Nichts schätzt er höher als die Ordnung seiner beschaulichen Welt: morgens zur Arbeit, nachmittags in seine Wohnung und dann den Rest das Tages mit Blanca verbringen. Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss ohne Stromschnellen und Fluten. Daran ist gleichwohl seine einzige frühere Beziehung mit Juli gescheitert. Nach sieben Jahren verließ sie ihn, angeblich wegen eines anderen. Mario ahnt ihn seinem Innersten, dass der Grund die Eintönigkeit ihres Daseins war. Es war Julis Furcht vor der bittersüßen Langeweile sonntäglicher Spaziergänge mit oder ohne Kinderwagen, eine einträchtige, familiäre Verblödung, die der schläfrigen Benommenheit nach einem Essen so ähnlich ist (tan semejante al sopor después de una comida).
Zwei Welten treffen aufeinander
Die Unterschiede sind nicht zu übersehen. Mario hat kaum enge Freunde, seine Kollegen witzeln über ihn, da er statt nach der Arbeit mit ihnen in die Bar auf einen Aperitif zu gehen, sofort nach Hause zu seiner Frau stürzt. Über ihre Machosprüche konnte er noch nie lachen, für sie ist er ein Streber, der dem Ideal von der großen Liebe verfallen ist, statt das Leben zu genießen.
Blanca hingegen ist gerade dabei gegen die Wand zu rennen, als sie Mario kennenlernt. 6-7 Wodkas am Tag, zwei Päckchen Camel, Aufputsch- und Schlafmittel helfen ihr durch die Beziehung mit dem ebenso haltlosen Künstler Naranjo. Streit, Trennung und Versöhnung wechseln mit neuen Seitensprüngen und Drogenexzessen. Naranjo ist nur mäßig begabt, aber eine schillernde und übergriffige Persönlichkeit, von der Blanca fasziniert ist. Über ihre Beziehungen als Tochter aus gutem Hause verhilft sie ihm zu Ausstellungen und beginnender Bekanntheit. Das alles ist fast schon Geschichte, als sie mit Mario zusammenkommt.
Ein wesentlicher Punkt, der die beiden trennt, ist etwa Marios Kinderwunsch. Blanca lässt ihn mit einem Argument ins Leere laufen, das bei freiwillig Kinderlosen sehr beliebt ist: man habe doch nicht das Recht, jemanden in diese schreckliche Welt zu setzen.(No creo que tengamos a traer a nadie en este mundo espantoso). Das hält sie aber nicht davon ab, ihrem Egoismus zu frönen und das Leben in dieser doch so schrecklichen Welt in vollen Zügen zu genießen.

Blanca und ihre Kunstbegeisterung
Obwohl sie seit Jahren mit Mario zusammen ist, sehnt sich Blanca insgeheim immer wieder nach dem wilden Leben mit Naranjo und den anderen. Wie viele mittelmäßige Künstler verwechselt Naranjo Tabubrüche mit Originalität und ist in seinen albernen Auftritten genauso spießig wie die Bürger am Tresen, von denen er sich doch unterschieden wissen will. Mit ihren dreißig Jahren rennt Blanca noch immer den wirren Träumen einer höheren Tochter nach, die auch solche bleiben: sie möchte malen (wie Frieda Kahlo, die sie anbetet), will schreiben, alles über die italienische Oper, das japanische Kabuki oder den Hollywoodfilm alter Schule wissen. Sie nimmt Mario zu ihren Treffen mit Künstlern mit, die ihn zutiefst langweilen. Sie möchte zu den reizvollsten Städten und Ländern reisen und liest den gastronomischen Teil in El País, wo die neuesten Schlemmerkreationen in Madrid und San Sebastián vorgestellt werden. Ihres linkes Getue hält sie nicht davon ab, mit Freunden von den besten Restaurants zu schwärmen, in die Leute aus Marios Dorf nicht einmal eingelassen würden. Mario kann mit all dem nicht viel anfangen. Man fragt sich: warum leben sie jahrelang zusammen? Was bindet sie aneinander? Es scheint nicht viel zu sein.

Künstler kommen nicht gut weg
Die Künstler,die Blancas Innenleben eine solch große Rolle spielen, kommen in dem Roman ziemlich schlecht weg. Muñoz Molina wagt es, den kulturellen Hochmut der Kunstszene, ihr Liebäugeln mit linker Politik als die Äußerungen einer verwöhnten Schickeria zu entlarven, die aus dem Bürgertum stammt, auch wenn sie die Monstranz der Revolution vor sich her trägt. Kaum jemand aus der Kunstszene kommt aus dem Proletariat, als dessen Verteidiger sich Künstler und ihre Apologeten aufspielen. Im Gegensatz zu Blanca liest Mario Bücher über Zeitgeschichte und dabei ist ihm eines aufgefallen: fast keiner der revolutionären Führer stammte aus der Arbeiterklasse! (…casi ningún líder revolucionario era de origen trabajador).
Wie oft seit seinem Leben mit Blanca hat er sich in Kunstausstellungen gelangweilt, in avantgardistischen Filmen, atonalen Kammerkonzerten und sich gefragt, ob ihm das wirklich gefalle, ob es nicht ein wenig lächerlich sei, dabei den Kopf rhythmisch zu bewegen oder mit dem Fuß den Takt auf dem Boden zu wippen… Die gesamte Kunstszene ist Mario ein Greuel, die Free-Jazz Konzerte, wo die Musiker ihre Instrumente stundenlang malträtierten, die Vernissagen mit den endlosen Begrüßungsrunden, den Wangenküsschen (sogar unter Männern!), die aufgesetzten Posen bei Gläsern mit lauwarmem Champagner…
Ein offenes Ende
Wie zu erwarten ziehen sich trotz der unerklärlichen, großen Liebe nach einigen Jahren Risse durch die perfekte Fassade dieses ungleichen Paares. Der Roman beginnt damit, dass Mario sich fragt, wer die Frau an seiner Seite eigentlich ist. Sie sieht aus wie Blanca, ist es aber nicht. Oder ist sie es doch und entspricht nicht mehr dem Bild, das er sich von ihr gemacht hat? Er findet plötzlich Unterschiede, die ihm vorher nie aufgefallen sind. Muss er sich eine neue Blanca konstruieren?
Der Autor überlässt es dem Leser, sich Gedanken darüber zu machen, was die Ursache für die Veränderungen sind. Ist es die Gewöhnung aneinander nach Jahren des Zusammenlebens? Zieht er ihr den Schleier der Göttin weg, und dahinter kommt das Gesicht einer gewöhnlichen Frau zum Vorschein? Oder empfindet sie eine größere Liebe zu Mario, als ihm bewusst war, und dieser sieht sie nicht mehr als etwas Unerreichbares an. Verdient sie einfach keine Anbetung mehr?
Muñoz Molina, der für seine poetische Sprache gerühmt wird, zeigt in diesem Roman neue, erstaunliche Facetten. Die Sprache (zumindest im spanischen Original) ist einfach, womöglich den sensiblen und romantischen Gedanken Marios folgend. Gleichzeitig ist sie geprägt von einer zarten Melancholie, die sich wie ein dunkles Leitmotiv hinter dem Geschehen hinzieht. Ein Buch, das man mehrmals lesen kann und worin man jedes Mal Neues entdeckt.

https://www.medimops.de/antonio-munoz-molina-siesta-mit-blanca-gebundene-ausgabe-M03498044826.html

https://www.amazon.de/ausencia-Blanca-Antonio-Mu%C3%B1oz-Molina/dp/8422611228/ref=tmm_hrd_swatch_0?_encoding=UTF8&qid=&sr=

Ein anderer Buchtipp:
https://begeistert60plus.de/markus-werner-am-hang/


Über den Autor ANAKREON

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