Keine ländliche Idylle
Viele aus der Generation 60 Plus, vor allem die Älteren, können sich wohl noch an das bäuerlich geprägte Leben in der Nachkriegszeit erinnern. 1950 betrug der Anteil der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft noch ein Viertel aller Beschäftigten. In der 1930er Jahren, als meine Großeltern ihren kleinen Hof im Unterfränkischen bewirtschafteten, betrug der Anteil der Beschäftigten gar ein Drittel. Nachdem ihr Mann durch ein Unglück beim Holzfällen uns Leben gekommen war, musste meine Großmutter den Hof allein führen, um ihre 8 Kinder durchzubringen. Armut, aber auch Gastfreundschaft und Gottvertrauen kennzeichnete das Leben im Dorf, wie ich es als Kind selbst noch erlebt habe. Anna Wimschneiders Lebensgeschichte erschien mir deshalb ebenso bekannt wie fesselnd. Die Autorin kam 1919 in Pfarrkirchen im Landkreis Rottal-Inn/ Niederbayern zur Welt und verstarb im selben Ort 1993. Im Alter 65 Jahren schrieb sie ihre Lebenserinnerungen nieder, die 1985 als Buch erschienen und sie im gesamten deutschsprachigen Raum schlagartig bekannt machte.

Ein Kind muss die Mutter ersetzen
In einfacher Sprache und Erzählweise lässt sie ihre Erinnerungen in der frühen Kindheit beginnen, auf einem kleinen Hof mit Vater, Mutter, Großvater und einer ganzen Schar von Geschwistern. „Die Eltern freuten sich an ihren Kindern. Gegen Abend spielten wir meist Fangen, schüttelten eine Menge Maikäfer von den Kirschbäumen und wurden vor dem Schlafengehen noch einmal richtig munter.“ Ihre Mutter ist stolz auf sie, ihre erste Tochter, doch die Idylle nimmt ein jähes Ende. Die Mutter stirbt im Wochenbett, als die kleine Anna 8 Jahre alt ist. Dies ist ein Frauenschicksal, das zur damaligen Zeit nicht ungewöhnlich war. „Zwei Nachbarinnen standen da, und der Vater und alle weinten.“. Der Vater findet trotz aller Bemühungen keine Magd, die die Hauswirtschaft führen könnte, ebenso wenig eine neue Frau. Also müssen die Kinder ran, die Brüder lernen das Melken und eine Nachbarin bringt Anna Kochen und Nähen bei. Das ist leichter gesagt als getan: „Bei der Arbeit musste ich einen Schemel mittragen, weil ich so klein war, daß ich in keinen Topf gucken konnte.“ War das Resultat nicht das erwünschte, gab es immer wieder eine „Watschn“. Das Essen ist alles andere als abwechslungsreich, denn „Milch, Kartoffeln und Brot gehörten zu unserer Hauptnahrung.“ Wenn der Vater und die Geschwister ins Bett gingen, ist Annas Arbeit noch lange nicht getan, denn sie hat an der Nähmaschine Flickarbeiten zu verrichten. Oft schläft sie völlig übermüdet ein und wird vom Vater zur Ordnung gerufen, der das Surren der Maschine vermisst. Anna weint viel und beklagt den Tod der Mutter, wird von einigen Kindern wegen ihrer Armut gehänselt, verdient sich aber in der Schule ihr Mittagessen durch Wasserpumpen für die Lehrerin.

Ein hartes Brot
Während die einzige Freude der Kinder ihre eigenen kleinen Haustiere sind, liegt das bescheidene Vergnügen des Vaters darin, sich sonntags nachmittags nach dem Rosenkranz im Wirtshaus beim Bier zu erholen. Das Leben verläuft in einfachsten Bahnen. Zwei Kinder teilen sich ein Bett, es gibt einfaches Essen, Milchsuppe und Dampfnudeln mit selbst gesammeltem Honig. Die beiden älteren Brüder verdingen sich als Knechte und liefern ihren Lohn zu Hause ab und Anna soll nach fünfeinhalb Jahren die Schule verlassen, um sich noch mehr um den Haushalt und die jüngeren Geschwister zu kümmern. Das Leben dreht sich um Aussaat und Ernte, Gesundheit von Mensch und Vieh. Alte Traditionen sind noch lebendig, wie das Rauhnachtsingen der Buben, die dafür Kuchen von den Bäuerinnen erhalten. Die Nachbardörfer sind schon Feindesland, Prügeleien bei Festen sind an der Tagesordnung, vor allem, wenn es darum geht, die „eigenen“ Mädchen vor den Fremdlingen zu schützen. Da wird schon mal zum Messer gegriffen, das jeder Bursch noch mit sich trägt. Auch in der Schule herrschen rauhe Sitten, für Ungehorsam und Faulheit gibt es Schläge auf die „Tatzen“, Ohrfeigen als gelten als schlagende Argumente mehr als jedes betuliche Gewisper. Besonders schlecht kommt der Dorfpfarrer weg, der die Kinder regelmäßig misshandelt. Als er sich an Anna vergreift, zögert ihr Vater keinen Moment, polizeilich Anzeige zu erstatten und der fromme Herr zahlt vor der Verhandlung ein Bußgeld. Diese Gradlinigkeit des Vaters beeindruckt Anna zutiefst. Er ist ein einfacher Mann, aber aufrichtig und rechtschaffen. Obwohl er selbst kaum Geld hat, sammelt er Pfennige für die Bettler, die im Zuge der Wirtschaftskrise durchs Land ziehen.

Die Kindheit geht zu Ende
Obwohl die Kinder schon von klein auf das Leben auf dem Bauernhof beobachten, geht es Anna wie vielen Mädchen: sie ängstigt sich, als sie Brüste bekommt und noch viel mehr, als die erste Regel einsetzt, denn sie erinnert sich an ihre Mutter, die im Kindbett verblutet ist. „Aber nach einer Zeit kam das wieder, nun war es nicht mehr so schlimm, weil ich ja beim erstenmal auch nicht gestorben bin.“ Da sie aus einer armen Familie kommt, hat Anna wenig Hoffnung, einen Mann zu finden. Doch bei einer Hochzeitsfeier Anfang 1936 lernt sie Albert kennen. Nach langer Bedenkzeit willigt der Vater schließlich in die Ehe ein, verliert er doch eine wichtige Arbeitskraft. Mit geradezu dämonischer Macht hält die Kirche die Menschen in ihrem Bann, gerade was das Thema Sexualität betrifft. Bei der Beichte kommt zutage, ob man verhütet hat, was eine Todsünde ist. „Bei der Beichte sind aber auch andere Weiber gewesen. Einmal hat eine ganz laut gesagt: ‘Ich bin doch kein Backofen, wo ein Laib herausgezogen und ein anderer hineingeschoben wird.‘ Die bekam keine Absolution und musste so gehen.“ Dennoch hat der Beichttag auch sein Gutes, es gibt schmackhaftes Essen, und das „Beichtkind“ hat frei. Die Eheleute gehen ins Wirtshaus, wo der Mann seine Frau „gut halten“ muss. „Das war immer ein schöner Tag.“ Ein Tag Pause ist immer etwas Besonderes. Wochenende? Fehlanzeige, und Urlaub kennt man schon gar nicht. Wie ein Leitmotiv zieht sich dieses Thema durch das Buch: Die Last der ständigen Arbeit und der Schlafmangel.


Hochzeit und Kriegsjahre

Die Hochzeit findet in aller Schlichtheit 1939 statt, kurz danach flattert der Einberufungsbefehl für Albert ins Haus. Mit der Hochzeitsreise wird es also nichts. Albert rückt ein, und Anna findet sich im Haus der Schwiegermutter wieder, die ihr das Leben zur Hölle macht, da sie ihr „den Buben weggenommen“ hat. Mit den drei Alten im Haus versteht sie sich hingegen von Anfang an gut. Die Pflege macht ihr nichts aus, denn sie wäre liebend gerne Krankenschwester geworden, aber ihr Vater war strikt dagegen. Sie wurde als Arbeitskraft auf dem Hof gebraucht. So ist es auch hier. Das Lieblingsessen der Alten ist die Herbstmilchsuppe mit viel saurem Rahm und im Rohr gebratene Kartoffeln. „Herbstmilch ist eine saure Milch, zu der man fast jeden Tag wieder eine gestöckelte Milch dazuschüttet. Dann rührt man um, nimmt einen Liter heraus, verquirlt sie mit etwas Mehl in einem Liter kochendem Wasser und rührt sie dann mit saurem Rahm an.“ Die große Politik kümmert die Kleinbauern wenig. „Bei uns gab es nur wenige Hitler-Anhänger, denn die Bauern hielten nicht viel von ihm. Erst nach dem Reichstagsbrand, da waren viele froh, dass er uns vor den Kommunisten gerettet hat.“ 1941 kommt die erste Tochter zur Welt.

Befreiung von der Schwiegermutter
Auch das kann die Schwiegermutter nicht besänftigen, sie schikaniert Anna weiter, wo sie nur kann. Albert kehrt verletzt vorzeitig aus dem Krieg zurück, und als Zivilist bleibt er im Durcheinander der durchziehenden Flüchtlinge und der Besatzung ungeschoren. Seine intrigante Mutter schickt er vom Hof, als er selbst unbemerkt von den anderen mitanhört, wie gehässig sie sich Anna gegenüber benimmt. Fortan ist das Leben der jungen Familie zwar immer noch beschwerlich, aber wenigstens haben die Schikanen ein Ende. Die Jahre der Nachkriegszeit sind ein Alptraum für die Deutschen, für die Bauern indes ändert sich kaum etwas. Nach wie vor heißt es für Anna, nachts um 3 aus dem Bett, Futter mähen, Vieh versorgen, Kinder wecken, zweite Schicht. Bei all der Armut ist die Solidarität untereinander groß. Einer Witwe haben die Burschen und Mägde in einer Nacht das Getreide eingebracht und Garben gebunden.

Die Bauern arbeiten bis zum Umfallen
Das Leben auf den Höfen ist karg. Es gibt fast jeden Tag die dasselbe Mittagessen, Mehlknödel mit Kletzen, also getrockneten Birnen. Die Familie baut Kartoffeln und Futterrüben an und in mondhellen Nächten gehen die Eltern aufs Feld zum Hacken, in anderen Nächten bäckt Anna Brot für die Woche oder macht die Wäsche, damit sie tagsüber helfen kann. Langsam bessert sich ihre wirtschaftliche Lage, sie verlegen sich auf Schweinezucht, ersetzen die langsamen Ochsen durch ein Pferd und später kommt der Traktor hinzu. Wie in Deutschland üblich, ruft Erfolg nicht die Bewunderung der anderen, sondern nur Neid hervor: „Die eine Hälfte unseres Hauses, in der einmal der Kuhstall war, war abgerissen und neu als Wohnteil gebaut worden. Das war für die Nachbarn ein solches Ärgernis, dass sie nicht mehr am Haus vorbeigingen, sondern einen Bogen darum machten, damit sie es nicht anschauen mussten.“ Trotz der zunehmenden Mechanisierung ruht die Arbeit weiter auf den Schultern der Bauersleute. Seit Anna denken kann, leidet sie unter dem Schlafmangel. Beim Abendessen fällt ihr zuweilen der Löffel aus der Hand und sie schläft völlig übermüdet ein. „Ich war so müde, dass ich nur den einen Wunsch hatte, einmal in meinem Leben möchte ich ausschlafen dürfen, nur ein einziges Mal. Aber das blieb ein Wunsch.“

Der Ruhestand auf dem Hof
Von den drei Töchtern, die Anna und Albert im Lauf der Jahre bekommen, möchte keine den Hofweiterführen. Sie machen eine Berufsausbildung und ziehen nacheinander in die Stadt. Carola, die älteste Tochter ergreift den Beruf, den sich Anna immer gewünscht hatte: Sie wird Krankenschwester. Da sie im örtlichen Krankenhaus nicht übernommen wird, geht sie nach München. Christine, die zweite, war eigentlich für den Hof bestimmt, doch da die Landwirtschaft in einem so kleinen Betrieb wenig Zukunft hat, beginnt sie eine kaufmännische Lehre. Monika, Annas jüngste Tochter, besucht die Oberschule und bewirbt sich bei der Justiz. Auch sie wird schließlich nach München versetzt.
Anna und Albert leben weiter auf dem Hof und bringen es zu einem bescheidenen Wohlstand, so dass Albert seine Rente beantragen und sie sich zur Ruhe setzen können. Die Landwirtschaft wird aufgelöst, die Äcker verkauft. Mit deren Erlös können sich die Kinder Eigentumswohnungen in München kaufen. Anna fühlt sich rundum glücklich mit ihrem großen Gemüsegarten und den vielen Blumen rund ums Haus. Vor allem eines ist ihr wichtig:“ Jetzt ist mein Wunsch endlich doch in Erfüllung gegangen, den ich seit meiner Kindheit hatte, ich kann mich nun ausschlafen, ich darf schlafen, solange ich mag.“
Empfehlenswert ist auch die Verfilmung (1989) des Buches von Joseph Vilsmeier mit Dana Vavrova und Werner Stocker in den Hauptrollen. Zwar hat Vilsmeier ein paar Szenen dazugedichtet, was der Intention des Buches aber keinen Abbruch tut.

Herbstmilch. Buch
Herbstmilch.Film

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Buchtipp: Siri Hustvedt, Der Sommer ohne Männer. Summer without Men

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Buchtipp: Julian Barnes, Metroland

Buchtipp: Dimitri Verhulst, Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau

Buchtipp: P.D. James, Im Saal der Mörder. The Murder Room

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Buchtipp: Isabel Allende, Was wir Frauen wollen. Mujeres del alma mía

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Über den Autor ANAKREON

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