Siri Hustvedt ist nicht irgendwer. Zusammen mit ihrem Mann, dem Erfolgsschriftsteller Paul Auster, gehört sie zu den ganz Großen der New Yorker Literaturszene. Das Paar ist eine Ausnahmeerscheinung. Seit fast 40 Jahren verheiratet, bilden sie eines der ganz seltenen Doppelgestirne der Kunstszene. Während Paul ostjüdische Wurzeln hat, da seine Eltern Europa in Zeiten der Nazibarbarei noch rechtzeitig verlassen konnten, ist Siri norwegischer Herkunft. Sie ist 1955 in Minnesota geboren, wo auch ein Teil der Handlung des Romans spielt. Wer autobiographische Züge annimmt, liegt bestimmt nicht falsch. Ähnlich wie im wahren Leben steht hier eine hochbegabte Frau, die rothaarige Mia, trotz ihrer Brillanz stets im Schatten des Überfliegers Boris. Hinter seiner teils clownesk verkleideten Fassade kommt das Bild Pauls zum Vorschein, kratzt man nur ein wenig daran. Auch hinter Tochter Daisy des Romans versteckt Sophie im wahren Leben, beide Einzelkinder und Künstlerinnen.
Ein Frauenbuch
Wie der Titel unschwer vermuten lässt, hat Siri Hustvedt ein außergewöhnliches Frauenbuch geschrieben, über Mütter und Töchter und deren Erfahrungen miteinander, sich selbst und mit Männern. Dazu spannt sich der Bogen über mehrere Generationen, von pubertierenden Gören bis zu alten Damen, die in gemeinsamen Interessen zueinander finden. Hier ist nichts von trivialem Bestsellerkitsch zu spüren und noch weniger vom weinerlich-trotzigen Feminismus einer Isabel Allende, wenn sie etwa in „Mujeres del alma mia“ mit bebender Unterlippe aufzählt, warum Frauen die besseren Menschen sind. Nein, Siri Hustvedt bietet keine Ideologie, sondern ein Kaleidoskop der weiblichen Seele an, das in vielen Facetten schillert. Hier scheinen auch versteckte Bosheiten und feingesponne Intrigen mit geradezu krimineller Energie auf. Indem sie das Sujet des Frauenromans wählt, setzt sie sich bewusst von ihrem Mann Paul ab, der immerhin- vielleicht ein augenzwinkernder Rippenstoß gegen den Bettnachbarn- am Ende als „prominenter amerikanischer Schriftsteller“ kurz Erwähnung findet.
Beginn der Handlung
Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom erfolgreichen Alpha-Mann, Koryphäe auf seinem Gebiet, vom Kongress in Paris oder L.A. wieder zurück in sein Büro eilend, wo eine ebenso hochbegabte wie attraktive Assistentin ihm zur Seite steht. Seit er die 60 überschritten hat, glaubt er, jede Chance ergreifen zu müssen und so verfällt er dem Reiz der Jüngeren. Die Französin- womöglich ein kleiner Seitenhieb Richtung Paul, dem Kenner französischer Sprache, Literatur und Lebensart- tritt nirgends selbst in Erscheinung. Sie heißt sie schlichtweg nur die „Pause“. Schließlich ist es das, was Boris seiner Frau Mia vorschlägt: Er möchte keine Trennung, einfach nur eine Pause.
Und die verlassene Ehefrau schreit und tobt angesichts des Verrats und der Jahre, die sie ihm zur Seite stand, sich um die Erziehung Tochter kümmerte, die eigene literarische Karriere hintanstellte. Auf den ersten Blick also folgt der Roman dem ausgetretenen Pfad eines konventionellen Beziehungsromans: Frau stürzt ins Bodenlose, fängt sich in der Tiefe und kehrt zurück ins Leben. Doch Siri Hustvedt schickt ihr Lesepublikum unversehens auf eine Reise durch die weibliche, männliche, menschliche Seele.

In der Nervenklinik
Mia bricht zusammen. Tochter Daisy eilt ins Krankenhaus, versucht, die Mutter aufzurichten, doch wo ist Boris? Ist der Herr wieder auf einem Kongress, oder wälzt er sich gerade im Bett mit seiner Pause, er, der über Sechzigjährige? Dank blauer Pillen findet statt, was sonst nicht stattgefunden hat… Was findet eine zwanzig Jahre jüngere Frau („young, of course, twenty years younger than I was“) an einem wie Boris mit seinen Fettansätzen und dem schlohweißen Haar? Den Lockruf der Macht? In der Klinik lässt Mia all ihrer Wut und Enttäuschung über Boris freien Lauf. Sie brüllt und tobt, wird mit Pillen und Spritzen ruhiggestellt. Bald fasst sie sich wieder. Als gedemütigte Ehefrau dem Herrn der Schöpfung hinterherkriechen und betteln? Kommt nicht in Frage. Sie trifft eine andere Entscheidung.
Zurück in der Heimat
In ihrem Heimatstädtchen Bonden in Minnesota will sie den Sommer verbringen, sich ihrer Mutter in langen Gesprächen widmen, einen Literaturkurs für Schüler anbieten und abwarten. Wie kann man sich aus den Verstrickungen von Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen einer langjährigen Ehe lösen? Langsam beginnt das Gefühl der Demütigung zu verebben, tönt nur noch leise im Hintergrund. Frauen ziehen sie nun in ihren Bann: junge Mädchen und alte Damen in ihrer jeweils eigentümlichen Lebenswelt. Dabei verfällt Hustvedt nicht in eine idealistische Verklärung des eigenen Geschlechts, sondern beleuchtet Stärken und Schwächen gleichermaßen.

Die Mädchen
Da ist die Gruppe der Mädchen, kichernde Backfische, die sich für den Sommerkurs in Literatur melden. Wie könnten auch Jungen dabei sein, ohne ihr Gesicht zu verlieren? („…no self-respecting boy of Bonden would sign up for a poetry workshop“). Mia stellt die Mädchen vor ungewohnte Aufgaben. Gedichte schreiben, Gedichte als Tür zur inneren Welt. Wie wäre das mit Jungen möglich? Sie werden zumeist zu Männern wie Boris, lieben die mathematisch beherrschbare Welt und sind irritiert von den verschwommenen Konturen ihrer Gefühle. Aber die Harmonie und das Gemeinschaftsgefühl der Mädchen ist trügerisch. Die kleinen Engel streifen sehr bald Flügel und Flittergold ab und kleine Teufelinnen machen sich ans Werk. Nicht wie Jungen, offen und mit Fäusten, sondern mit filigran gesponnenen Intrigen wird ein Opfer gemobbt, denn Alice zeigt eine zu große Begabung. Zu Mia fasst sie Vertrauen, erzählt von ihrer Verliebtheit, dem geplanten Treffen mit dem Traumjungen. Doch das findet nie statt, die kleinen Biester haben Alice reingelegt und noch schlimmer, machen heimlich Fotos von der nackten Freundin und stellen sie ins Netz. Und die nichtsahnenden Mütter sind besorgt um die Moral ihrer kleinen Engelchen, weil Mia „ungehörige“ Gedichte behandelt.

Die alten Frauen
Stehen die Mädchen am Anfang ihres Frauseins, so haben die „Fünf Schwäne“ vieles davon hinter sich. Diese Witwen, Freundinnen ihrer Mutter, sind alt und zäh. Ihre Männer haben sie schon lange begraben und ganz unsentimental mit ihnen abgeschlossen. Warum hätten sie wieder heiraten sollen? Witwer tun das sehr gerne, aber für Witwen bedeutet das neue Mühsal („Widowers marry again because it makes their lives easier. Widows often don’t, because it makes their lives harder.“) Mit ihren 55 Jahren ist Mia das Küken bei den fünf Schwänen. Während sie im Sommer ohne Männer langsam wieder zu sich kommt, durchleben sie ihren Winter ohne Männer.
Mia bewundert ihre mentale Stärke und Eigenständigkeit der Fünf, die ihnen den Glanz einer beneidenswerten Freiheit verleiht. („…the Five shared a mental toughness and autonomy that gave them the veneer of enviable freedom.“) Die Damen lesen Romane, sprechen darüber. Ein fundamentaler Unterschied zu Männern: die meisten von ihnen lesen Fachbücher, nichts, was Gefühle berührt und sind stolz darauf. („I don’t read fiction, my wife does.“)
Zu den Mädchen und den Fünf Schwänen kommt das Drama einer jungen Familie im Nachbarhaus. Mia bietet der Mutter mit ihren kleinen Kindern Schutz vor dem betrunkenen, randalierenden Ehemann, der am nächsten Reue angesichts der weiblichen Front zeigt. Lebensläufe und Schicksale von Frauen nehmen Mia so sehr in heilsamen Beschlag, dass Boris zu verblassen beginnt.
Mia und ihre Mutter
Die Mutter-Tochter-Beziehung spielt sich fast im Hintergrund ab, so viel andere Dramen werden zur gleichen Zeit aufgeführt. Je länger Mia mit ihrer energischen und immer noch unkonventionellen Mutter zusammen ist, desto näher kommen sich die beiden. Erinnerungen aus der Kindheit steigen auf, an die Geborgenheit zu Hause, den Trost und Schutz- genau das, was Mia jetzt braucht und bekommt. Dazwischen tauchen Gedanken an früher, an ihre Zeit mit Boris auf. Paare, die miteinander älter werden, verändern sich, gewöhnen sich aneinander. Die Augen sind nicht mehr das wichtigste Sinnesorgan füreinander. Mia spitzte morgens die Ohren, wenn Boris‘ Bett leer war, lauschte dem Gurgeln der Wasserspülung und den scheppernden Geräuschen des Teekessels. Sie betastete seine Schultern als stummen Morgengruß, wenn er die Zeitung las, bevor er sich ins Labor aufmachte. Sie betrachtete ihn weniger als sie seine Nähe fühlte, seinen Geruch, der nachts das Schlafzimmer erfüllte.

Die Tochter zwischen den Eltern
Gegen Ende des Romans will Boris seine „Pause“ beenden und zu Mia zurück. Das läuft indirekt über Tochter Daisy, die Nachrichten zwischen den beiden austauscht. Daisy schreibt ihr, Papa sei beim letzten Treffen zumindest wieder rasiert gewesen. Er mache einen verstörten, zerknirschten Eindruck. Mia hat mittlerweile auch mit Hilfe ihrer Therapeutin- ihr Telefonjoker- die ehelichen Verstrickungen entwirrt. Ganz so einfach will sie es ihm nicht machen. Entscheidend für sie ist, wer Schluss gemacht hat, die Pause oder Boris. Erst als sie sicher sein kann, dass er die Affäre selbst beendet hat und einem zeitweisen Irrsinn verfallen war, gibt sie ihm eine Chance. „Wirb um mich!“, („Woo me“) und er versucht es, unbeholfen wie es nur ein Mann wie er sein kann. Was geschehen ist, kann nicht weggewischt werden. Aber da ist noch etwas, die Geschichte, die Boris und sie gemeinsam geschrieben haben. Darin sind ihre Körper, Gedanken und Erinnerungen so miteinander verwoben, dass es schwierig zu erkennen ist, wo eine Person endet und die andere beginnt. Die Türschelle geht. Daisy ruft: „Es ist Papa, Mama, Papa, willst du ihm nicht öffnen?“ Mia atmet durch und flüstert: „Lass ihn kommen.“
Am Ende also keine kitschige Versöhnung und Alles-ist-gut-Trallala. So etwas wie eine glückliche Ehe ist selten und mit Blick auf die Fünf Schwäne nicht unbedingt das alleinseligmachende Ziel im Leben. Gleichwohl ist die Auferstehung einer tiefen Beziehung auch aus Trümmern möglich.
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https://www.medimops.de/siri-hustvedt-der-sommer-ohne-maenner-taschenbuch-M03499255863.html
https://begeistert60plus.de/siesta-mit-blanca/
https://begeistert60plus.de/buchtipp-margare…i-geh-nicht-fort/
https://begeistert60plus.de/markus-werner-am-hang/


Über den Autor ANAKREON

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