Der erste Schluck Bier
„Aber der erste Schluck! Schluck? Es beginnt schon lange vor dem Schluck. Auf den Lippen schon dieses prickelnde Gold, Frische, die durch den Schaum verstärkt wird, und dann langsam am Gaumen das Wohlbehagen zarter Bitterkeit. Wie lang er sich doch anfühlt, dieser erste Schluck?“ („Mais la première gorgée ! Gorgée ? Ça commence bien avant la gorgée. Sur les lèvres déjà cet or mousseux, fraîcheur amplifiée par l’écume, puis lentement sur le palais bonheur tamisé d’amertume. Comme elle semble longue, la première gorgée!“). So lauten einige Zeilen aus dem kurzen Kapitel, dessen als Überschrift auch als Titel auf dem Buchdeckel der französischen Ausgabe prangt: „Der erste Schluck Bier“ („La Première gorgée de bière, et autres plaisirs minuscules“, 1997). In der deutschen Übersetzung hat man den Titel eines anderen Kapitels für die Überschrift gewählt, dort heißt es „Ein Croissant am Morgen. Das kleine große Buch der Lebenskunst.“ Klingt das Bier zu Deutsch, riecht es zu sehr nach Stammtisch und Hofbräuhaus? Und warum aus den kleinen Freuden gleich das große Buch der Lebenskunst geworden ist, bleibt ein Verlagsgeheimnis. Wie dem auch sei, all dies tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch, sei es auf Französisch oder auf Deutsch. Was zählt, ist der Genuss der kleinen Dinge.
Man sagt, dass das Leben nicht einfach und das Glück selten sei. Vielleicht ist aber auch so, dass wir allzu oft mit Scheuklappen durchs Leben stolpern und blind sind für die Anmut der unverhofften Augenblicke. Für Philippe Delerm, Jahrgang 1950 und einer der meistgelesenen Autoren Frankreichs, erhält das Leben erst die rechte Würze durch diese vierunddreißig „winzigen Freuden“, die er vor uns ausbreitet. Hier beschreibt er kleine, an sich unbedeutende Ereignisse und die Glückseligkeit, die sie auslösen können. Gerade dadurch aber werden diese an sich banalen Augenblicke und Empfindungen poetisiert, erhalten Tätigkeiten, die wir unbewusst verrichten, plötzlich eine neue, unerwartete Bedeutung und wir erkennen die innere Schönheit, die sich darin verbirgt.
Die Entdeckung der Bedachtsamkeit
Dieses köstliche kleine Büchlein liest sich wie eine Anleitung zur Entschleunigung für uns, die wir wie keine Generation zuvor durchs Leben hasten. So lädt Delerm zu einem Rundgang durch alle Jahreszeiten ein, die uns mit ihren Düften, ihrem Geschmack und ihren Farben bezaubern, wenn wir nur offen für diese kleinen Glücksmomente sind, die der Autor wie mit einem Schmetterlingsnetz einfängt und dann seinen bunten Schatz vor unseren Augen wieder flattern lässt.
Es handelt sich also nicht um eine zusammenhängende Erzählung, sondern um eine Sammlung von Momentaufnahmen in Zeitlupe, die mit viel Gefühl und Humor beschrieben werden. Dieses Brevier des Lebensgenusses kann man zwischendurch lesen, sogar in der U-Bahn oder an der Bushaltestelle, und man wird alle Hektik um sich herum vergessen. Oder man schlägt das Buch auf der Terrasse eines Cafés auf und genießt seinen Portwein mit umso größerer Sinnenfreude, wenn man auch noch die Beschreibung „Prendre un porto“ dazu liest. Hier wird nicht nach deutscher Manier der Zeigefinger gehoben und vor den Gefahren gewarnt, die von solch teuflischen Getränken ausgehen. Nein, hier beschwört der Franzose den Genuss eines Gläschens Portweins, den man nicht trinkt, sondern schlürft. Das liegt nicht nur an der schweren, samtigen Fülle des süßen Nektars, sondern auch an der sparsamen Umsicht, mit der man ihn genießt. („Un porto, ça ne boit pas, ça se sirote. C’est l’èpaisseur véloutée qui est en cause, mais aussi la parcimonie affectée.“)
Brombeerpflücken gehen
So manche der kleinen Episoden schicken uns auf eine Zeitreise zurück in die Kindheit. Erinnerungen an den Großvater oder eine Tante werden wach, bei denen man die Schulferien verbrachte. Etwa, wenn sich der Sommer mit den Brombeeren verabschiedet, was für französische Kinder den bevorstehenden Beginn des neuen Schuljahres einläutet, „la rentrée“. So versüßen die reifen Früchte („mûre“ kann sowohl „reif“ als auch „Brombeere“ bedeuten) die letzten schönen Sommertage, bevor man sich wieder in die Penne schleppen muss. Man geht immer wieder an dieselbe Stelle, die kleine Straße am Waldrand entlang. Jedes Jahr wird das Brombeergestrüpp dichter und undurchdringlicher („Chaque année, les ronciers devient plus toffus, plus impénétrables.“). Man sticht sich unweigerlich an dem Gesträuch, das seine Kostbarkeiten dem Räuber nicht kampflos überlässt. Doch die Mühe wird belohnt, ist man erst wieder zu Hause. Ein paar Gläser Konfitüre sind das Mindeste, was uns für die Plackerei im Gestrüpp entschädigt. Doch das Beste kommt noch: Ein Brombeersorbet, das noch am selben Abend verzehrt wird, eine eiskalte Süßigkeit, die mit dunkler Frische gefüllt ist, in der die ganze letzte Sonne schläft. („Un sorbet à la mûre consommé le soir même, une douceur glacée où dort tout le dernier soleil fourré de fraîcheur sombre.“)
In einer Zeit, in der unser Leben vom Smartphone bestimmt wird, denken manche mit Wehmut an das Ritual zurück, beim Frühstück in Ruhe die Zeitung zu lesen, oder die Vorfreude, mit der man zum Bücherbus ging, als das Lesen noch mit Muße und Genuss verbunden war und nicht nur der Optimierung der eigenen Leistungsfähigkeit diente. Kennen Sie noch die ruckelnde Gemütlichkeit, mit der ein alter Bummelzug sich in Bewegung setzt? Erinnern Sie sich noch an die stickige Enge einer Telefonzelle, wenn Sie von neutralem Boden aus die erste Freundin anriefen?
Beim Erbsenschälen helfen
Manche dieser Vorgänge sind den Älteren noch bewusst, die Jungen kennen sie nicht mehr, es sei denn sie sind auf dem Land oder mit großem Gemüsegarten aufgewachsen. Wer von den unter 60jährigen weiß noch, wie frisch gepflückte Erbsenschoten aussehen und wie sie gepellt werden: „Es ist ganz leicht, Erbsen zu schälen. Ein Druck mit dem Daumen auf den Schlitz der Schote und sie öffnet sich, fügsam und bereitwillig. Einige weniger reife Schoten sind widerspenstiger – ein Einschnitt mit dem Nagel des Zeigefingers erst erlaubt es, das Grün aufzureißen und die Feuchtigkeit und das feste Fleisch direkt unter der falschen Pergamenthaut zu spüren.“ („C’est facile, d’écosser les petits pois. Une pression du pouce sur la fente de la gousse et elle s’ouvre, docile, offerte. Quelques-unes, moins mûres, sont plus réticentes – une incision de l’ongle de l’index permet alors de déchirer le vert, et de sentir la mouillure et la chair dense, juste sous la peau faussement parcheminée.“) Danach schiebt man die Kugeln mit einem Finger heraus. Die letzte ist so winzig. Manchmal hat man Lust hinein zu beißen. …Ganz in der Nähe, an der Spüle, glänzen ein paar nackte Karotten auf einem Küchentuch und trocknen zu Ende.
Manch einer der Titel spricht nur diejenigen an, die Paris gut kennen, etwa das Rollband in der Pariser Metrostation Montparnasse „Trottoir roulant de la station Montparnasse“. Aber sich früh am Morgen aufmachen, um in der Bäckerei- richtig, nicht im „Backshop“ einer Ladenkette- Frühstücksbrötchen zu kaufen? Haben Sie schon einmal in der Bäckerei ein Buttercroissant geholt, in der Kälte des Morgens, als alle anderen noch schliefen, voll sehnsüchtiger Vorfreude, es nachher im Warmen zu genießen? Dies ist eine der poetischsten Sequenzen in diesem kleinen Buch:
Das Croissant auf dem Trottoir
„Ich stehe als erster auf. Vorsichtig wie ein Indianerspäher kleide ich mich an und gleite von Zimmer zu Zimmer lautlos bis zur Tür, die ich mit der Sorgfalt eines Uhrmachers öffne und schließe. („On s’est réveillé le premier. Avec une prudence de de guetteur indien on s’est habillé, faufilé de pièce en pièce. On a ouvert et refermé la porte de l’entrée avec une méticulosité d’horloger.“) Draußen atme ich das rosa gesäumte Blau des Wintermorgens. Bei jedem Ausatmen steigt eine Dampfwolke nach oben: Da bin ich, frei und leicht auf dem Bürgersteig des frühen Morgens. Zum Glück ist es bis zur Bäckerei ja noch ein kleiner Weg. Die Hände in den Hosentaschen ist jeder Schritt ist ein Fest. Ich ertappe mich dabei, wie ich wie in Kindertagen auf dem Rand des Bürgersteigs dahinbalanciere, als er für mich die Grenze war, der Rand aller Dinge. Es ist die reine, unberührte Zeit, die man dem Tag abtrotzt, wenn alle anderen schlafen. Da vorne das warme Licht der Bäckerei: Neon zwar, doch die sichere Wärme darin verleiht ihm einen Anflug von Bernstein. `Fünf Croissants und ein Baguette, nicht zu dunkel, bitte!‘ Der Bäcker taucht mit seinem mehlbestaubten Kittel hinten im Laden auf, grüßt mich wie einen Tapferen am Morgen eines neuen Kampftages, bevor er seine duftenden Schätze in den Korb schüttet.
Ich bin wieder auf der Straße und spüre es ganz deutlich: der Heimweg wird nicht derselbe sein. Der Bürgersteig ist enger geworden mit dem Baguette, das ich unter den Ellbogen geklemmt habe. Die Tüte mit den Croissants halte ich in der anderen Hand. Mit Andacht nehme ich ein Croissant heraus: es ist noch warm und weich. Diese kleine Leckerei in der Kälte, im Gehen: Es ist, als ob der ganze Wintermorgen ein inneres Croissant geworden ist, ich selbst Backofen, Haus, Zuflucht. Ich gehe mit weichen Schritten, erfüllt vom Weizengold, durch das verschwimmende Blau, Grau und Rosa des Morgens. Der Tag beginnt, und das Beste ist schon vorbei.“
Das Surren des Dynamos
Können Sie sich noch an das Geräusch des rotierenden des Dynamos erinnern, so wie er an alte Fahrräder ohne Gangschaltung montiert war? Nichts von den heutigen Geräten in ihrer stummen Perfektion, die Kampfmaschinen gleichen, auf denen durchgestylte Hungerhaken in neongrellen Gummihosen sich im Namen der Gesundheit abstrampeln. Der alte Dynamo hingegen erzählte uns jedes Mal eine neue Geschichte während der Fahrt. Man hört dieses leise Schleifen, wenn das Rädchen schnurrend am Reifen reibt. Es ist schon so lange her, dass man im letzten Licht der Abenddämmerung Fahrrad gefahren ist („ce petit frôlement qui freine et frotte en ronronant contre la roue. Il y avait si longtemps que l’on n’avait fait de biciclette entre chien et loup“).
Diese kleinen Geschichten ergehen sich keineswegs in billiger Sehnsucht nach der vermeintlich guten alten Zeit. Sie sind vielmehr zeitlos und einige von ihnen, wie der „Duft der Äpfel“ oder „Das Taschenmesser“ hätten vor Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten geschrieben werden können und hätten nichts von ihrem Charme verloren. Das ist es, was gute Literatur ausmacht: zeitlos unterhaltsam zu sein. Ich empfehle dieses Buch all jenen, die sich nicht gleich auf einen dicken Roman einlassen möchten, sich aber ab und zu ein Häppchen französische Lebensart zu Gemüte führen möchten. Oder sich langsam an Bücher herantasten wollen, die keinen praktischen Nutzen im täglichen Rattenrennen haben. Womöglich steckt viel mehr in ihnen, als sich buchhalterisch ermessen lässt…

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Buchtipp: Siri Hustvedt, Der Sommer ohne Männer. Summer without Men

Buchtipp: Anna Wimschneider, Herbstmilch.

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Buchtipp: Arno Schmidt, Aus dem Leben eines Fauns

Buchtipp: Epikur, Die Philosophie der Freude

Buchtipp: Eine blassblaue Frauenschrift

Buchtipp: Angela Carter, Wie’s uns gefällt. Wise Children


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Buchtipp: Julian Barnes, Metroland

Buchtipp: Dimitri Verhulst, Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau

Buchtipp: P.D. James, Im Saal der Mörder. The Murder Room

Buchtipp: Pilippe Delerm, Ein Croissant am Morgen. La Première gorgée de bière

Buchtipp: Ian McEwan, Am Strand. On Chesil Beach

Buchtipp: Isabel Allende, Was wir Frauen wollen. Mujeres del alma mía

Buchtipp: Der Gaulschreck im Rosennetz

Buchtipp: P.D. James, Im Saal der Mörder. The Murder Room

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Buchtipp: Grazia Deledda, Cosima.

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Über den Autor ANAKREON

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