„Faun in der Pandemie“ (Bild von Anakreon)

Arno Schmidt, der Menschenfeind
Wenn es um Miesepeter und Zyniker in der neueren deutschen Literatur geht, dann steht Arno Schmidt mit Sicherheit an vorderster Stelle. Er war ein Misanthrop und Eigenbrötler, der die letzten 20 Jahre seines Lebens zurückgezogen im niedersächsischen Bargfeld verbrachte und kaum einmal eine Tagesfahrt in die Umgebung unternahm. („Im allgemeinen bin ich am liebsten allein; ein Wesenszug, den meine wenigen Bekannten ohne Zögern bestätigen werden.“ [aus: Zählergesang]) Dort stellte er ein umfangreiches Archiv von Gedankensplittern und Zitaten in Zettelkästen zusammen, aus denen er dann seine exzentrischen Werke komponierte. Die meisten seiner Bücher tragen autobiographische Züge, oft steht ein Sonderling im Mittelpunkt des Geschehens. Seine literarischen Figuren sind in ihren Äußerungen oft politisch unkorrekt, rücksichtslos und beleidigend. Sie sind genauso boshaft wie der Autor selbst, denn Schmidt hielt es geradezu für eine Hauptaufgabe des Künstlers, unbequem zu sein: “Ist es doch, höflich ausgedrückt, eine Naivität- korrekter: eine Frechheit! – von der Kunst zu verlangen, sie habe sich, per fas et nefas [mit allen Mitteln] dem Nie=Wo [Niveau] des Volkes anzupassen; umgekehrt ist es: der Einzelne, der große Kunst verstehend genießen will, hat sich gefälligst zu ihr hinzubemühen.“ [aus: „Sind wir noch ein Volk der Dichter & Denker]
Schmidts Erzähltechnik
So ähnlich verhält es sich auch in dem Kurzroman „Aus dem Leben eines Fauns“, der 1953 erschien. Was rein optisch in dieser Erzählung auffällt – wie in den meisten Werken Arno Schmidts- ist die Erzähltechnik, die er selbst als „Raster“ bezeichnete. Dabei wird die Handlung nicht kontinuierlich fortlaufend erzählt, sondern in kurzen Textpassagen. Jeder Absatz wird mit hängendem Einzug und kursivem Anfang eingeleitet. Die Handlung kann Sprünge machen, und der Leser muss sich selbst vorstellen, was dazwischen passiert ist. Damit will Schmidt andeuten, dass die menschliche Erinnerung selbst nur bruchstückhaft das Geschehene abbildet.
Der Autor und sein alter ego
Wie in vielen seiner Werke steht ein Ich-Erzähler im Focus des Geschehens, der in wesentlichen Charakterzügen an Schmidt erinnert. Ähnlich wie der Autor lebt auch Heinrich Düring in der Lüneburger Heide. Als gebürtiger Hamburger fühlte Schmidt sich Zeit seines Lebens nur im norddeutschen Flachland wirklich zu Hause, obwohl er auch in anderen Gegenden lebte. So sinniert Düring: „Bergländer liebe ich nicht: nicht den breiigen Dialekt ihrer Bewohner, nicht die zahllos gewölbte Erde, Bodenbarock. Meine Landschaft muß eben sein, flach, meilenweit, verheidet, Wald, Wiese, Nebel, schweigsam.“
Keine heile Familienwelt
Heinrich Düring führt ein freudloses Dasein zwar mit Haus und Garten, doch in kleinbürgerlicher Enge, sowohl räumlich als auch geistig. Er ist Beamter in einer wenig anspruchsvollen Bürotätigkeit im Landratsamt Fallingbostel und hat eine Familie, auf die er gut verzichten könnte. Seine Frau ist ganz Hausfrau und Mutter, schon lange schlafen die Eheleute getrennt. „Und ich dachte mit wehmütig gespreizten Augen an meine prüde Frau, die ich seit 10 Jahren nicht mehr hatte nackt sehen dürfen: soll sie sich n Dreck behalten!“ Dies ist womöglich eine Anspielung auf seine langjährige Beziehung zu seiner Frau Alice, die auf sein Betreiben hin ihren Beruf aufgab. Allerdings blieb das Paar bewusst kinderlos. Düring schwärmt ersatzhalber für eine etwa achtzehnjährige Klassenkameradin seiner Tochter. Dies und gelegentliches Onanieren (im Roman durch die Abkürzung „O.“ gekennzeichnet) lässt sein erotisches Leben nach außen hin wenig prickelnd erscheinen. Hingegen schätzt er die kleinen Freuden des Lebens: „Das Verläßlichste sind Naturschönheiten. Dann Bücher; dann Braten und Sauerkraut. Alles andre wechselt und gaukelt.“ Auch sein Verhältnis zu seinem Sohn ist kaum herzlicher. Dem von der NS-Ideologie begeisterten Jungen begegnet er kühl und distanziert, oft herablassend („Paul war mir ferner als ein Fremder“).
Dürings innere Emigration
Die Ablehnung NS-Staates und die Geringschätzung alles Zackig-Militärischen führt bei Düring allerdings nicht zu offenem Widerstand, sondern schlägt sich eher in Gleichgültigkeit nieder. Er hat sich in einem Umfeld innerer Emigration einigermaßen behaglich eingerichtet, wobei er weder gegen sein unbefriedigendes Privatleben noch gegen das verachtete Naziregime aufbegehrt: „…ich kann doch denken, was ich will!!: Hab mein Haus, leidlich stumpfsinnige Arbeit, und einen größeren Wortschatz, als sämtliche PGs [Parteigenossen] zusammengenommen“ Seinen Alltag nimmt Düring als hohle Scheinwelt wahr. Das ‚richtige Leben‘ spielt sich für ihn allein in anregender Lektüre und beim Durchforsten alter Bücher und Dokumente ab- auch dies eine Parallele mit dem Autor. Er verrichtet seinen Dienst, und ergeht sich in langen Spaziergängen durch die einsame Heidelandschaft – an einer Stelle bezeichnet er sich selbst als „Heidediener, Blattanbeter, Windverehrer“ – und schwärmt für alte Bücher und ist ein profunder Literaturkenner. So fantasiert er von „Kulturfreistätten“, in denen „möglichst große Büchervorräte sowie die wertvollsten der unwiederholbaren künstlerischen Werke der Menschheit zu sammeln wären.“
Ein echter Eigenbrötler
Er hat weder echte Freunde und noch ebenbürtige Gesprächspartner, von seltenen Kontakten zu einem jüngeren Arbeitskollegen einmal abgesehen. Als Freigeist hat er weder für patriotisches Gerassel noch für religiöses Geklingel etwas übrig: „Kirchengeräusche: das heißt Glocken, Gesang, Gemeinschaftsgemurmel: ich zog den Bogen weit (um die Gemeinschaft)“. Allein in seinen inneren Monologen findet er Gelegenheit, seine verschiedenen, heftigen Abneigungen in Worte zu kleiden, wenn er zum Beispiel gegen die politischen Verhältnisse, die Dummheit oder das Christentum wettert: „Einfall: wenn wir Evangelien von Weibern hätten, Mathilde Marga Luzie Johanna, können Sie sich darauf verlassen, daß der Erlöser weiblichen Geschlechts gewesen wäre.“ Auch die Vergnügungen der einfachen Leute sind ihm ein Greuel: „Und auch jetzt belauschte ich neidlos das ungestalte Getümmel: Arbeiter im Staat, Fabrikmädchen und Bauerntrampel, verschwitzt in Saal und Garten. Dann trumpfte die kleine Musik wieder auf, dann drehten sich die Hanswürste in ihren gebügelten Stoffhülsen…“
Ausbruch aus der Enge des Büroalltags
Wie ein Geschenk des Himmels erscheint ihm die Aufgabe, ein Kreisarchiv einzurichten, die man ihm von oben zuteilt. Nun tut sich dem frustrierten Beamten die Möglichkeit auf, seiner traurigen Existenz zumindest zeitweise zu entfliehen. Die Hälfte seiner Arbeitszeit wird er für diese Aufgabe freigestellt. Also fährt er mit Bus, Fahrrad und Zug kreuz und quer durch den Landkreis, und sammelt mit großem Interesse alte Dokumente. Detailliert werden Besuche bei einem alten Bauern und in einem Pfarrhaus geschildert. Düring vergräbt sich akribisch in die Historie seines Landkreises, und in einem ersten Anflug innerer Auflehnung gegen seine Lebensumstände beginnt er, besonders interessante Stücke für sich privat zu entwenden. Er überredet seinen Vorgesetzten, ihn auf eine Dienstreise nach Hamburg zu schicken, wo er endlich der provinziellen Enge entflohen die Kunsthalle besucht. Auch erlebt er fast unerwartet einen zweiten Frühling in der Liebesbeziehung zu dem Nachbarmädchen Käthe, das über 30 Jahre jünger ist.
Dürings faunisches Doppelleben
In den alten Unterlagen findet er Hinweise auf das Schicksal eines Deserteurs der französischen Armee, die in den napoleonischen Kriegen die Gegend besetzt hielt. Dies weckt sein ganz besonderes Interesse. Er streift auf der Rückreise von Hamburg durch die Moorlandschaft in der Nähe seines Wohnorts und entdeckt eher zufällig die Hütte, die sich jener Deserteur tief im Schilf versteckt gebaut hatte. Dort lebte er über Jahre als freier Faun, der wie ein Schatten durch die Wälder geisterte. Die Hütte macht Düring zu seinem persönlichen Rückzugsort, in den er sich heimlich schleicht – mal mit, mal ohne seine Geliebte, die als einzige von dem Versteck weiß. Anders als jener Franzose verbirgt er sich aber weniger vor dem Militär, sondern ist vielmehr auf der Flucht aus dem Leben an sich. Zu seiner inneren Emigration in die Welt der Bücher gesellt sich also auch der Rückzug aus den äußeren, bedrängenden Umständen seines Lebens. Mehr und mehr nimmt er daher selbst die Identität jenes faunischen Deserteurs an. Aber es droht Gefahr, als der Krieg langsam zu Ende geht. Sein Sohn ist bereits gefallen, was er aber eher distanziert und nüchtern aufnimmt, da ihr Verhältnis seit Jahren zerrüttet war. Auf die Frage seiner Frau, was man in die Traueranzeige schreiben solle, antwortet er: „»Paul fiel«, sagte ich hart, »eines der vielen irregeleiteten Kinder« “ Die Behörden vermuten nach vagen Berichten einen Deserteur der Wehrmacht, der sich in Moor versteckt halten könnte. „»Stell’n sich ma vor, Düring: da soll jetzt wieder so Einer sein. In derselben Gegend. Jahrelang schon!«“
Ende im flammenden Inferno
Obwohl die Losung lautet, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen, verlassen auch die Parteigenossen bereits das sinkende Schiff. “Ach, sieh da!!: er trug auf einmal schon das Parteiabzeichen nicht mehr! (Genau wie bei uns der Häusermann und die anderen Kanalratten: guck an!)“. Düring beschließt daher, ebenfalls alle Spuren zu verwischen, man weiß nicht, welche Folgen die Entdeckung seines Unterschlupfes nach sich ziehen könnte. Die Hütte will er daher nach einem letzten Rendez-vous mit Käthe niederbrennen. Zuvor aber werden die beiden Zeugen eines Feuerinfernos, denn ein alliierter Bombenangriff auf die nahegelegene Munitionsfabrik Eibia (ein Chemie- und Rüstungswerk) – wirkt wie ein Menetekel auf den bevorstehenden Untergang des NS-Regimes. „»Runter!!!« Denn neben uns begann der Bunker zu krähen, und richtete so streng seinen roten Kamm, daß wir sehr niederfielen und uns anzitterten, als er wändeschlagend über uns hinwegflog. An seiner Stelle erschien erst eine Feuermorchel (die 30 Mann nicht umspannen konnten), dann die Giralda, dann viel Apokalyptisches (und glitzernde Reisigberge).“
Ein Leben in Ruinen
Im Bombenhagel überlässt Düring seine Frau ihrem Schicksal, um sich mit seiner Geliebten durch Weltuntergangsszenen bis zu der geheimen Hütte durchzuschlagen. In einer stakkatohaften Sprache, Wortfetzen, die die Beben der explodierenden Fabrik abbilden, schildert der Autor die Szenerie wie eine Götterdämmerung. Nach einer Liebesnacht brennen die beiden ihr Versteck nieder. Der Roman endet beinahe optimistisch, denn in der Zeit des untergehenden Dritten Reiches, in der täglich noch Tausende völlig sinnlos ihr Leben ließen, konnte derjenige sich glücklich preisen, der 10 Tage im Voraus planen konnte:
„»Wie lange bist Du noch genau hier?« »Zehn Tage.«, und unsere Mienen entspannten sich herrlich: Wer denkt heute noch 10 Tage voraus?!“

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Buchtipp: Domenico Starnone, Auf immer verbunden. Lacci

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Buchtipp: Romain Gary, Frühes Versprechen. La promesse de l’aube.

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Buchtipp: Siri Hustvedt, Der Sommer ohne Männer. Summer without Men

Buchtipp: Anna Wimschneider, Herbstmilch.

Buchtipp: Theodor Fontane, Unterm Birnbaum

Buchtipp: Arno Schmidt, Aus dem Leben eines Fauns

Buchtipp: Epikur, Die Philosophie der Freude

Buchtipp: Eine blassblaue Frauenschrift

Buchtipp: Angela Carter, Wie’s uns gefällt. Wise Children


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Buchtipp: Julian Barnes, Metroland

Buchtipp: Dimitri Verhulst, Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau

Buchtipp: P.D. James, Im Saal der Mörder. The Murder Room

Buchtipp: Pilippe Delerm, Ein Croissant am Morgen. La Première gorgée de bière

Buchtipp: Ian McEwan, Am Strand. On Chesil Beach

Buchtipp: Isabel Allende, Was wir Frauen wollen. Mujeres del alma mía


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