„Theodor Fontane“. Aquarell von Anakreon


Theodor Fontane: Unterm Birnbaum (1885)

Die meisten aus der Generation 60 Plus haben in der Schule noch Gedichte auswendig gelernt. Ein besseres Gedächtnistraining gibt es kaum. Theodor Fontanes Meisterwerk „Die Brücke am Tay“ war womöglich auch darunter, vielleicht wurde später „Effi Briest“ in der Klasse behandelt. Als Krimiautor ist uns Fontane weniger geläufig. Gleichwohl waren Kriminalromane im 19.Jahrhundert sehr im Schwange, vor allem in England mit den Geschichten Arthur Conan Doyles und dessen Sherlock Holmes, den Romanen von Wilkie Collins („The Moonstone“ 1868) und den geradezu albtraumhaften Erzählungen von Edgar Allen Poe. Schon lange zuvor dienten die bearbeiteten Gerichtsakten des französischen Juristen Francois Gayot de Pitaval als Vorlage für Romane, die Tathergänge auf verwickelte Art und Weise rekonstruierten und so den Leser in ihren Bann schlugen. In Spanien steht Pedro Antonio de Alarcón mit seinem Roman El clavo („Der Nagel“, 1853) am Anfang des Kriminalromans im 19.Jahrhundert. Nicht übergehen darf man die Romane Dostojewskis, der etwa in „Schuld und Sühne“ einen Mord aus niedrigen Beweggründen thematisiert, gleichzeitig aber die innere Reinigung des Täters nach Verbüßung der Strafe darstellt. Dieses Literaturgenre geht offenbar einher mit der wachsenden Urbanisierung, sozialen Ungleichgewichten und der Anonymität der Stadt, wo Gewalt als Lösung von Konflikten leichtfertig angewandt bzw. als Mittel betrachtet wird, sich Vorteile zu verschaffen. Waren die nach dem Franzosen benannten Pitaval-Geschichten Dokumentation aufsehenerregender Rechtsfälle, so neigten die Schriftsteller in der Folgezeit immer mehr dazu, selbst Kriminalfälle zu konstruieren und „mit dem Leser zusammen“ zu lösen, wobei zwei Vorgehensweisen beliebt waren; 1. Der Leser wusste von Anfang an, wer der Täter war und begleitete den Autor bei der Auflösung. 2. Der Täter wurde im Laufe der Erzählung entlarvt, wobei das Ende oft einen Überraschungsmoment bereithielt.
Aber auch die Pitaval-Geschichten waren nicht immer rein juristische Fallbeschreibungen, oft wurde versucht, die Motive des Täters ergründen, während den rein literarischen Kriminalgeschichten ihrerseits oft eine wahre Begebenheit als Basis für eine fantasievolles Weiterspinnen des Stoffes auf oft völlig neuen Bahnen diente. Gemeinsam war beiden Vorgehensweisen, dass sie in der literarischen Strömung des Realismus zuzuordnen waren und daher mit Vorliebe die soziale Umfeld schilderten und den Tathergang psychologisch zu erklären versuchten.
Auch Fontane schrieb Krinimalgeschichten
Theodor Fontane, den man eher der „hohen Literatur zuordnet“ (was immer das auch heißen mag), ist mit einigen Werken an die Öffentlichkeit getreten, die in einem weiteren Sinne zur Kriminalliteratur gezählt werden können: Die historische Erzählung Grete Minde (1879/80), in der es um eine Brandstiftung geht, die die Stadt Tangermünde im 17. Jahrhundert verwüstete; Ellernklipp (1881), Unterm Birnbaum (1885) und Quitt (1890), in denen jeweils ein Mord verübt wird.
Entsprechend dem Weltbild des bürgerlichen Zeitalters entgeht der Täter auch bei Fontane seiner Strafe nicht. Die Hauptperson der Erzählung „Untern Birnbaum“, der Gastwirt Abel Hradscheck, ist wohl die unsympathischste aller Figuren bei Fontane, denn er begeht vorsätzlich einen Mord. Aus niedrigen Beweggründen (Geldgier) bringt er seinen Gläubiger um, der überdies als harmloser, sympathischer Mensch geschildert wird, der bei ihm als Gast übernachten will. Möglicherweise ist dies nicht sein erster Mord. Die Frau, mit er vor Jahren schon ein außereheliches Verhältnis hatte, verstarb plötzlich und aus unerklärlichen Gründen.
Zu seiner Geldgier gesellt sich die Eitelkeit seiner Frau Ursel, die sich stets für etwas Besseres hält und deren schlimmster Alptraum der finanzielle Ruin ihres Mannes wäre. „Nein, nein, Hradscheck, wie ich Dir schon neulich sagte, nur nicht arm. Armut ist das Schlimmste, schlimmer als Tod, schlimmer als …“ Mit ihrer Verschwendungssucht hat sie nicht unerheblich zu Hradschecks Schulden beigetragen. Daher steht sie als nach einigem Zögern als Handlanger zur Beseitigung des Händlers in polnischen Diensten, Szulski, bereit, denn Hradscheck kennt ihre schwache Stelle: „Bald aber fuhr er entschlossen fort: „Ah, bah, es wird sich finden, weil sich’s finden muß. Not kennt kein Gebot. Und was sagte sie neulich, als ich das Gespräch mit ihr hatte? ‚Nur nicht arm sein. Armut ist das Schlimmste.‘ Daran halt’ ich sie; damit zwing’ ich sie. Sie muß wollen.“ Mit der Beseitigung Szulskis wäre es möglich, sich der drückenden Schulden auf einem Schlag zu entledigen. Das muss sie doch wollen!
Wer ist für den Mord verantwortlich?
Um ihr den Ernst der Lage vor Augen zu führen und sie vollends auf seine Seite zu ziehen, legt er ihr ihre finanzielle Lage schonungslos offen. Als er gar darauf hinweist, dass im Falle des Bankrotts der Gerichtsvollzieher vor der Tür stehe, droht sie mit Selbstmord. „Nein, Hradscheck, das darfst Du mir nicht antun, da nehm’ ich mir das Leben und geh in die Oder, gleich auf der Stelle.“ Denn ihr ganzes Bestreben ist zeitlebens dahingegangen, den übrigen Dorfbewohnern zu demonstrieren, dass sie zur besseren Gesellschaft gehöre. Der Vorstellung von einem „Leben in Schande“ ist ihr unerträglich, dabei leben die Hradschecks schon lange über ihre finanziellen Verhältnisse. Zur Verschwendungssucht gesellt sich der „verdammte Hochmut“, wirft Hradscheck ihr vor: „Du wolltest hoch hinaus und was Apartes haben, damit sie sich wundern sollten. Und was haben wir nun davon? Da stehen die Sachen und das Bauernvolk lacht uns aus.“ So sind sowohl Hradschecks Geldgier und Angst vor Ehrverlust ebenso wie die Eitelkeit seiner Frau Ursel die Motive, die schließlich in den gemeinsamen Untergang führen.
Gleichwohl ist Abel Hradscheck der Hauptschuldige am Mord des Händlers Szulski, seine Frau Ursel beteiligt sich zwar an dem Verbrechen und ihre Eitelkeit trägt einiges zum Tatmotiv ihres Mannes bei, er aber tüftelt die Details des raffinierten Mordplans aus.
Ein raffinierter Plan
Eine seiner Finten besteht darin, seine Frau im Pelzmantel Szulskis dessen Kutsche besteigen zu lassen und diese dann, samt Pferd, in der Oder zu versenken, so dass man von einem Unfall ausgehen muss. Zugleich verbreitet er, seine Frau habe eine bedeutende Erbschaft angetreten, was ihn aus der Schusslinie nimmt und den plötzlichen Reichtum nach der Tat unverdächtig erscheinen lässt. Von besonderer Raffinesse zeugt es, dass er sich selbst einem Anfangsverdacht aussetzt, der dann entkräftet wird, so dass er dann als ein zu Unrecht Angeklagter dasteht. Er spekuliert darauf, dass ihn seine Nachbarin nachts beim Graben im Garten beobachtet: „Hier grub er eifrig und mit sichtlicher Hast, und musste schon ein gut Teil Erde herausgeworfen haben, als er mit einem Male das Graben aufgab und sich aufs Neue nach allen Seiten hin umsah.“
Damit geht sein Plan auf: als der allgemeine Verdacht auf ihn fällt und die Leiche „exhumiert“ wird, kann er den Totengräber darauf aufmerksam machen, dass der Tote unterm Birnbaum seit mindestens 20 Jahren dort liegen muss, da nur noch Knochen zutage treten. Von einem kürzlich Ermordeten also keine Spur. Die Dorfbewohner, die einander eben noch schadenfroh angrinsten, sind zutiefst beschämt, Hradscheck zu Unrecht verdächtigt zu haben. Auch Pfarrer Eccelius wird unwissentlich zu seinem Verbündeten, streut er doch noch Salz in diese Wunde, indem er in der nächsten Sonntagspredigt das achte Gebot Mose zugrunde legt: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“
Es scheint nun also, als habe Hradscheck die moralische Ordnung ausgehebelt und das perfekte Verbrechen begangen. Alle sind auf seinen perfekt ausgeführten Plan hereingefallen, und ihn plagen kein Gewissensbisse, sondern nur die Sorge, die Geschichte könnte wieder Gesprächsthema und neu aufgerollt werden.

Ursel fürchtet Strafe im Jenseits

Ganz anders seine Frau; Ursels Frau wird nicht nur von Gewissensbissen gepeinigt, sondern ist zerfressen vor Angst, im Jenseits zur Rechenschaft gezogen zu werden. Die seelische Zerrissenheit wirft sie aufs Krankenbett und erst als das Haus umgebaut und das „Mordzimmer“ verschwunden ist, fühlt sie sich etwas besser. Gleichwohl sucht sie Trost in ihrem alten katholischen Glauben (sie ist zum Protestantismus konvertiert): Sie hat vor, in Krakau heimlich Seelenmessen für den verstorbenen lesen zu lassen und durch diese Buße dem Toten sein Geld zurückzuzahlen. Sie, die früher kokett und verschwenderisch war, will durch den Verzicht auf das Wertvollste ihre Schuld mildern.
Kurz vor ihrem Tod warnt sie ihren Mann vor der Rache der Toten, die keine Ruhe finden. Während er keinerlei moralische Bedenken hat, ängstigt ihn diese abergläubische Vorstellung sehr.
Nachdem seine Frau zu Grabe getragen hat, verfällt Hradscheck in eine kurze Trauer, doch es dauert nicht lange, bis er Vergnügen und Geselligkeit sucht wie ehedem. Er hat in Berlin eine junge Frau kennengelernt, das Leben liegt wieder vor ihm. Die ganze üble Geschichte scheint ausgestanden.
Doch Hradscheck hat nicht mit seiner Nachbarin, Mutter Jeschke, gerechnet. Ihr geht es weniger um die Aufklärung der Tat als vielmehr darum, dass sie sich von ihrem Nachbarn keinen blauen Dunst vormachen lassen will. Nachdem dieser ihr mit einer Anzeige wegen Verleumdung gedroht hat, steckt sie sich hinter seinen Diener Ede und macht ihm weis, in Hradschecks Keller spuke es, so dass er sich weigert, hinunter zu gehen: „Nun, Junge, wird es? Mach flink.“ „Ick geih nich.“ „Du gehst nich? warum nich?“ „Et spökt.“ „Wo?“ „Unnen … Unnen in’n Keller.“

Der Mörder stirbt neben seinem Opfer

Hradscheck macht sich über Edes Naivität lustig, doch er wird nun selbst nervös und beschließt, die Leiche im Keller verschwinden zu lassen. Er rollt die Weinfässer beiseite, fixiert sie mit einem Brett, doch da passiert es: ein Fass rollt über das Brett und versperrt die Kellertür, so dass Hradscheck in seiner eigenen Falle gefangen ist. Am nächsten Morgen findet man ihn neben der halb ausgegrabenen Leiche selbst tot. Womöglich hat ihn dort der Schlag getroffen, oder er ist infolge von Sauerstoffmangel erstickt: „ Da nicht viele Stufen waren, so konnt’ er das Nächste sehn: unten lag Hradscheck, allem Anscheine nach tot, ein Grabscheit in der Hand, die zerbrochene Laterne daneben…Die Tür stand auf, etwas Erde war aufgegraben, und man sah Arm und Hand eines hier Verscharrten. Alles andre war noch verdeckt. Aber freilich, was sichtbar war, war gerade genug, um alles Geschehene klar zu legen.“
Diese Gruselszene soll dem Leser des 19.Jahrhunderts die moralische Botschaft glaubhaft erscheinen lassen. Die Möglichkeit, dass der Täter, wenn er nur gerissen genug ist, ungeschoren davonkommt, soll auf jeden Fall ausgeschlossen werden. Nachdem Hradscheck sich alle Rückwege in ein moralisch saubere Existenz selbst verbaut hat, versperrt ihm das Fass den Rückweg und er endet selbst neben seinem Opfer. Diese Denkweise findet man in allen Kriminalromanen Fontanes. Hradschecks Frau hingegen wird Opfer ihres eigenen schlechten Gewissens und der Todesfurcht vor den Höllenstrafen im Jenseits, wobei sie offenbar aus seelischer Not schwer erkrankt und durch einen frühen Tod gestraft wird.
Auch ein noch so raffinierter Täter entgeht seiner Strafe nicht, und wenn er selbst es ist, der unabsichtlich zum eigenen Henker wird. Dagegen wird Ursel geradezu rehabilitiert, denn sie hat Buße getan und stirbt reinen Gewissens. Hradscheck aber ist uneinsichtig und skrupellos bis er den entscheidenden Fehler begeht. So liefert Fontane seinem Lesepublikum neben der Mordgeschichte die erwünschte moralische Erbauung.

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