Äpfel aus dem Paradies

Heaven is what I cannot reach!
The apple on the tree,
Provided it do hopeless hang,
That „heaven“ is, to me.
(Emily Dickinson)

Der Himmel,den mein Arm nicht greift!
Der Apfel dort am Baum
Er, der dort ohne Hoffnung hängt
Das ist mein „Himmelstraum“.

Ein Apfel hält den Doktor fern
„An apple a day keeps the doctor away“ – ein Apfel am Tag hält den Arzt fern. Dieser englische Spruch ist auch hierzulande vielen Leuten geläufig, kann er sich doch einreihen in den Lobgesang, der allenthalben auf das gesunde Obst angestimmt wird. Wem es schmeckt, der soll es gerne täglich essen. Man sollte sich nur davor hüten, Dinge zu tun, zu lassen, zu essen und zu trinken, nur weil „Gesundheitsexperten“ eine (neue) Heilwirkung entdeckt haben. Aber zurück zur Spruchweisheit über den Apfel, die ja schon etwas älteren Datums ist, stammt sie doch aus einer walisischen Zeitschrift aus dem Jahre 1866 und lautete in ihrer Urfassung etwas anders, nämlich: “Eat an apple on going to bed, and you’ll keep the doctor from earning his bread” („Iss einen Apfel vor dem Schlafen, willst du den Arzt mit Armut strafen“).

Ein alter Ernährungstipp
Dies ist einer der ersten schriftlich dokumentierten Ernährungstipps überhaupt, wobei alte Lateinschüler sicherlich noch den Hinweis „plenus venter non studet libenter“ im Ohr haben, „voller Bauch studiert nicht gern“- was sicherlich jeder bestätigen kann, der nach einem opulenten Mahl versucht, sich direkt wieder hinter seine Bücher zu klemmen: Man wird eher müder als klüger, die Buchstaben beginnen zu tanzen, denn der Körper ist im Verdauungsmodus. Doch zurück zum Apfel, der für die Generation 60 Plus aus verschiedenen Gründen besonders empfohlen wird: da der Kauapparat mit den Jahren etwas schlapper wird, ist Apfelessen das geeignete Training gegen eine Schwächung der Kaumuskulatur („Damit Sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können!“). Außerdem sollen Äpfel helfen, den Cholesterinspiegel zu senken und die Verdauung anzuregen, außerdem sind sie voller Vitamine Mineralien und Spurenelemente.

https://www.gesundheit.de/ernaehrung/ernaehrung-und-vorsorge/galerie-superfoods-senioren

Eine Studie über die Apfelesser

Das klingt sehr einleuchtend und überzeugend. Wie sieht es mit Studien aus, die sich mit diesem Sachverhalt beschäftigen? Dr. Annette Kerckhoff berichtet in einem äußerst erhellenden Artikel der Seite „Uniambulanz Witten“ vom 23.09.2019 über eine Studie zu genau dieser Frage, die im US-Bundesstaat Michigan durchgeführt wurde. Dabei wurden die Daten von 8728 Erwachsenen ausgewertet. Man unterschied die Apfelesser-Gruppe, deren Mitglieder jeden Tag mindestens einen Apfel mit ca. 150 g verzehrten, von den Nicht-Apfelessern- also den anderen, die weniger oder gar keine Äpfel aßen. Im nächsten Schritt wurde untersucht, wie oft die beiden Gruppen zum Arzt gingen, oder zu anderen Gesundheitseinrichtungen z.B. ins Krankenhaus, zu Psychologen etc.
Es überrascht nicht, dass sich unter 8399 eingeschlossenen Studienteilnehmern nur schlappe 753 Apfel-Esser fanden (9%). Diese Apfel-Esser, stellten die Forscher in ihren statistischen Auswertungen fest, hatten eine höhere Bildung, gehörten eher ethnischen Minderheiten an und rauchten weniger. Aber gingen sie tatsächlich weniger zum Arzt? Wie sollte man das überhaupt messen?

Kaum Unterschiede beim Arztbesuch
Die Wissenschaftler definierten nun das Merkmal „geht maximal einmal im Jahr zum Arzt.“ Zu diesem Auswahlkriterium gehörten nun 39% der Apfelesser und 33% der Nicht-Apfel-Esser. Ein Unterschied, der aber nach weiterer Auswertung statistisch nicht mehr signifikant war. Die Apfelfraktion ließ sich zudem auch etwas weniger Rezepte für verschreibungspflichtige Medikamente ausstellen. Das wissenschaftliche Fazit lautet entsprechend: „Evidence does not support that an apple a day keeps the doctor away; however, the small fraction of US adults who eat an apple a day do appear to use fewer prescription medications.“
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4420713/
So weit so gut. Aber wer weiß, ob die Apfelesser auch wenn sie etwas weniger zum Arzt gehen, tatsächlich gesünder sind?
https://www.youtube.com/watch?v=8yzw-RtIodA

Obstkonsum allein ist offenbar nicht hinreichend
Das englische Zitat besagt also, dass es keinen Nachweis dafür gibt, dass die Fraktion der Apfelesser gesünder als die der Würstchengriller ist, obwohl sie sich weniger Medikamente verschreiben lassen. Wie Dr. Kerckhoff schreibt, waren unter den Apfelfreunden mehr Nichtraucher als unter Apfelverächtern – schon das könnte ein Faktor dafür sein, dass die Arztbesuche unter ihnen etwas häufiger stattfanden. Apfelessen korreliert offenbar mit einem geringeren Krankenstand, ist aber noch lange keine Beweis dafür, dass es die Ursache dafür ist. Ein schlagendes Argument für den Konsum von Äpfeln bzw. Obst im Allgemeinen ist, dass sie sehr vitaminreich sind- das allerdings sind tierische Innereien auch. Wir sind hier schon fast bei einem anderen Thema, Fleischkonsum oder nicht, daher steigen wir kurz von den Apfelbäumen hinunter.

Fleischkonsum muss nicht schaden

Mit geradezu religiöser Inbrunst wird verkündet, dass Obst und Gemüse gesünder seien als andere Lebensmittel. Dabei bildete der Fleischkonsum über Hunderttausende von Jahren die proteinreiche Grundlage der menschlichen Ernährung der Jäger und Sammlerinnen der Altsteinzeit, und erst mit der Sesshaftigkeit während des Wechsels zu Ackerbau und Viehzucht wurde die Ernährung überwiegend auf Pflanzenkost umgestellt. Das muss nicht unbedingt Nachteile mit sich gebracht haben, was aber mit Sicherheit erst hier seinen Anfang nahm, war die Aufspaltung der Gesellschaft in Arm und Reich und ein enormes Bevölkerungswachstum, das es zur Zeit der Nomaden nicht gab. Auf den Wanderungen stillten die Mütter ihre Kinder viel länger, damit sie nicht so schnell wieder schwanger wurden. „So spricht es deutlich für bessere Ernährung, daß Sammler und Jäger der Altsteinzeit im Durchschnitt größer waren als die Ackerbauern und Züchter der Jungsteinzeit: In Europa waren sie durchschnittlich etwa fünf Zentimeter größer, in der Mittelmeergegend sogar neun Zentimeter…Sie hatten auch entsprechend weniger Zeichen von Krankheiten und Hungerperioden.“

Zeugnisse aus anderen Kulturkreisen
Dieselbe Entwicklung war bei den Maya in Mittelamerika zu beobachten: „Die Menschen wurden kleiner, und die Anzeichen von Krankheit und Unterernährung mehrten sich, je mehr seßhaft wurden und eine Stadtkultur sich entwickelte – allerdings mit einer bedeutsamen Ausnahme: Die Oberschicht blieb groß und gesund.“ Die Elite konnte sich weiterhin die eiweißreiche Fleischnahrung leisten, während das Gros des Volkes nur hin und wieder einen Bissen davon abbekam und sich ansonsten von Getreide und den wenigen Gemüsen ernährte, die man damals erst kannte. Den Unterschied zwischen Nomaden, Hirten und Bauern konnte man bis in die jüngste Vergangenheit studieren. So lebten die Inuit (Eskimo) fast ausschließlich von Fett, Fleisch und Innereien ihrer Jagdbeute, bis sie endlich dem Charme der Zivilisation und ihren Segnungen in Form von Konserven, Zucker und Alkohol erlagen. Gleiches gilt für die Massai in Ostafrika, die als Hirtenkrieger von ihren Feldbau treibenden Nachbarstämmen wegen ihrer Körpergröße und -kraft gefürchtet waren. Sie ernährten sich vornehmlich vom Blut ihrer Rinder, die sie zur Ader ließen, und das sie mit Milch vermengt als Hauptnahrungsmittel zu sich nahmen.

Haben wir genug Beweise für das gesunde Obst?
Daher reicht es nicht, ständig die tibetanische Gebetsmühle rundlaufen zu lassen mit der frohen Botschaft vom gesunden Apfel, der schon im Kindergarten als Allheilmittel gepriesen wird. Natürlich sollten diejenigen, denen Äpfel schmecken (dazu zähle ich mich selbst mit meiner Streuobstwiese!), diese nach Herzenslust genießen. Aber nicht jeder mag sie. Meine Tochter kann man noch heute damit jagen, und sie ist mittlerweile 30 und selbst Mutter! Für die gesundheitsfördernde Wirkung von Obst im Allgemeinen und Äpfeln im Speziellen müsste es eigentlich ein Leichtes sein, Beweise aufzutreiben. Doch still ruht der See: „Bei der angeblichen Schutzwirkung von Obst und Gemüse geht es um Korrelationen. Aber stimmen sie überhaupt? Wahrscheinlich nicht. Wie wenig glaubhaft die Bekenntnisse der Fachleute sind, zeigt das Beispiel Magenkrebs, ein Thema, bei dem die Ernährungsexperten von einem Einfluß Ernährung überzeugt sind. Nach Angaben des DIE sollen sogar 66 Prozent aller Fälle ernährungsbedingt sein.“


Magenkrebs und Gemüse

Der eingangs erwähnte Report listet zum Thema Magenkrebs und Gemüse 30 sogenannte Fall-Kontroll-Studien auf: In zehn fehlen entscheidende Daten (wie das Konfidenzintervall) zur Beurteilung der Statistik. Von den verbleibenden 20 errechneten 19 Studien Positives: Vier fanden, daß der Gemüseverzehr ganz allgemein das Risiko senkt, von den restlichen 15 Studien fand jede etwas anderes. Es schützten wahlweise rohes Gemüse, gekochtes Gemüse, grün-gelbes Gemüse, nicht grünes Gemüse, rohes grün-gelbes Gemüse, rohes grünes Gemüse, Brokkoli, Tomaten, Chinakohl, Spinat, Karotten oder Lauch. … Mit der Klassifizierung von Obst und Gemüse nach Farben wird der Boden der wissenschaftlichen Diskussion vollends verlassen. Die Vorstellung, gelbgrünes Gemüse könnte vor Krebs schützen, ist aus wissenschaftlicher Sicht so überzeugend wie der Hinweis, rosa Pillen hülfen gegen Fußpilz und blaue gegen Gicht. Würde ein Lebensmittel tatsächlich vor Krebs schützen, dann müsste die Mehrzahl der Studien zum gleichen Ergebnis kommen. Das Gegenteil ist der Fall. Jede Studie findet etwas anderes. Denn die angeblichen Wunderwirkungen von Obst und Gemüse waren in den größten und besten Studien wie der Nurses-Health- und der Heath-Professionals-Studie nicht mehr auffindbar. Die restlichen prospektiven Untersuchungen ergaben alle etwas anderes – nur keinen Schutz vor durch viel Obst und Gemüse.

Obst und Gemüse schützen nur bedingt vor Krebs
„Die Behauptung, viel Obst und Gemüse würde vor Krebs schützen, hält einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand. Dennoch wird dies von Mehrzahl der Experten öffentlich empfohlen. Die Frage ist also, wem eine solche Kampagne nützt. Den weitaus größeren Nutzen haben die Experten. Je vollmundiger ihre Versprechungen, desto wichtiger ist ihr Rat für die Gesellschaft, desto höher die Aufmerksamkeit der Medien und damit die Forschungsgelder und desto leichter lassen sich Kampagnen aus Steuergeldern finanzieren, die einzelne Vertreter ins Rampenlicht bringen.“ (Udo Pollmer/Susanne Warmuth, Lexikon der populären Ernährungsirrtümer.) Auch wenn Warmuth und Pollmer die Sache reichlich zugespitzt formulieren, ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir oft leichtfertig Dinge weitertragen, weil irgendwann einmal geglaubt wurde, so und nicht anders sei es eben- vor allem, wenn Experten unsere Sinne mit dem Weihrauch ihrer Erleuchtung vernebeln. Wem Äpfel nicht schmecken, der kann es immerhin mit Schiller halten, dessen Blut vom Geruch verfaulender Äpfel in seinem Schreibtisch in Wallung geriet:

Auc Schiller war ein Apfelfreund auf seine Weise

„Eine Luft, die Schillern wohltätig war, wirkte auf mich wie Gift. Eines Tages setzte ich mich an seinen Arbeitstisch um mir dieses und jenes zu notieren. Ich hatte aber nicht lange gesessen, als ich von einem heimlichen Übelbefinden mich überschlichen fühlte, welches sich nach und nach steigerte, so dass ich endlich einer Ohnmacht nahe war. Ich wußte anfänglich nicht, welcher Ursache ich diesen elenden mir ganz ungewöhnlichen Zustand zuschreiben sollte, bis ich endlich bemerkte, daß aus einer Schieblade neben mir ein sehr fataler Geruch strömte. Als ich sie öffnete fand ich zu meinem Erstaunen, dass sie voll fauler Äpfel war. Ich trat sogleich an ein Fenster und schöpfte frische Luft, worauf ich mich denn augenblicklich wiederhergestellt fühlte. Indes war seine Frau wieder hereingetreten, die mir sagte, daß die Schieblade immer mit faulen Äpfeln gefüllt sein müsse, indem dieser Geruch Schillern wohltue und er ohne ihn nicht leben und arbeiten könne.“ (Goethe am 1. Oktober 1827 zu Eckermann). Also auch so kann man Äpfel genießen oder als Saft und Apfelwein (Viez heißt er hier im Moselland, weil sich das einfache Volk den richtigen Wein nicht leisten konnte und daher mit Behagen den „Vize“- oder Ersatzwein schlürfte). Von der Crème de là Crème des Apfels, dem Calvados, wollen wir hier gar nicht erst reden. Bleibt dann einfach nur den Apfel genießen für den, dem er schmeckt, wie Fips der Affe:

Und braucht er auch die Rechte noch,
Den Apfel, den genießt er doch!

(Wilhelm Busch, Fips, der Affe. 9.Kapitel)

https://begeistert60plus.de/gesundes-essen-eine-neue-religion/
https://begeistert60plus.de/fertignahrung-macht-krank/
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Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


Über den Autor ANAKREON

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