Margret Mazzantini (Quelle: wikipedia)
Margaret Mazzantini wurde 1961 in Irland geboren, ihr Vater war Italiener, die Mutter Irin und selbst künstlerisch tätig. Aufgewachsen ist sie in Irland und der Toskana und lebt heute in Rom, zusammen mit ihrem Mann, dem Filmregisseur Sergio Castellitto, mit dem sie seit 1987 verheiratet ist und vier gemeinsame Kinder hat. Zunächst begann sie ihre künstlerische Karriere als Schauspielerin, verlegte sich dann aber mehr aufs Schreiben und erhielt als Autorin große italienische Literaturpreise. Zu ihren Romanen gehören Die Zinkwanne/ Il catino di zinco (1994), ausgezeichnet mit dem Premio Selezione Campiello und dem Premio Rapallo-Carige; Manola (1999); Non ti muovere (2001), ausgezeichnet u.a. mit dem Premio Strega 2002, dem Premio Grinzane Cavour, dem Premio Città di Bari, und 2004 verfilmt von Sergio Castellitto mit Penélope Cruz in der Hauptrolle; Das schönste Wort der Welt/ La parola più bella del mondo (2008), Premio Campiello 2009, das auch von Sergio Castellitto verfilmt wurde und in dem Penelope Cruz die Hauptrolle spielt; Nessuno si salva da solo, (2011), das acht Monate lang die italienischen Bestsellerlisten anführte, und Das Meer am Morgen/ Mare al mattino (2011), um nur die wichtigsten zu nennen. Weitere Informationen: www.margaretmazzantini.com
Der Rahmen der Erzählung
„Non ti muovere“ ist ihr bekanntester Roman, dessen deutscher Titel lautet: „Geh nicht fort“: Ein Frau schreibt das Psychogramm eines Mannes: der erfolgreiche Arzt Timoteo gelangt unversehens an einen Punkt, wo sein erfolgreiches Leben auf einmal aus den Fugen gerät. Der Roman ist als Rahmenhandlung aufgebaut. Was ist für einen Vater oder eine Mutter der GAU? Das eigene Kind liegt schwer verletzt im Krankenhaus und kämpft um sein Leben. Der Super-GAU: ein Arzt sieht seine eigene Tochter plötzlich vor sich auf dem OP-Tisch liegen: Motorradunfall! „Du hast in rasender Fahrt mit deiner künstlichen Wolfsjacke die Vorfahrt nicht beachtet, natürlich den Walkman am Ohr“, raunt er ihr im Geiste zu. („Non hai rispettato lo stop. Sei passata in volata con la tua giacca di finto lupo, gli auricolari del walkman pressati nelle orecchie “). Dieses Horrorszenario muss Timoteo nun irgendwie bewältigen, und er tut dies, indem seine innere Stimme mit seiner Tochter ein Gespräch beginnt, das so lange dauert, wie sie im OP ist. Die äußere Handlung spielt sich in sehr kurzer Zeit ab, doch Timoteo begibt sich auf eine geistige Zeitreise, die sich über anderthalb Jahrzehnte hinzieht. Die Sonne bringt es an den Tag, heißt es, alle Wahrheiten scheinen irgendwann ans Licht zu kommen: die Vergangenheit, die Liebe, die Fehler.
Im Angesicht des Todes
Und es ist der stille Schmerz, mit dem Timoteo in den Stunden der Operation darauf wartet, dass ihm jemand sagt, was gerade passiert, ob seine Tochter endlich außer Gefahr ist. Währenddessen erzählt er ihr nicht nur seine ganze Geschichte, sondern legt die Beichte ab. Denn diese Geschichte ist in gewisser Hinsicht auch die ihre. Während sich die Bilder vor seinen Augen zusammenfügen und wieder zerfließen, zieht Timoteo seine Leser mit in einem inneren Monolog mit seiner Tochter. „Non ti muovere“- Beweg dich nicht, geh nicht fort: dieser Satz zieht sich wie ein Leitmotiv in verschiedenen Situationen durch den Roman, und hier wird er dem Leser zum ersten Mal zugeraunt. Er sagt dies zu seiner Tochter, damit der Tod sie ihm nicht wegnimmt. Er sagt es zu sich selbst, um sich nicht in den Fallstricken der Vergangenheit zu verheddern, er flüstert es nach oben wie ein stilles Gebet. Timoteo verharrt in seiner Unbeweglichkeit, er fühlt sich nutzlos, der Situation nicht gewachsen, er, der so viele Leben gerettet hat, kann nichts anderes tun als warten, und während des Wartens durchleidet er jede Minute seiner Vergangenheit.
Timoteos inneres Geständnis
So beichtet er seiner Tochter Angelica (die „Engelhafte“) die Affäre mit der Kellnerin Italia. Rückblende: 16 Jahre zuvor hat Timoteo eine Autopanne in der Nähe von Rom. Es ist eine trostlose Gegend, Bauruinen neben Schrottautos, es ist bedrückend. In einem Lokal sucht er Hilfe, aber so wie die gesamte Umgebung funktioniert auch das Telefon nicht (wir sind in einer noch handylosen Zeit). Das ganze Lokal ist ein Spiegelbild der heruntergekommenen Gegend, eine der Bars am Stadtrand mit schlechtem Kaffee, grad wie der Geruch, der aus der Toilette hinter einem alten Tischfußballtisch kommt, dessen Spielfiguren von wütenden Gästen geköpft wurden („Uno de quei bar di periferia con il caffé cattivo, come l’odore che arrivava del cesso socchiusa alle spalle de un vecchio calciobalilla con i giocatori decapitati dalla furia degli avventori“) Die Kellnerin Italia bietet ihm an, das Telefon in ihrer Wohnung zu benutzen. Es ist ein heißer Tag, er hat getrunken und völlig unvermittelt fällt er im Haus über sie her. Am nächsten Tag kommt er zerknirscht wieder, will sich entschuldigen und um Verzeihung bitten, doch insgeheim hat er andere Wünsche und wird erneut zudringlich. Diese Frau mit albanischen Wurzeln ist offenbar männliche Gewalt gewohnt, und auch Timoteo hat zunächst eine reine Sexbeziehung im Sinn, doch sehr schnell erliegt er der Faszination dieser einfachen, unkomplizierten Frau, so ganz anders als die gestylten Damen aus der Welt der Schönen und Reichen, aus der er kommt.
Die Macht der Gefühle
Die Kellnerin Italia geht ihm nicht mehr aus dem Sinn, obwohl sie ausgestoßene Frau, einer jener unbeliebten Migranten, von denen man nichts wissen möchte und deren Unterkünfte zwischen Baucontainern und Betonruinen man geflissentlich übersieht. Wäre sie ihm einfach so auf der Straße begegnet, hätte sie ihn nicht im Geringsten fasziniert. Aber hier, in ihrer kleinen, einfachen Welt übt sie eine derartigen Zauber auf ihn aus, dass er seine Position als Chefarzt, sein Luxusleben bedeutungslos werden und seine Ehe in die Krise gerät. Denn diese Frau lockt und schockiert ihn zugleich und löst einen nie gekannten Wirbelsturm widersprüchlicher Gefühle aus. Von Süße und Zärtlichkeit bis hin zu Trostlosigkeit und Schuldgefühlen reicht die Palette, die ihn in anderen Menschen verwandeln, mit dem er sich nie identifiziert hätte, wenn er nicht sicher sein könnte, dass er es ist, der durch diese Geschichte stolpert.
Die Kellnerin und der Chefarzt
Sie leben auf anderen Sternen als Menschen, die sonst einander nie begegnen würden. Doch nun nimmt eine gänzlich ungleiche Beziehung ihren Lauf: Chefarzt und Kellnerin. An sich ist diese Konstellation nichts Neues: der sozial hochgestellte Mann nimmt sich eine Geliebte, mit der er vor seinen Kollegen protzen und seine Männlichkeit wie in einem Spiegel narzisstisch bewundern kann. Doch es ist eben nicht die alte Kiste der Sexaffäre. Italia ist nicht einmal sonderlich attraktiv, auch nicht mehr ganz jung, abgearbeitet. Aber sie lebt eben nicht in der luxuriösen Welt einer verwöhnten Schickeria zwischen Gartenpartys und Flugreisen. In ihrer kleinen, aber behaglichen Wohnung in dieser völlig verwahrlosten Gegend lernt er die kleinen Freuden des Lebens kennen, ihre Pastagerichte, die sie im Handumdrehen in ihrer Kochecke zaubert und vor allem die körperlichen Genüsse einer völlig entspannten Sinnlichkeit. Hier kann er sich ohne jegliche Betulichkeiten, wie er sie aus seiner bürgerlichen Beziehung mit seiner schönen Frau Elsa gewohnt ist, völlig gehenlassen.
Was er bei Italia findet
Manche haben die Konstellation der beiden als den Kontrast zwischen Nord- (Timoteo) und Süditalien (Italia) sehen wollen. Gleichwohl scheint mir aber eher die Gestaltung sozialer Lebenswelten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, das Anliegen der Autorin zu sein. Timoteo findet in Italias einfachem Leben das, was er in seiner glanzvollen Welt vermisst: Echtheit, Ehrlichkeit und Natürlichkeit statt gespielter Gefühle, Statusdenken, Protz und Luxus. Bei Italia ist er nicht länger eingebettet in die Ruhe seines etablierten Lebens- aber er ist viel mehr: ein freier Mann, der es nicht länger nötig hat, sein gewohntes Schattenleben zu führen, wo ihn alle vordergründig kennen, seine Frau, sein Schwiegervater, alle eben. Und doch erscheint es ihm jetzt, als sei gerade dies seine parallele Existenz, nicht das Zusammensein mit Italia, das Flüstern, die Abgeschiedenheit: das ist jetzt sein wahres Leben. Heimlich, ohne Himmel, bedrohlich, aber echt, wahr. („Qui ero un uomo libero, non avevo bisogno di nascondermi. La gente mi conosceva, mia moglie, mio suocero, tutti mi conoscevano. Eppure ora mi sembrava ehe fosse questa la vita parallela, non l’altra. Quella con Italia, nei sussurri, nella segregazione, quella era la vita vera. Clandestina, senza cielo, spaventata, ma vera.“)
Das schöne Leben, eine Farce
In seinem „anderen Leben“ mit Elsa hat er den Wunsch nach einem Kind schon aufgegeben, da passiert es- Italia wird schwanger! Sein erster Gedanke geht in Richtung Abtreibung, dann aber beschließt er, Elsa alles zu beichten. Er wird ihr eröffnen, dass er sie wegen Italia verlassen werde, denn er kann dieses Scheinleben nicht mehr ertragen, obwohl es ihn immer mit Stolz erfüllt hatte, eine so schöne, elegante Frau an seiner Seite zu haben. Jetzt hingegen zieht ihre Eleganz ihn geradezu hinunter. Die ständige Verkleidung… „Jetzt sag ich es ihr. Ja, bestimmt sag ich es gleich: Ich liebe eine andere Frau und sie erwartet ein Kind, also müssen wir uns trennen.“ („Avere una donna cosi elegante accanto mi ha sempre riempito di orgoglio. Oggi invece la sua eleganza mi rende triste. L‘ennesimo travestimento… Adesso le dico: amo un’altra donna e questa donna aspetta un figlio, quindi dobbiamo separarci.”)
Zwei schwangere Frauen
Aber er schreckt zurück. Und kurz darauf geschieht das gänzlich Unerwartete: seine Frau Elsa (auch sie nicht mehr ganz jung wie die biblische Elisabeth) wird nun ebenfalls schwanger, und zwar mit der Tochter, die nun vor im OP liegt und der er im Stillen sein Leben beichtet…Timoteo ist hin- und hergerissen zwischen den beiden Frauen. Seine Frau Elsa ist hochgebildet, elegant und kommt aus „aus bestem Hause“ und arbeitet als bekannte Journalistin. Die Anerkennung ihrer Familie hat sich erst durch seine Karriere als Arzt mühsam verdienen müssen. Nun endlich hat er es geschafft- wirklich? Ihr gegenüber steht Italia, eigentlich unattraktiv, älter als er, seelisch und körperlich angegriffen.
Fluchtgedanken
In einem Moment verachtet er sie, im nächsten betet er sie an, denn durch sie hat er gelernt, sich selbst wieder zu fühlen, den Wohlstand, der ihn wie ein lähmender Panzer umgibt, abzustreifen. Nachdem er mit Elsa schon die Babyausstattung gekauft hat, wirft er alles hin und sucht sein Heil in einer eine wilden Flucht mit Italia, einfach ins Auto setzen und losfahren, ziellos, nur weg. Doch auch dieser Versuch, aus dem Alltag und den Verstrickungen auszubrechen, ist zum Scheitern verurteilt. Italia hat ihrerseits Fakten geschaffen und eine Abtreibung vornehmen lassen, heimlich, durch eine Zigeunerin in ihrem heruntergekommenen Viertel. Was sich in Timoteo nun abspielt, wie Elsa auf seine Flucht mit einer anderen Frau aussieht, ausgerechnet jetzt, wo ihr Kinderwunsch endlich in Erfüllung zu gehen scheint, wird nur angedeutet. Timoteo kehrt zu seiner Frau zurück. Was in all den Jahren passiert, welche Wunden bei Elsa geschlagen und verheilt oder nur verschorft sind, erfahren wir nur verschlüsselt. Wie ein stilles Gebet hat er all dies seiner Tochter Angela im Geiste vorgesprochen, und immer wieder zieht sich der Titel des Romans, Non ti muovere, (wörtlich „Beweg dich nicht“) oder Geh nicht fort durch die Handlung. Bei all der tiefen Zerrüttung bleibt als Zeichen der Hoffnung, dass Angela am Ende bleibt. Sie geht nicht fort…
Wem die Zeit fehlt, sich das Buch vorzunehmen, dem sei die herausragende Verfilmung empfohlen:
Regie und Timoteo: Sergio Castellitto, Margaret Mazzantinis Ehemann, führt Regie und verkörpert gleichzeitig Timoteo, Penelope Cruz spielt Italia in einer Glanzrolle




Weitere Buchempfehlungen:
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Buchtipp: Cees Noteboom, Der Ritter ist gestorben.De ridder is gestorven
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Buchtipp: Colette, Claudines Mädchenjahre. La Maison de Claudine
Buchtipp: Paul Auster, Die Erfindung der Einsamkeit.The Invention of Solitude
Buchtipp: Antonio Muñoz Molina, Siesta mit Blanca. En Ausencia de Blanca
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